Parfum, Das

21 Jahre nach Patrick Süskinds Romanvorlage kommt die Verfilmung unter der Regie von Tom Tykwer in die Kinos. Mit Bernd Eichinger im Rücken ist „Das Parfüm“ die teuerste deutsche Großproduktion aller Zeiten geworden, die sich fast detailgetreu an den Roman hält. Ein fast zweieinhalbstündiger Rausch, mit dem Tom Tykwer unterstreicht, dass er zu den wichtigsten Regisseuren der Welt gehört.  

Webseite: www.programmkino.de

Regie: Tom Tykwer
Buch: Tom Tykwer, Bernd Eichinger, Andrew Birkin
Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Karoline Herfurth, Corinna Harfouch
Deutschland 2006, 147 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 14. September 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bereits kurz nach der Veröffentlichung des Romans 1985 bemühte sich Bernd Eichinger, die Filmrechte seines Freundes Patrick Süskind zu erwerben. Der lehnte jedoch ab, wie auch mehrmals in den darauf folgenden Jahren. Erst bei Eichingers letztem Versuch im Jahr 2000 ließ sich der Autor schließlich erweichen – aus dem Filmprojekt „wolle er sich aber komplett heraushalten“. Der Produzent stand vor der großen Herausforderung, einen Klassiker der Weltliteratur auf die Leinwand zu bringen, der 15 Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurde – und nebenbei natürlich als „unverfilmbar“ galt. Dass er bei seiner Suche nach einem adäquaten Regisseur Tom Tykwer gefunden hat, erweist sich im nach hinein als großer Glücksfall.

Die Geschichte des mordenden Parfumeurs Jean-Baptiste Grenouille – der mit einem übernatürlichen Geruchsorgan gesegnet ist und den absoluten Duft entwickelt, damit er endlich geliebt wird – erzählt Tykwer nahezu detailgetreu nach der Romanvorlage. Die Zuschauer werden förmlich in den Dreck des stinkigen Molochs von Paris im 18. Jahrhundert geschleudert, wo fauliger Geruch und bestialischer Gestank noch nicht als solcher wahrnehmbar sind, weil sie für die Zeit schlicht als normal gelten. Grenouille wird auf dem Marktplatz geboren und von seiner Mutter zwischen Gemüsemüll und Fischresten verschachert; die Widerlichkeit dieser Szene setzt Tykwer mit seiner für ihn bekannten Filmsprache um: sekundenschnelle Schnitte, die jede augenblickliche Assoziation des kleinen Neugeborenen bildlich darstellen, als seine kleine Nase zum ersten Mal Gerüche wahrnimmt.

Tykwer ist der großen Versuchung widerstanden, schlicht einen hübsch ausgestatteten historischen Kostümfilm zu drehen, stattdessen passt jedes Detail, jeder Straßenzug, jedes Kostüm und jeder Komparse, die, so der Regisseur, „mit Gülle vollgespritzt wurden, um dem Ganzen mehr Authentizität zu geben“.

Über allem schwebt der englische Hauptdarsteller Ben Whishaw, der sich im Vorfeld nicht nur gegen 100 Mitbewerber, sondern auch gegen Orlando Bloom und Leonardo DiCaprio durchsetzen konnte. Whishaw lässt niemals Zweifel aufkommen, dass er den Film nicht tragen könnte, sein Jean-Baptiste Grenouille ist ein melancholischer und autistisch-vereinsamter Held, der sich schlangenhaft bewegt und unnatürliche Sympathien weckt, wie sonst nur wenige Schurken der Filmgeschichte vor ihm. Das Faszinierende an seiner Figur ist die starke Ambivalenz zwischen der übernatürlichen Gabe alle Gerüche der Welt zu kennen und der völligen sozialen Inkompetenz sowie der fehlenden psychologischen Vorstellung von Moral, Liebe und Dankbarkeit. Grenouille, wie alle Menschen auf der Suche nach Anerkennung und Zuneigung, wird sein Duft schließlich zum selbst gewählten Verhängnis, dabei möchte man dieses verschüchterte Wesen einfach nur in seine Arme nehmen und trösten.

Wer sich in Patrick Süskinds Roman verloren hat, dem wird es ebenso in Tom Tykwers Film so ergehen. Dem Regisseur ist die große Leistung gelungen, die Stimmung des Buchs einzufangen und sichtbar zu machen. Weltstars wie Dustin Hoffman und Alan Rickman in Nebenrollen geben dem Film das zusätzliche Glamour-Format, das auch dazu beitragen wird, dass Tom Tykwer seine Bedeutung als einer der wichtigsten Regisseure weltweit einmal mehr bestätigen kann. Wer meint, er würde ab sofort nur noch in Hollywood drehen wollen, der irrt – als nächstes plant Tykwer einen Politthriller, der in Berlin spielen soll.

David Siems