Paradies

Das kollektive Gedächtnis lässt nach. Umso wichtiger scheint, es an den barbarischen Horror des Holocaust zu erinnern. Auch der große russische Autorenfilmer Andrei Konchalovsky versucht in seiner preisgekrönten Schwarz-Weiß-inszenierten Parabel über die NS-Gräuel die Erinnerung daran wach zu halten. Stilistisch radikal verknüpft er brillant die Schicksale seiner drei Protagonisten: Der russischen Adeligen und Widerstandskämpferin Olga, des französischen Kollaborateurs des Vichy-Regimes Jules, und des preußischen SS-Offiziers Helmut. Vor allem die unverhohlene Idealisierung der NS-Ideologie durch den jungen Nazi, der vor einer Art göttlicher Filmkamera sein Handeln rechtfertigt, wirkt erschreckend authentisch.

Webseite: alpenrepublik.eu

Russland/Deutschland 2016
Regie: Andrei Konchalovsky
Drehbuch: Andrei Konchalovsky, Elena Kiseleva.
Darsteller: Julia Vysotskaya, Philippe Duquesne, Christian Clauß, Peter Kurth, Jacob Diehl, George Lenz, Viktor Sukhorukov, Anna-Mariya Danilenko, Anastasiya Serova, Yaroslav Khimchenko, Jean Denis Römer, Caroline Piette
Länge: 130 Minuten
Verleih: Alpenrepublik Film GmbH
Kinostart: 27.7.2017

FILMKRITIK:

„Wir bauten eine vollkommen neue Welt, ein deutsches Paradies auf Erden“, beharrt der junge preußische SS-Offizier Helmut (Christian Clauß). Selbst angesichts der Gräuel im KZ glaubt er verblendet an die NS-Ideologie und sieht sich als arischen Übermenschen. „Ständig träumen sie vom Paradies“, hält KZ-Aufseher Krause (Peter Kurth) dem schwärmerischen Schöngeist aus dem Adel,  der noch bevor er zum überzeugten Nazi mutierte Slawistik studierte und seinen Tschechow noch immer auswendig kennt, entgegen. „Aber es gibt kein Paradies ohne Hölle. Und diese Hölle habe ich geschaffen“, brüstet er sich.

In dieser Hölle versucht die russische Exil-Fürstin und Widerstandskämpferin der Resistance Olga (Julia Vysotskaya) verzweifelt zu überleben. Die ehemalige Redakteurin der Modezeitschrift „Vogue“ versteckte in ihrer Pariser Wohnung jüdische Kinder. Verhaftet vom französischen Vichy-Regime hofft sie zunächst zu überleben. Denn der französische Kollaborateur Jules (Philippe Duquesne) schien Gefallen an ihr gefunden zu haben. Ein Schäferstündchen mit dem scheinbar braven Familienvater versprach Freiheit. Doch soweit kommt es nicht. Hingerichtet von der Resistance kann er nichts mehr für sie tun.

Dass sie im KZ plötzlich auf ihren früheren Verehrer aus besseren Kreisen und Zeiten trifft, den jungen preußischen Adligen Helmut, scheint erneut eine Chance. Sie wird zu seiner Geliebten. Trotz schlechtem Gewissen genießt sie die Vergünstigungen als seine Haushälterin gegenüber ihren Leidensgenossinnen. Immer wieder stellt sie sich die Frage, wie ein gebildeter Mensch diese perverse Tötungsmaschinerie herzlos verteidigen kann. Eine der möglichen Antworten für diesen mörderischen, berechnend-kalten Wahnsinn zeigt das Melodram: Ohne haltlosen Alkoholkonsum ertragen selbst manche NS-Schergen ihr Tun nicht. 

Mit seinem ästhetisch beeindruckenden Werk gelingt dem international bekannten russischen Regie-Altmeister Andrej Konschalowsky ein subtiler Blick aus gesamteuropäischer Sicht auf Schicksale in Zeiten des barbarischen Horrors durch den Holocaust. Speziell mit den streng kadrierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen versucht er sich dem Grauen nüchtern und unprätentiös zu nähern. Die beängstigende Atmosphäre seines Melodrams, um eine hoffnungslose Liebe, verschärft er weniger durch dramaturgische Zuspitzung, sondern verdichtet es mit stilistischen Mitteln, wie den Zeugen-Sequenzen seiner Darsteller vor einer Art Jenseits-Gericht. Doch die unverhohlene Idealisierung der NS-Ideologie durch den jungen Nazi, der vor einer quasi göttlichen Filmkamera sein Handeln rechtfertigt, ist auch ein zweischneidiges Schwert.

Streckenweise wirkt der Monolog des literarisch gebildeten Nazijüngling der selbsternannten Herrenrasse mit akkurat gescheitelter Kurzhaarfrisur wie Propaganda, die jeden Neonazi erfreuen würde. Gleichzeitig verdeutlicht freilich dieser Umstand erschreckend, wie fruchtbar noch der Schoss zu sein scheint und wie dünn und rissig der Firnis der Aufarbeitung. Nicht umsonst versucht Regisseur durch diese zentrale Figur „die Verlockungen des Bösen“ darzustellen. Dem bislang eher unbekannten Schauspieler Christian Clauß vom Dresdner Theater, ist dies tatsächlich grandios gelungen. Und genau das macht am Ende den Horror der zeitlosen Parabel bei der Suche nach dem verlorenen Menschenbild in der Ikonografie des Grauens aus.

Luitgard Koch