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Nervige Captcha-Felder auf der Webseiten-Anmeldung. Endlos-Warteschleifen bei Hotlines. Vergessene Passwörter. Penetrante Werbeanrufe von Callcentern – gegen solche Windmühlen digitaler Errungenschaften haben drei wackere Franzosen in dieser Komödie schier pausenlos zu kämpfen. Der Wiedererkennungseffekt beim Publikum fällt da so groß aus wie das Mitgefühl für diese Verzweifelten. Prompt avancierte das Werk in seiner Heimat mit über 500.000 Zuschauern zu einem der erfolgreichsten Kinofilme, auf der Berlinale gab es den Bären in Silber. (Bleibt zu hoffen, dass auf der Film-Webseite keine Ampeln angekreuzt werden müssen!)

Webseite: www.x-verleih.de

F 2020
Regie: Benoît Delépine & Gustave Kervern
Darsteller: Blanche Gardin, Denis Podalydès von der Comedie-Francaise, Corinne Masiero, Michel Houellebecq.
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: Frühjahr 2021

AUSZEICHNUNGEN:
Silberner Bär im Wettbewerb der Berlinale 2020

FILMKRITIK:

„Ich sehe überall Monat-Flatrates von 20 Euro und zahle selbst 70 Euro!“, wundert Marie sich bei ihrem Telefonanbieter. Da wäre eben nicht alles inklusive, erfährt sie vom pampigen Callcenter, bevor sie aus der Leitung geworfen wird. Erlebnisse wie diese haben enormen Wiedererkennungswert. Ähnlich verhält es sich mit jenen kafkaesken Geschichten von Endlos-Warteschleifen bei Hotlines. Vom nervtötenden Ankreuzen verschwommener Zebrastreifen-Bildchen vor dem Einlass für Webseiten. Von chronisch aufdringlichen Werbeanrufen. Oder jener panischen Suche nach dem verlegten Passwort, von denen dutzendfache Varianten mit Filzstift an der Kühlschrankwand notiert sind.

Was Aristoteles und Co. einst heilig war und bis heute jedem erfolgreichen Comedy-Programm billig ist, weiß das langjährige Regie-Duo Benoît Delépine & Gustave Kervern natürlich geschickt zu nutzen: Das Wiedererkennen als dramaturgische Goldmine, um Zuschauer effektiv zu ködern sowie zu amüsieren. Mit solch denkbar durchschnittlichen Helden wie hier, potenziert der Identifikationsfaktor sich einmal mehr.

Bei den Gelbwesten-Protesten haben sie sich angefreundet, die drei Nachbarn aus der spießigen Vorstadtsiedlung. Nach der Trennung von ihrem Mann muss Marie ihr Single-Päckchen tragen. Der Internet-Verkauf ihrer Möbel soll für Einnahmen sorgen. Der One-Night-Stand aus einer Suffnacht will sich sein heimlich gedrehtes Sexvideo freilich mit 10.000 Euro vergolden lassen. Finanzsorgen plagen auch den Ladenbesitzer Bertrand, der Angeboten von Werbeanrufen nicht widerstehen kann und dessen Tochter von Mobbing-Videos der Mitschüler geplagt wird. Dritte im Bunde ist Christine, die ihren Job im Atomkraftwerk verloren hat, weil sie ihre Serien-Sucht nicht im Griff hat. Nun leidet sie als Chauffeurin an den chronisch miesen Internet-Bewertungen der Kundschaft.

Das verzweifelte Trio aus der Vorstadt versucht fortan, mit vereinten Kräften den digitalen Kraken den Kampf anzusagen. Beim Kampf von David gegen Goliath findet sich mit „Gott“ ein mächtiger Verbündeter: So nennt sich jener Hacker-Hippie, der in einem Windrad haust und gern behilflich ist. Gegen Google und Co. hat allerdings selbst „Gott“ keine Chance. Da bleibt den resoluten Franzosen nur noch der Sturm der Bastille von Silicon Valley: dem Rechenzentrum des Techgiganten.

In ihrem zehnten Streich widmen sich Benoît Delépine und Gustave Kervern („Mammuth“) einmal mehr den großen Sorgen kleiner Leute. Ihre Figuren mögen etwas schlicht gestrickt ausfallen, dafür werden sie mit umwerfender Komik von Corinne Masiero („Der Geschmack von Rost und Knochen“), Denis Podalydès („Intrige“) und Blanche Gardin („Die Weissagung“) spielfreudig präsentiert. An Pointen, Situationskomik und Dialogwitz herrscht kein Mangel: vom „kostenlosen Anti-Virenprogramm für 14 Euro im Monat“ über die chronisch geschlossene Postfiliale bis zum teuren Gemüse-Abo, das selbst der Tod nicht scheidet. Nicht alle Gags gelingen, bei einem solchen Füllhorn an Späßen ist ein bisschen Schwund freilich problemlos zu verschmerzen. Als Klasse für sich erweisen sich die Hommage an den legendären „Verrückt nach Mary“-Gag. Sowie der Gastauftritt von Besteller-Provokateur Michel Houellebecq, der im Laden von Bertrand einen ganz besonderen Kaufwunsch äußert – soviel sei verraten: Es handelt sich nicht um jenes Dosentelefon, dem zum Finale ein Denkmal gesetzt wird.

Dieter Oßwald