One Of These Days

Nur in Amerika denkbar: Ein Event, bei dem es darum geht, ein Auto möglichst lange zu berühren. In Texas hat dieser Wettbewerb tatsächlich stattgefunden, war schon Thema einer Dokumentation und ist nun Basis für Bastian Günthers Spielfilm „One Of These Days“. Die seltsame Ausgangssituation ist dabei Ausgangspunkt für eine genau beobachtete, skeptische Sozialstudie der amerikanischen Unterschicht.

Website: www.weltkino.de

Deutschland/ USA 2020
Regie & Buch: Bastian Günther
Darsteller: Carrie Preston, Joe Cole, Callie Hernandez, Bill Callahan. Jesse C. Boyd, Cullen Moss, Lucy Faust
Länge: 120 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: Herbst 2020

Pressestimmen:

„’One of these Days’ zeigt die Verlierer des amerikanischen Traums. Der Film von Bastian Günther verhandelt die soziale Spaltung Amerikas anhand einer texanischen Provinzshow. Ein Highlight des Panorama-Programms der Berlinale 2020.“
Der Tagesspiegel

FILMKRITIK:

In der texanischen Kleinstadt Longview organisierte ein Autohändler zwei Jahrzehnte lang einen Wettbewerb mit dem mehrdeutigen Namen Hands on a Hardbody. Ein Hardbody ist in diesem Fall ein typisch amerikanisches Auto, ein Truck, ein Benzin schluckendes Ungeheuer, also auch ein Symbol des amerikanischen Traums. Um dieses Auto zu gewinnen, müssen die Teilnehmer es berühren – und zwar Tag und Nacht. Pro Stunde haben sie fünf Minuten Pause, wer als letzter stehen bleibt, hat gewonnen.

Ebenso einfach wie absurd erscheint dieser Wettbewerb, vor allem aber offensichtlich symbolisch. Das dachte sich S.R. Bindler, der schon 1997 eine Dokumentation über das Thema drehte, das dachte sich der legendäre Robert Altman, der in den letzten Jahren seines Lebens einen Film über das Thema entwickelte, das dachte sich nun auch Bastian Günther. Seit Jahren lebt der deutsche Regisseur in Austin, Texas, hatte zuletzt mit „Houston“ einen Film gedreht, in dem sich ein deutscher Geschäftsmann in den Weiten des amerikanischen Westens verliert. Günther kennt Amerika also gut, womit der Vorwurf, dass er als Außenstehender einen Film über die inneren Zustände eines fremden Landes macht, nicht mehr ganz gültig erscheint. Was man „One Of These Days“ anmerkt, ist sein großes Gespür für die Eigenheiten der Texaner, für Akzente, das spezielle, unbarmherzig harsche Licht des amerikanischen Südens. Fast dokumentarisch mutet es dann auch an, wie Günther den Wettbewerb und seine Teilnehmer einführt.

Gut zwei Dutzend Teilnehmer gibt es, Männer und Frauen, schwarze und weiße, alte und junge, ein Querschnitt durch die Gesellschaft also, könnte man zumindest meinen. Denn eines haben die Teilnehmer gemein: Sie gehören der Unterschicht an, sie nehmen nicht einfach aus Jux an diesem absurden Wettbewerb teil, sondern weil sie dieses Auto wirklich gut gebrauchen könnten.

So auch die eigentliche Hauptfigur Kyle (Joe Cole), ein unscheinbarer Typ, der hart und mit ein bisschen Verzweiflung daran arbeitet, für sich und seine Frau ein halbwegs vernünftiges Leben aufzubauen. Wie das aussieht, zeigt Günther erst am Ende des Films, nachdem ein tragisches Ereignis den Wettbewerb vorzeitig beendet hat. Nicht die Absurdität des Unterfangens betont Günther, sondern die Tragik der Menschen, die sich freiwillig zum Teil einer voyeuristischen Show machen. Zwar nur für ein kleines, lokales Publikum, aber unweigerlich muss man hier auch an all die Menschen denken, die sich in Fernsehshows zum Affen machen, die für einen kleinen Moment des Rampenlicht, die winzige Hoffnung auf Geld und Erfolg, ihre Würde hergeben.

Die Moral der Geschichte ist deutlich, auch ein bisschen überdeutlich, auch wenn sich Günther bemüht, sie nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Dass sie so deutlich wird liegt am Ende auch daran, dass „One Of These Days“ sich sehr lange Zeit lässt, von einem Ereignis zu erzählen, das seinen Reiz schnell verliert und zunehmend dann doch ein Blick von Außen auf eine seltsame Gesellschaft und ihre eigenartigen Rituale ist.

Michael Meyns