Palästina 36

Eine historische Lücke versucht die palästinisch-amerikanische Regisseurin Annemarie Jacir mit ihrem Historiendrama „Palästina 36“ zu schließen, der eine entscheidende Episode der palästinensischen Geschichte dezidiert aus palästinensischer Sicht erzählt. Das ist bisweilen einseitig, Bezüge zur Gegenwart wirken oft allzu bemüht, dennoch entwickelt der Film große emotionale Kraft, die gerade in Deutschland helfen könnte, den Blick auf den Nahen Osten zu schärfen.

 

Über den Film

Originaltitel

Palestine 36

Deutscher Titel

Palästina 36

Produktionsland

PSE,GBR,FRA,DNK,NOR,QAT,SAU,JOR

Filmdauer

119 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Jacir, Annemarie

Verleih

Alamode Filmdistribution oHG

Starttermin

07.05.2026

 

Palästina, 1936. Die britische Kolonialverwaltung herrscht über die Region zwischen Jordan und Mittelmeer. Der junge Yusuf (Karim Daoud Anaya) stammt aus dem kleinen Dorf Al Bassa, wo die Menschen ums Überleben kämpfen, arbeitet aber auch in Jerusalem. Er ist Chauffeur bei einem intellektuellen Paar, der radikalen Journalistin Khouloud (Yasmine Al Massri), die ihre Texte nur unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen kann und ihrem Mann, dem Verleger Amir (Dhafer L’Abidine), der vor allem daran interessiert ist, seinen gesellschaftlichen Status zu bewahren.
Während die Bauern von Al Bassa sich durch die wachsende Anzahl von jüdischen Kibbuzim bedroht fühlen, soll die britische Verwaltung eigentlich zwischen den Bevölkerungsgruppen vermitteln. Doch der Hochkommissar der Kolonialverwaltung, Wauchope (Jeremy Irons), stellt sich im Zweifelsfall stets auf die Seite der jüdischen Siedler. Die Wut der palästinensischen Bevölkerung wird immer größer und entlädt sich schließlich in einem landesweiten Generalstreik, der als Beginn des arabischen Aufstand in Palästina gilt.
1936 war der Nahe Osten noch fest in der Hand der Kolonialmächte, in Palästina herrschten die Briten, die Bevölkerung bestand größtenteils aus Palästinensern, aber die jüdische Bevölkerung wuchs stetig. Die demographischen Veränderungen führten zu einem Verlust an Siedlungs- und Ackerflächen, zumal die Frage, wer das Land tatsächlich besaß oft in Verträgen aus der osmanischen Zeit geregelt war, die sich nun als nicht ausreichend erwiesen.
Schon vor 90 Jahren ging es im Nahen Osten also um die Frage, wem das Land gehört, wer das Recht hat auf ihm zu wohnen, es Heimat zu nennen. Die in Bethlehem geborene Regisseurin Annemarie Jacir versucht ihr bestes, die komplizierten Hintergründe dieser Geschichte Spielfilmgerecht aufzubereiten. Manches mal verkürzt sie dabei, erzählt allzu schematisch, auch wenn man ihr zugutehalten muss, dass sie nicht davor zurückweicht, zu zeigen, dass es oft auch wohlhabende palästinensische Gutsbesitzer waren, die ihr Land freiwillig an zionistische Siedler verkauften. Wobei diese Siedler in „Palästina 36“ erstaunlich kurz kommen, kaum mehr als Randfiguren darstellen, während der eigentlich Antagonist die britische Besatzungsmacht ist.
Eigentlich hatten die Briten durch die 1917 verabschiedete Balfour-Deklaration
zugesagt, dass sie sich zwar für die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ einsetzen würden (also das, was einige Jahre später der Staat Israel werden sollte), aber vor allem auch zugesichert, dass dies nicht auf Kosten der nicht-jüdischen Bevölkerung der Region geschehen sollte. Ein Versprechen, das bekanntermaßen nicht gehalten wurde und die Ursache für die tragische Geschichte der Region ist.
Von dieser Geschichte erzählt Jacir in ihrem emotionalen Film, der immer wieder versucht, Parallelen zwischen der Historie und der Gegenwart zu erzeugen: Von einer Mauer zwischen den verfeindeten Gebieten ist da etwa die Rede, von Angriffen von Siedlern auf Palästinenser, von willkürlichen Morden und anderen Formen der Unterdrückung.
In anderen Passagen dagegen erzählt Jacir diese Geschichte betont einseitig, stilisiert britische Soldaten zu latent sadistischen Typen, die ihre in Indien und anderen Kolonialgebieten gelernten Methoden zur Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung nun auch in Palästina umsetzen, fügt immer wieder dokumentarisches Material ein, das auf nicht ganz unproblematische Weise suggeriert, dass auch die inszenierten Szenen die reine Wahrheit erzählen, 
Aber wer will er ihr verdenken, zumal es erst seit kurzem so etwas wie eine palästinensische Filmindustrie gibt und damit die Möglichkeit, eigene Geschichten zu erzählen, der eigenen Perspektive Sichtbarkeit zu verleihen. In diesem Sinne gehört „Palästina 36“ zu einer neuen Welle von Filmen aus und über Palästina, mit denen palästinensische Filmemacher endlich selbst die Möglichkeit haben, über sich und das Schicksal ihrer Heimat zu erzählen.

 

Michael Meyns

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