On the Rumba River

Der Legende nach nahm der Mechaniker Antoine Kolosoy eines Tages eine Gitarre in die Hand und erfand den afrikanischen Rumba. Als Papa Wendo wurde er weltberühmt, geriet während der Herrschaft Mobutu Sese Sekos in Vergessenheit und wurde erst in den 90er Jahre wieder entdeckt. In seiner sehr entspannten Dokumentation zeichnet Jacques Sarasin das Leben des kongolesischen Musikers nach, voller Musik und Melancholie für ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land.

Webseite: kairosfilm.de

Frankreich 2006 – Dokumentation
Regie: Jacques Sarasin
Buch: Jacques Sarasin
Kamera: Remon Fromont
Schnitt: Bernard Josse
Musik: Wendo Kolosoy
Länge: 86 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Kairos
Kinostart: März 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

So mitreißend die Klänge auch sind, die die afrikanischen Musiker ihren Instrumenten entlocken, ein fröhlicher Film ist „On the Rumba River“ nicht. Verschiedene Linien von Verlust und Verfall durchziehen den Film von Jacques Sarasin, der sich nach „African Blues“, einem Portrait des malischen Blues-Sängers Boubacar Traoré, erneut einer afrikanischen Legende widmet. Nominell im Mittelpunkt steht der Papa Wendo genannte Musiker und Sänger, der in den 50er Jahren den afrikanischen Rumba begründete. Wirkliches Zentrum des Films ist Wendo allerdings nur selten, Sarasin verfolgt einen anderen Ansatz als eine stringente Dokumentation. Zu Beginn sieht man Wendo zwar mit seiner Frau, in einer leicht gestellt wirkenden Szene, in der sie ihn auffordert, doch endlich wieder zu arbeiten und seinen Teil der Ehe zu erfüllen. Der nun folgende Versuch, seine alte Band, angereichert durch junge Musiker, wieder zusammenzubringen und ein Revival des Rumba zu begründen, sind der sehr lose rote Faden des Films.

Anhand von Interviews mit ehemaligen Bandkollegen Wendos entsteht ein loses Portrait des Musikers und seiner Kunst, das der Zuschauer allerdings mit eigenem Vorwissen auffüllen muss. Einzelheiten der Karriere Wendos bleiben ebenso außen vor wie Details über die politische Entwicklung des Kongos. Doch gerade die komplexe Geschichte der ehemaligen belgischen Kolonie, die unter Patrice Lumuba für kurze Zeit auf dem Weg zur Demokratie schien, bevor sie durch westliche Einflüsse und die Machenschaften des Diktators Mobutu Sese Seko für Jahrzehnte in immer noch nicht beendete Bürgerkriege verfiel, ist die Folie, vor der sich die Karriere Wendos abspielt.

In den 60ern ein Star, musste Wendo unter der Herrschaft Mobutus für Jahrzehnte verstummen, und konnte erst Mitte der 90er Jahre wieder auftreten. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Bandkollegen allerdings in alle Winde zerstreut und mussten erst Mühsam zusammengesucht werden. Die Suche nach ihnen, die der Film in semidokumentarischer Manier zeigt, führt durch die endlosen Vororte Kinshasas und Leopoldville, vorbei an baufälligen Häusern, gezeichnet von den Narben der Kriege. Ganz beiläufig zeichnet Sarasin hier das Portrait einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten im Ausnahmezustand lebt und nur langsam zur Ruhe kommt. Ob die Ursachen sich so einfach auf Interessen der Weltmächte schieben lassen, wie es der Film in finalen Schrifttafeln suggeriert, sei dahingestellt, fest steht, dass auch die Musik von den frappierenden gesellschaftlichen Problemen beeinflusst ist. So sind es konsequenterweise auch die langen Musiksequenzen, die das Herz des Films bilden. In verschiedenen Örtlichkeiten – mal einem Studio, dann einer improvisierten Bühne – beobachtet Sarasin die Musiker und die Entstehung eines Stücks, lässt der Musik sehr viel Raum, bricht vor allem nicht mittendrin ab, sondern lässt die Stücke und ihre Wirkung sich entfalten. Dieser ungewöhnliche Ansatz macht den Reiz von „On the Rumba River“ aus, einer ruhigen, melancholischen Reise in den Kongo, zu einer Musik, die nach Jahrzehnten der Kriege kaum noch unbeschwert gespielt werden kann.

Michael Meyns

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