Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

Als cineastischer Biograf bekam Wim Wenders bereits drei Oscar-Nominierungen. Nach den Musikern vom „Buena Vista Social Club“, Tanz-Ikone „Pina“ Bausch sowie dem Fotografen Sebastião Salgado in „Salz der Erde“ folgt nun ein Porträt über Papst Franziskus. Präsentiert werden dessen politisch durchaus radikale Ansichten in Sachen Ökologie, sozialer Gerechtigkeit oder Konsumgesellschaft. Rigoros beklagt der Pontifex zudem die Vertuschung von sexuellem Missbrauch in seiner Kirche. Er fordert die Stärkung von Frauen und die Akzeptanz von Schwulen. Neben den Bildern der Papst-Reisen rund um die Welt überrascht Wenders vor allem mit einzigartig intimen Innenansichten: Mehrfach erhielt er Interview-Audienz im Vatikan. Wie in „Salz der Erde“ postiert er die Kamera dabei so raffiniert, dass der Befragte wie Auge in Auge mit dem Zuschauer wirkt. In Zeiten von zunehmendem Zynismus dürfte dieses Biopic über einen ebenso bescheidenen wie charismatischen Sinnstifter einen Nerv beim Publikum treffen. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Wenders für diesen dokumentarischen Meilenstein nicht endlich die verdiente Oscar-Absolution erhielte!

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Dokumentation
Deutschland/ Frankreich/ Italien 2018
Regie: Wim Wenders
Buch: Wim Wenders & David Rosier
Länge: 100 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 14. Juni 2018

FILMKRITIK:

Der Himmel über Assisi klart langsam auf. Zwischen den Nebelschwaden wird allmählich die einstige Wirkungsstätte jenes rigorosen Ordensgründers Franziskus sichtbar, der zum programmatischen Namensgeber des aktuellen Papstes werden sollte. „Was ist denn Zeit?“, fragt Wenders aus dem Off das Publikum. „150 Tier- und Pflanzenarten sterben jeden Tag aus!“, klagt der Regisseur: „Was sollen wir tun? Wir sollen wir leben?“. Dann folgt eine Stummfilmsequenz (gedreht mit einer originalen Handkurbelkamera aus den 1920er Jahren!), wie jener Franz von Assisi als Erneuerer der Kirche antrat und schon damals den Respekt vor der Natur forderte. Szenenwechsel. Weißer Rauch. Euphorische Menschenmengen auf dem Petersplatz. Wiederum Wenders als Komplize des Zuschauers: „Ja, hier stehen wir alle miteinander. Mit großen Erwartungen an den Papst!“.
 
Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio, anno 2013 zum 266. Bischof von Rom und Papst gewählt, kann gut mit Kindern – das zeigt eine amüsante Frage-Antwort-Sequenz gleich zu Beginn. Und der 81-Jährige kann gut mit Menschen jeglicher Hautfarbe oder Religion. Ob mit Häftlingen. Opfern von Naturkatastrophen. Flüchtlingen. Oder Überlebenden des Holocaust. Als argloser Menschenfänger rührt er selbst abgebrühte Abgeordneten im US-Kongress zu Tränen – um ihnen wenig später die Verwerflichkeit von Waffenexporten um die Ohren zu hauen. Dass er in der Wagenkolonne statt mit protziger Panzerlimousine mit einem schlichten Fiat 500 vorfährt, macht selbst schlagfertige US-Kommentatoren sprachlos. Solche Symbolik der Demut ist diesem Papst freilich so wichtig wie die Fußwaschung von Sträflingen – und sie lässt die griesgrämigen Gesichter seiner Bischofs-Bonzen im Petersdom noch versteinerter wirken. Ein geradezu himmlischer Anblick, wenn der Oberhirte von seinen Würdenträgern im prunkvollen Marmor-Saal mit gewohnt fröhlichem Lächeln ein „Ende der Trauerminen“ einfordert – solche Szenen hätte „The Da Vinci Code“ kaum unheimlicher inszenieren können!
 
„Es ist auch für Kritiker der Kirche völlig ungefährlich, sich diesen Film anzusehen“, verspricht Wenders. Tatsächlich dürften viele Forderungen des Papstes auch von einer Sahra Wagenknecht oder einem Robert Habeck abgesegnet werden. Den Raubbau der Erde schnellstens verhindern! Der Profitgier der Konsumgesellschaft begegnen! Die eklatante Ungerechtigkeit zwischen Armut und Reichtum beenden! Hunger bekämpfen! Waffenexporte verbieten! Toleranz der Religionen! Akzeptanz von Minderheiten! Was wie Wunschzettel auf einem Öko-Workshop beim Kirchentag klingt, meint das Oberhaupt der Katholiken absolut ernst. „Wir sind alle verantwortlich! Niemand kann sagen, ich habe damit nichts zu tun!“, kommentiert Franziskus rigoros die Lage. Er schaut dabei dem Publikum direkt in die Augen. Wie schon in „Salz der Erde“ sorgt die besondere Kameratechnik namens Interrotron sorgt für diesen Spezialeffekt: Der Befragte blickt auf eine Art umfunktionierten Teleprompter, auf dem er das Gesicht des Interviewers sieht, als ob dieser vor ihm säße. Gleichwohl sieht er durch ihn hindurch direkt in die Kamera.
 
