Parasite

Nicht etwa ein Monsterfilm oder ein Science-Fiction-Thriller steckt hinter dem „Titel“ Parasite, sondern eine anfangs komische, später immer tragischere Satire. Wie so oft bedient sich der koreanische Regisseur Bong Joon Ho unterschiedlichster Genremuster, um von gesellschaftlichen Missständen zu erzählen. Einer der besten Filme des diesjährigen Wettbewerbs von Cannes, der verdient mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Webseite: www.kochmedia-film.de

Südkorea 2019
Regie Bong Joon Ho
Buch: Bong Joon Ho & Han Jin Won
Darsteller: Song Kang Ho, Lee Sun Kyun, Cho Yeo Jeong, Choi Woo Shik, Park So Dam, Lee Jung Eun, Chang Hya Jin
Länge: 131 Minuten
Verleih: Koch Films, Vertrieb: Central
Kinostart: 17.10.2019

FILMKRITIK:

Familie Ki lebt in ärmlichen Verhältnissen ganz unten auf der sozialen Leiter. Im wahrsten Sinne des Wortes: Der Putz ihrer Wohnung im Tiefparterre blättert ab, in den Ecken breitet sich Schimmel aus, der Müll staut sich. Die Eltern Ki-taek und Chung-sook sind arbeitslos, die fast erwachsenen Kinder, der Sohn Ki-woo und die Tochter Ki-jung unterstützen die Familie mit Gelegenheitsjobs.
 
Das Glück wendet sich als ein Freund Ki-woo eine Tutorenstelle am anderen Ende der Stadt, am anderen Ende der sozialen Leiter vermittelt. Im mondänen, modernistischen Haus der Familie Park soll er der Tochter Englischstunden geben. Es ist der Beginn einer parasitären Beziehung der beiden Familien, denn bald arbeiten alle Kis für die Parks: Die Tochter kümmert sich um den Sohn, der Vater wird Chauffeur, die Mutter schließlich Haushälterin. Das Schicksal scheint es endlich gut mit Familie Ki zu meinen.
 
Was bei anderen Regisseuren Stoff genug für einen Film wäre, erzählt Park Joon Ho in einem langen ersten Akt. Wie Familie Ki sich nach und nach in das Leben der Familie Park einschleicht und unersetzbar wird, erinnert an Filme wie Michael Hanekes „Funny Games“ oder Oskar Roehlers „Herrliche Zeiten“, doch bald dreht Bong die Schraube noch weiter. Wie in den meisten seiner Filme – zuletzt „Okja“ und „Snowpiercer“, vor Jahren „The Host“ und „Memories of Murder“ – lässt sich auch „Parasite“ nur schwer einem Genre zuordnen. Unbekümmert bedient er sich hier und da, überrascht immer wieder mit völlig unvorhergesehenen Volten, doch am Ende sind Bongs Filme immer eins: Messerscharfe, genau beobachtete Satiren.
 
Wie schon in „Snowpiercer“, in dem in einem Zug auf ewiger, ungebremster Fahrt durch eine apokalyptische Schneelandschaft, die einzelnen Waggons die gesellschaftlichen Schichten markierten, bedient sich auch „Parasite“ klarer geographischer Metaphern. Ganz unten beginnt der Film, in der Wohnung der Kis, während oben die Parks Leben. Wenn da ein Wolkenbruch die Stadt unter Wasser setzt, wird diese Metapher noch deutlicher: Oben werden nur die Fenster nass, unten versinkt das Tiefparterre der Kis im schmutzigen Abflusswasser.
 
Doch bei aller offensichtlichen Gesellschaftskritik macht es sich Bong dabei nicht zu einfach. Den Kis sieht man als offensichtliche Verlierer des kapitalistischen Systems ohnehin alles nach, doch auch die Parks sind keineswegs unsympathische Neureiche, im Gegenteil. Abgesehen davon, dass sie sich über den strengen Kellergeruch von Ki-taek wundern, ist von ihnen kein böses oder hochnäsiges Wort über ihre Angestellten zu vernehmen. Der wahre Schuldige an den gesellschaftlichen Missständen sind hier nicht einzelne Personen, sondern die Gesellschaft als Ganzes.
 
Dieser abstrakte Antagonist führt dazu, dass „Parasite“ im letzten Drittel fahriger wirkt als im brillanten Beginn, die Geschichte ein wenig holprig zu Ende gebracht wird. Doch auch hier lässt Bong keinen Zweifel daran aufkommen, welch herausragender Regisseur er ist, der auch einen Film, der fast ausschließlich innerhalb eines Hauses spielt, zu einem visuellen Meisterstück machen kann. Dass er dafür als erster Regisseur aus Südkorea mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, war dann selbst in einem außergewöhnlich starken Wettbewerb keine Überraschung.
 
Michael Meyns