Pans Labyrinth

Die kleine Ofélia reist mit der schwangeren Mutter nach Nordspanien. Ihr neuer Stiefvater ist dort Hauptmann einer Franco-Armee. Die brutale Realität ihres neuen Lebens, lässt Ofélia in eine Fantasiewelt flüchten, die ihr hilft, ihren Ängsten zu trotzen. Regisseur Guillermo del Toro („Blade II“, „Hellboy“) liefert ein magisch-betörendes Meisterwerk ab, das lediglich aufgrund der teilweise zu drastischen Gewaltdarstellung zu bemängeln ist.

Webseite: www.panslabyrinth.com

Mexiko / Spanien / USA 2006
Regie: Guillermo del Toro
Darsteller: Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi López, Ariadna Gil, Maribel Verdú, Álex Angulo, Roger Casamajor, Sebastián Haro, Mina Lira
114 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 22.02.2007

PRESSESTIMMEN:

AUSZEICHNUNGEN:
Bester fremdsprachiger Film, San Francisco Film Critics Circle
Beste Kamera, New York Film Critics Circle Awards
Bestes Produktionsdesign, Los Angeles Film Critics Association Awards

 

FILMKRITIK:

Spanien im Jahr 1944. Kurz nach General Francos Sieg, macht sich die kleine Ofélia mit ihrer hochschwangeren und durch Krankheit gezeichneten Mutter auf den Weg ins ländliche Nordspanien. Ihr Stiefvater kommandiert hier eine Franco-Armee im Kampf gegen die Widerständler, die sich in den nahe gelegenen Gebirgswäldern versteckt halten. Mit ungezügelter Brutalität und ohne Gnade lässt Hauptmann Vidal all jene töten, die in seine Fänge geraten, selbst wenn diese nicht als Rebellen entlarvt wurden. Lediglich die Sorge um das Wohl des ungeborenen Sohnes, scheinen die menschlichen Züge eines herzlosen Sadisten zu offenbaren. Doch selbst der Wunsch nach Vaterschaft, bleibt nicht mehr als eine egoistische Antriebsfeder seines Handelns.

Mit der grausamen Realität konfrontiert, flieht Ofélia in eine fabelhafte Fantasiewelt. Schon zuvor durch Zaubergeschichten in den Bann gezogen, sucht sie nun Zuflucht in einer solchen. Ein Insekt, welches sich als kleine Fee entpuppt, führt sie in das geheimnisvolle Labyrinth, das sich unweit vom Hauptquartier erstreckt. Hier trifft sie auf den Faun Pan, der diesen magischen Ort bewacht. Eine Begegnung, die alles andere als ein Zufall zu sein scheint, denn Ofélia wurde bereits erwartet. Angeblich sei sie die verschollene Prinzessin des unterirdischen Königreiches und solle nun in ihre einstige Heimat zurückkehren. Nicht jedoch ohne zuvor drei Prüfungen abzulegen, die ihre wahre Identität untermauern sollen. Ofélia nimmt die Herausforderung an und trotzt dadurch den realen Ängsten ihres Lebens.

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, konnte das Kinopublikum in den vergangenen Jahren mit seinen düster angehauchten Werken mehr oder weniger gut unterhalten. Mit „Pans Labyrinth“ jedoch präsentiert del Toro nun sein ultimatives Meisterwerk. Von magischen Bildern gerahmt, überwältigt die phantasievolle und berührende Geschichte und wird so zur wunderbaren Parabel über die Macht der Träume. Ein exzellentes Schauspielensemble (allen voran die Neuentdeckung Ivana Baquero in der Rolle der Ofélia), die betörende und von den New Yorker Kritikern bereits ausgezeichnete Kamera sowie der pointierter Einsatz von Spezialeffekten, machen aus „Pans Labyrinth“ einen heißen Anwärter auf die nachfolgenden großen internationalen Filmpreise.

Einziges Manko bleibt die zur Schau gestellte Gewalt, die zwar aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds des Franco-Regimes legitim, aus künstlerischer Erwägung jedoch nicht zwingend erforderlich gewesen wäre. Wie bereits in „The Devil’s Backbone“ verbindet del Toro geschickt die düstere Fantasie mit der wenigstens ebenso düsteren Realität. Es bleibt dabei jedoch sehr fraglich, ob die verdeutlichte Brutalität den tieferen Sinn des Films auch ebenso deutlicher erkennen lässt. Darüber hinaus ist es wahrlich sehr schade, dass ein derartiges Filmjuwel aufgrund einzelner Sequenzen, nun dem erwachsenen Kinopublikum vorbehalten sein dürfte.

