Over Your Cities Grass Will Grow

Weniger klassische Dokumentation als behutsame Annährung an das Werk Anselm Kiefers ist dieser brillante Film von Sophie Fiennes. Kaum Worte werden gebraucht, allein die Bilder sprechen über Werk und Arbeitsmethode Kiefers und ermöglichen dem aufmerksamen Betrachter in ein faszinierendes Oeuvre einzutauchen.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Frankreich, Niederlande, England 2010
Regie: Sophie Fiennes
Dokumentation
Länge: 105 Minuten
Verleih: mindjazz Pictures
Kinostart: 27. Oktober 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Anfang der 90er Jahre verließ Anselm Kiefer Deutschland und zog in den Süden Frankreichs. In der Nähe des kleinen Städtchens Barjac bezog er die ehemalige Seidenfabrik La Ribaute, die er in den folgenden Jahren zu einem gigantischen Gesamtkunstwerk umbaute. Türme, Brücken, Tunnel, ein Amphitheater entstanden, Glas, Blei, Asche, Beton verarbeitete der Künstler in immer neuen Variationen. Bevor Kiefer 2008 dieses Areal verließ und in Paris eine neue Phase seines Schaffens begann, ermöglichte er der britischen Dokumentarfilmregisseurin Sophie Fiennes auf dem Gelände zu drehen. Das Ergebnis ist dieser eindrucksvolle Film, der die oft problematischen Konventionen der Künstlerbiographie ignoriert und einen ganz eigenen Weg findet, sich dem Werk und Denken Kiefers zu nähern.

Am Anfang steht eine gut 15minütige Sequenz, in der Fiennes die Kamera in langsamen Breitwandbildern durch die Tunnel Ribautes gleiten lässt, vorbei an Lichtschächten, Installationen, entlang der immer neu zu entdeckenden Wege, Kammern, der sich schon fast im Verfall befindenden Arbeit. Unterlegt mit Musik von György Ligeti und Jörg Widmann (mit dem Kiefer an einigen Opern gearbeitet hatte) lässt Fiennes ganz die Kunst für sich sprechen, nimmt sich die Zeit, die sich Dokumentationen meist nicht nehmen. Und so geht es weiter: Ganz ohne Kommentar, ohne Interviewfragen der Regisseurin, die das Unmögliche versuchen, nämlich die Intentionen von Kunst in wenige Worte zu fassen, bleibt der Film ganz bei Anselm Kiefer. Und schafft es, die physische Qualität, das Organische von Kiefers Werk auf faszinierende Weise einzufangen. Mal steht Kiefer am Brennofen, in dem er Stapel von Büchern verbrennt, mal zerschmettern er und seine Assistenten Unmengen an Glas, zerstreuen Kiloweise Asche, hantieren mit Baggern und Kränen. Oft wirkt das Kiefersche Atelier mehr wie eine Fabrik als ein Raum, in dem hochkomplexe Kunst entsteht.

So zeigt der Film Kiefer als großen Handwerker, der selbst beim Bau der 20/30 Meter hohen Türme aus Betonsegmenten und Bleiplatten Hand anlegt – und angesichts der nicht ganz ungefährlichen Materialien jedes Jahr einen Bluttest macht. In der Mitte des Films wiederum steht Kiefer als Intellektueller, der seine Inspiration aus der Bibel, der Physik, der Astrologie und unzähligen anderen Quellen bezieht. Fiennes beobachtet hier ein Gespräch zwischen Kiefer und dem Kunsthistoriker Klaus Dermutz, die auf höchstem Niveau über das Kiefersche Werk diskutieren. (Dieses Gespräch war Teil einer ganzen Reihe, die inzwischen in Buchform vorliegen und lohnenswerte Lektüre zur Vertiefung und Weiterführung des Films sind.)

Mehr als diese wenigen Worte, diesen kurzen Einblick in Kiefers Gedankengänge braucht Fiennes nicht. So auch das Bibelzitat, das nicht nur dem Film seinen Titel gibt, sondern auch einen entscheidenden Aspekt des Kieferschen Werk umschreibt: Über euren Städten wird Gras wachsen. Eine Beschreibung der Vergänglichkeit allen Seins, der Erde, der Menschen und eben auch der von Kiefer erschaffenen Türme, Tunnel und Gebäude von La Ribaute.

Nach Kiefers Wegzug stehen sie einsam in der Landschaft und sehen ihrem zwangsläufigen Verfall entgegen. Sophie Fiennes aber, hat diesem Kunstwerk und dem Künstler Anselm Kiefer mit ihrem Film ein großartiges Denkmal gesetzt.

Michael Meyns

Anselm Kiefers ist Bildhauer, Maler, Allroundkünstler. In den 90er Jahren verließ er Deutschland und siedelte sich in der Nähe von Barjac (Südfrankreich) an. Er schuf seine Kunst aus dem Gelände (die alte Seidenfabrik „La Ribaute“), das er vorfand. Er grub (oder ließ graben) Schächte, Tunnels, Höhlen, geheime Orte. Erdreich, Beton, Glas, Wandinschriften herrschen vor (eine der letzteren ist der Dichterin Ingeborg Bachmann gewidmet).

Symbolischerweise geht es dann vom Dunkel ins Licht. Zusammen mit moderner Musik verharrt die Kamera lange – sehr lange – an diesen geheimnisvollen, düsteren, die Erkenntnisfähigkeit des Betrachters herausfordernden Orten.

Später im Film tritt Kiefers’ Schaffensprozess in den Vordergrund: auf riesigen Wänden Wälder, Türme, sinnbildliche halb zerfallene Konstruktionen.

In der gut ausgestatteten Bibliothek folgt der Interviewteil: Präzise, sachlich und von hoher Intelligenz zeugend gibt Kiefers Auskunft über Philosophisches, Sprachliches, Künstlerisches, All- und Endzeitliches. Man spürt dabei die Überlegenheit des Künstlers über den Interviewer.

2008 verlässt Kiefers den Ort, um neu anzufangen. Doch er verschwindet nicht nur. Alles wird „abgewickelt“. Die künstlerischen Zeugnisse, wie vergänglich ganz im Sinne von Kiefers sie auch sein mögen, verbleiben für immer in der Landschaft.

Ein Dokumentarfilm von einiger Intensität, sehr sehr langsam im Rhythmus und vom Zuschauer Beteiligung heischend. Wer diese – und das Ganze ist wahrlich nicht gängig oder einfach – nicht zu investieren bereit ist, dürfte sich in der Tat sehr schwer tun.

Immerhin sind die Beurteilungen durch manche Kritiker gut bis sogar sehr gut.

Thomas Engel