Nicht nur solchen Augenkontakt findet Franziskus ganz entscheidend im menschlichen Umgang, fordert ihn ganz ausdrücklich bei seinen Priestern ein. Auch sonst hat dieser Papst ein paar Lifehacks parat. „Wann hast du zum letzten Mal mit deinem Kind die Zeit vertrödelt?“ habe er etwa einst bei jeder Beichte die verblüfften Eltern gefragt. Zärtlichkeit sei keine Schwäche, sondern eine Stärke, gibt er zu Protokoll. Echtes Lächeln und Sinn für Humor seinen essentiell für jeden Menschen sein.
 
Wer ein bleiernes Wort zum Sonntag oder eine verquaste Predigt befürchtet, wird nach diesem Porträt widerrufen müssen. Kein selbstgefälliger Phrasendrescher im theologischen Elfenbeinturm ist dieser Franziskus, sondern ein radikaler Reformer, der seine Bodenhaftung nie verloren hat. Jenem einfältigen „America First“ setzt er, kurz vor dem Pariser Klimagipfel, ein auf den Petersdom projiziertes „Nature First“ entgegen. Einem Präsidenten Erdogan schenkt er während dessen Besuch trotzig einen Friedensengel. Für sexuellen Missbrauch in seiner Kirche fordert er Null Toleranz. Die jedoch verlangt er im Umgang mit Minderheiten sowie der Religionen untereinander.
 
„Wir sind Papst“ bekommt bei Wenders eine ganz neue Bedeutung. Am Ende gibt Franziskus sogar noch ein persönliche Geheimnis preis – das natürlich nicht verraten werden kann. Beim Thema Spoiler gilt es schließlich, päpstlicher als der Papst zu sein!
 
Dieter Oßwald

Auf den ersten Blick ist Wim Wenders der Letzte von dem man eine Dokumentation über den Papst erwarten würde, doch auf den zweiten Blick passt die Kombination durchaus. Denn eine gewisse Esoterik hat Wenders schon oft bedient und so versucht er auch in „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ aus dem führenden Katholiken einen Mann zu machen, der für alle Menschen spricht. Den Vatikan wird es freuen.
 
Vor fünf Jahren wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum 266. Bischof von Rom gewählt, eine Position, die besser bekannt ist als Papst. Nicht nur der erste Papst vom amerikanischen Kontinent ist er damit, sondern auch der erste, der als Name Franziskus wählte, womit er sich deutlich in die Tradition des Heiligen Franz von Assisi begab. Eine Namenswahl, die die Hoffnung von vielen weckte, dass dieser Papst dringend notwendige Reformen innerhalb der katholischen Kirche angehen würde, sie modernisieren, von innen erneuern würde.
 
Als Teil dieser Modernisierung mag man sehen, dass der Papst eigene Instagram und Twitter-Profile betreibt (bzw. betreiben lässt) auf denen ihm von über fünf bzw. 17 Millionen Menschen gefolgt wird, was nicht schlecht ist, aber auch weit von den über 100 Millionen Followern einer Katy Perry entfernt. Als Teil der Medienoffensive darf man wohl auch diese Dokumentation verstehen, die vom Vatikan selbst initiiert wurde, wo man die Filme Wim Wenders offenbar sehr schätzt und den deutschen Regisseur persönlich beauftragte. Eine autorisierte Biographie ist „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ also, was man sich stets vor Augen halten sollte, gerade angesichts der filmischen Mittel, die Wenders verwendet.
 
Zum einen betont er durch nachgestellte Spielszenen immer wieder die Verbindung des Papstes zu Franz von Assisi, der um 1200 ein Leben führte, dass dem Vorbild Jesu Christi nachgeahmt war und Bescheidenheit und Güte betonte. Fraglos nicht das schlechteste Vorbild für den Oberhirten der Katholiken, zumal der oft zur Schau gestellte Prunk mancher Päpste und Bischöfe gerade in der heutigen Zeit so gar nicht mehr in das Selbstverständnis der Kirche zu passen scheint.
 
Betont bescheiden gibt sich dagegen Papst Franziskus, lebt in einer kleinen Wohnung, lässt sich mit einem winzigen Auto kutschieren und predigt vehement gegen Raubtierkapitalismus und Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt. Das tut er auch in diesem Film, in diversen Interviews, für die Wenders eine besondere Technik wählte: Keine gewöhnliche Interviewsituation wurde gewählt, in der der Interviewte zu einem neben der Kamera sitzenden Gesprächspartner spricht, sondern eine Methode, durch die der Papst direkt in die Kamera spricht. Da sich Wenders zudem komplett zurückgenommen hat, keine Fragen zu hören sind, sondern nur die Antworten des Papstes, muten diese Interviews wie Predigten an. Ungefiltert spricht der Papst zum Publikum, verbreitet seine fraglos löblichen Ansichten zur Notwendigkeit, bewusster zu leben, nicht den eigenen Vorteil anzustreben, sondern das Allgemeinwohl. Eine Botschaft, die Papst Franziskus schon predigte als er noch Bischof von Buenos Aires war und mit der er nun um die Welt reist: Bilder von Predigten in Afrika oder Südamerika zeigt Wenders, rasante Fahrten mit dem Papamobil, dass durch ekstatische jubelnde Menschenmassen rast, während der Papst, der mit seinem wehenden Umhang ein wenig wie ein Superheld wirkt, zu ihnen winkt.
 
Von kritischer Distanz zu seinem Subjekt kann keine Rede sein, Themen wie der sexuelle Missbrauch innerhalb der Kirche werden eher pflichtschuldig abgehakt, bevor das hagiographische Treiben fortgesetzt wird. Was in einem biographischen Film wie „Pina“ vielleicht zu akzeptieren ist, in einem Film über eine ebenso einflussreiche wie problematische Institution wie die katholische Kirche jedoch deutlich schwieriger wirkt.
 
Michael Meyns