Gary Rohweder

 

 

Nach Erfolgen wie „Hellboy“ oder „Blade II“ lag es wohl nahe, den neuen Film von Guillermo del Toro als reines Mainstream-Kino zu vermarkten. Ein furchterregendes Plakat und ein actionlastiger Trailer verweisen klar auf einen Horror- und Fantasy-Film. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Marketing-Strategie nicht dieses frühe Juwel des neuen Filmjahres einem Publikum entzieht, das auf anspruchsvolle Unterhaltung setzt. Denn „Pans Labyrinth“ ist eine phantasievolle und emotional bewegende Gothic-Fantasie-Erzählung um ein kleines Mädchen, das zu Zeiten des spanischen Bürgerkrieges Grausiges erlebt und in die Welt der Fabeln und Mythen flüchtet, um das Erlebte zu bewältigen.

Nach einer spanischen Legende erzählt man von einem Königreich, wo vor langer Zeit eine kleine Prinzessin von der Welt der Menschen träumte. In einem geeigneten Augenblick konnte sie ihren Hütern entwischen und die vielen Stufen der gen Tageslicht führenden Wendeltreppe hinauflaufen. Doch als sie ihr Ziel erreichte und den blauen Himmel sah und eine sanfte Brise spürte, da löschten die Sonnenstrahlen ihr Gedächtnis aus und sie war fortan gezwungen, als gewöhnliche Sterbliche ihr Dasein zu fristen. Ihr Vater allerdings, der König, gab den Glauben an ihre Rückkehr nie auf, vielleicht in einer anderen Gestalt, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit…

Spanien 1944, der Bürgerkrieg ist zu Ende und die faschistischen Truppen von General Franco haben gesiegt. Doch es gibt immer noch Rebellen, die sich vornehmlich in den Bergen versteckt halten und das Regime sabotieren. Eine Militärkolonne bringt die elfjährige Ofelia und ihre Mutter Carmen zu deren neuem Ehemann Capitan Vidal, von dem sie ein Kind erwartet. Der Capitan leitet einen entlegenen Posten gegen die Rebellen und Ofelia ist von ihrem Stiefvater gar nicht begeistert. Sie trauert noch ihrem leiblichen Vater nach, der im Krieg gefallen ist. Ofelias böse Vorahnungen werden schnell bestätigt, denn der Capitan führt ein eisernes Regime aus Zucht und Ordnung. Er erweist sich als herzlos, brutal und absolut unnachgiebig. Da ihre Mutter zunehmend kränkelt, schließt Ofelia bald Freundschaft mit der Haushälterin Mercedes und gerät dabei unversehens immer tiefer in die Auseinandersetzung zwischen Militär und Rebellen.

Vor diesem grausigen Alltag flieht Ofelia in einen labyrinthischen Garten, den zu betreten ihr die Erwachsenen verboten haben. Doch das hat ihre jugendliche Neugier nur noch mehr aufgeweckt. So betritt sie das Reich der Fabeln und schließt Freundschaft mit einem heuschreckenartigen Insekt, das sich als Fee entpuppt und sie zum Herrn dieser Unterwelt bringt, einem Faun, der sich als Pan vorstellt. Pan ist von menschenähnlicher Gestalt, trägt jedoch die Hörner und Beine eines Ziegenbocks. Sein beängstigendes Aussehen wird jedoch durch seine Freude gemildert, Ofelia wiederzusehen. Er redet sie als Prinzessin an und sieht sich als ihr Diener. Um ihr aber die Rückkehr in ihr Königreich ermöglichen zu können, muss er sicher sein, dass sie keine Sterbliche geworden ist. Drei Aufgaben muss sie daher bewältigen, bevor es wieder Vollmond wird.

Fortan gestaltet sich Ofelias Leben noch stressiger, die Mutter droht im Kindbett zu sterben, die Haushälterin vermag ihre Kollaboration mit den Rebellen kaum mehr zu verbergen, und ihr jähzorniger Stiefvater wird zunehmend argwöhnisch. Zudem hat sie jetzt noch Unwesen einer anderen Welt zu bekämpfen und fantastische Aufgaben zu erfüllen, was das kleine Mädchen fast an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt.

