Ordinary Time

In ihrer Wohnung in Lissabon kümmert sich Marta (Marta Lança) um ihr Neugeborenes, während sie täglich von Freunden und Familie Besuch erhält. In der Intimität des Hauses kommt es zu persönlichen Gesprächen und interessanten zwischenmenschlichen Begegnungen.  Mit Respekt vor seinen Figuren schildert das unaufgeregte inszenierte, portugiesische Doku-Drama „Ordinary Time“ nichts weiter als das wahre Leben. Ein ehrlicher, besonnen erzählter Film.

Webseite: wolfberlin.org

Portugal 2018
Regie & Drehbuch: Susana Nobre
Darsteller: Marta Lança, Clara Castanheira, Pedro Castanheira
Länge: 64 Minuten
Kinostart: 05.12.2019
Verleih: Steppenwolf Films

FILMKRITIK:

Marta (Marta Lança) ist vor kurzem Mutter geworden. Von den Strapazen der Geburt erholt sie sich in ihrer Wohnung in Lissabon. In den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr herrscht hohe Betriebsamkeit, da sie täglich Bekannte, Nachbarn und Familienmitglieder besuchen kommen. Im intimen Rahmen des Zuhauses von Marta entwickeln sich intensive Aussprachen über Geburten, den Kreislauf des Lebens, Jobs, sowie künftige Erwartungen und Hoffnungen. Und dazwischen muss Marta natürlich auch noch in ihre neue Rolle als Mutter hineinfinden.

In einer genau beobachteten Mischung aus Dokumentation und Fiktion begleitet Regisseurin Susana Nobre eine Kleinfamilie bei ihren Versuchen zusammenzuwachsen. Und verdeutlicht die erforderlichen Anstrengungen, um die Hürden des Alltags gemeinsam zu meistern. Dabei setzt Nobre, die auch das Drehbuch schrieb, nicht auf eine außergewöhnliche Handlung oder Spannungsmomente, im Gegenteil. Es geht ihr darum, das Alltägliche und das Gewöhnliche abzubilden. Dies steckt bereits im Titel („Ordinary“).

Und so ist es vielleicht nicht immer besonders aufregend Marta beim Stillen zu beobachten, wie sie erschöpft auf der Couch einschläft, mit dem Kinderwagen einen Spaziergang unternimmt oder sich mit ihrem Mann mal wieder darüber streitet, wer nach dem Baby sieht – aber es ist das reale, das wirkliche Leben. Dieser hohe Grad an Authentizität zeichnet den nur 64 Minuten langen Film aus. Und zu dieser Lebenswirklichkeit frisch gebackener Eltern gehört noch eine weitere Herausforderung, die es zu bewältigen gilt: eine Balance aus Erziehung, beruflicher Tätigkeit, Freiheiten und der kostbaren Zeit für sich zu finden.

„Ordinary Time“ stellt mit Marta eine moderne, selbstbewusste Frau in den Mittelpunkt, die dazu steht, spät Mutter geworden zu sein (sie ist Anfang 40) und die so schnell wie möglich wieder arbeiten will. Genau über diese Themen, die Rückkehr in die Berufstätigkeit und die Rolle der Frau, führt Marta ein intensives Gespräch mit einer älteren Dame, die Marta von früheren Zeiten berichtet. Als die Frauen in ihrem Dorf – ohne medizinische Hilfe – noch zehn bis zwölf Kinder bekamen und neben der Kindererziehung schwere Arbeit verrichteten. An dieser Stelle verdeutlicht „Ordinary Time“ den Wandel der Zeit, die Unterschiede zwischen Land- und Stadtleben sowie die Erfahrungswerte anderer, in diesem Fall älterer Generationen, die ganz direkt und unmittelbar auf die Wahrnehmungen und Ansichten Martas treffen.

Die Unterhaltungen stellen überhaupt ein sehr wichtiges Element im Film dar. Nicht zuletzt da sie Themen behandeln, die junge Eltern umtreiben und beschäftigen. Etwa wenn sich Marta mit ihrer Freundin über Geburtswehen und den Kaiserschnitt austauscht oder ihr Mann mit einem Bekannten das Thema Sexualität sowie den „Lustverlust“ in der Zeit nach der Geburt erörtert. Nobre schenkt all diesen Gesprächen gleich viel Aufmerksamkeit und hält sich mit ihrer Kamera angenehm im Hintergrund, während sie diese Momente wiederholt mit einem gewissen Abstand und einer respektvollen Distanz zu den Protagonisten einfängt.

Björn Schneider