Guillermo del Toro stellt diese Fantasy-Welt, in die die kleine Ofelia flüchtet, nicht als schillerndes Gegenteil der wirklichen Verhältnisse dar, sondern vielmehr als Projektion ihrer Träume und Ängste. Dabei sind die Monster, mit denen sie zu tun bekommt, selten lustige Gesellen und erschrecken nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihre Taten. Dabei kann sie niemandem völlig vertrauen, denn auch der Pan, der ihr hörige Dienerschaft gelobt, vereint in sich das Gute wie auch das Böse dieser Welt. So unterscheidet sich Ofelias Kampf in der Unterwelt kaum von dem in der realen Welt, und wenn sie am Ende mit ihrem kleinen Brüderchen auf dem Arm dieses vor dem Begehren Pans und des Capitans retten muss, vermischen sich diese beiden Welten wieder.

Guillermo del Toro erzählt diese Geschichte mit wunderbaren Bildern, wie wir sie im Kino kaum gesehen haben. Seine Fabelwesen sind von einer phantasievollen Surrealität, wie man sie am ehesten in der Malerei – wie etwa in Goyas ‚schwarzen Bildern‘ wiederfindet. Mit diesen Bildern erzählt er ein emotional bewegendes Märchen für Erwachsene, das dazu auffordert, egal wie düster die Zeiten auch sein mögen, immer an das Gute im Menschen zu glauben. Denn erst wenn dieser Glauben verloren geht, hat das Böse endgültig gesiegt.

Kalle Somnitz

 

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Eine gewagte Verquickung von Realität und Fantasy.

1944. Der spanische Bürgerkrieg ist zwar seit langem vorbei, doch noch immer kämpfen „rote“ Rebellen gegen das Franco-Regime. Zur Aufspürung der Widerständler ist Capitan Vidal in eine Bergregion abgestellt. Er lässt seine schwangere Frau Carmen und deren kleine Tochter Ofelia nachkommen.

In der Waldeinsamkeit gibt sich das Mädchen seinen Träumen und Visionen hin. Sie steigt in eine Höhle hinab, wo ihr ein Faun begegnet. Sie sei, so sagt er, kein gewöhnliches Mädchen, sondern eine Prinzessin. Um in ihre herrschaftliche Stellung und in ihr Reich zu kommen, müsste sie zuerst drei Aufgaben erfüllen.

Ofelias kleiner Bruder wird geboren, Carmen stirbt. Der Capitan reklamiert das Kind für sich. Das Mädchen muss sich nun entscheiden: Entweder sie erfüllt alle drei vom Faun genannten Aufgaben und genießt ein traumhaftes Prinzessinnenleben, oder sie rettet ihren Bruder aus den Händen des brutalen Vidal. Sie entschließt sich zu letzterem und verbleibt bei den am Schluss obsiegenden Rebellen.

Regisseur Guillermo del Toro liebt es nach eigenem Bekunden, Genres zu vermischen. Und das hat er hier gründlich getan. Auf der einen Seite haben wir das sehr naturalistische Militär- und Franco-Milieu mit der Rebellenjagd, auf der anderen die reine Fantasy-Welt Ofelias. Die beiden unterschiedlichen und einander völlig fremden Genres geistig und ideell miteinander zu verbinden, fällt dem Zuschauer schwer. Es fehlt die Einsicht, dass das so sein muss. Hier blitzt eher die Willkür durch.

Ganz anders sieht es mit der formalen Inszenierung aus. Sowohl das Militärlager als auch die Höhlen- und Geisterwelt Ofelias sind äußerst erfinderisch und sorgfältig gestaltet – wobei natürlich der Computer seine ganze Schuldigkeit tun musste. Nicht weniger als 34 Sets wurden gebaut, eines phantasievoller als das andere. Fantasy-Liebhaber kommen voll und ganz auf ihre Kosten.

Symptomatisch für das diktatorische Franco-Regime steht Vidal. Er ist von selbstherrlicher, schonungsloser Brutalität, die keine Sekunde zögert zu töten. Sergi Lopez spielt dieses Monster in Uniform ausgezeichnet. Gewagte, ein wenig an mangelnder Überzeugung leidende Genre-Verbindung zwischen Militärrealität und Phantastik, formal blendendst inszeniert. Für Filmkunsttheater und Programmkinos geeignet.

Thomas Engel