Paterson

Weniger ist mehr, das war schon immer Motto von Jim Jarmusch. Auch diesmal ist seine Story denkbar schlicht gestickt: Sieben Tage im Leben eines Busfahrers, der gerne Gedichte schreibt und ein überaus harmonisches Eheleben führt. Wie in jedem Jarmusch geht es um poetische Stimmung sowie hypnotisch schöne Bilder. Wer sich an kleinen Dingen erfreut, so die Moral von der enorm elegant erzählten Geschichte, hat allemal ein zufriedeneres Leben – was durchaus ohne Handy möglich ist! Für Fans des minimalistischen Kultfilmers ein absolutes Muss.  

Webseite: www.weltkino.de

Regie: Jim Jarmusch
Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani
Filmlänge: 113 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 17.11.2016
 

FILMKRITIK:

Kultfilmer Jim Jarmusch bleibt seinem Thema als melancholischer Kino-Liebesbote treu. Nach seinem Ausflug ins Vampir-Genre mit „Only Lovers Left Alive“, erzählt die Ikone des Indie-Kinos diesmal aus dem Leben eines Busfahrers. Der Held heißt Paterson, so wie das Provinzstädtchen in New Jersey, wo er lebt. Mit Gattin Laura sowie der britischen Bulldogge Marvin bewohnt er einen bescheidenen Bungalow. Eine Woche lang, unterteilt in sieben Tages-Kapitel, nimmt man teil am Leben von Paterson. das von viel Ruhe und Routine bestimmt ist. Jeden Morgen wacht er an der Seite seine Ehefrau auf, einen Wecker braucht er nicht. Nach dem Frühstück begibt sich Paterson geruhsam zum Bus-Depot und zieht auf der Linie 23 gelassen seine Runden durch die Stadt. Der Feierabend folgt gleichfalls festen Regeln: Den schiefen Pfosten des Briefkastens gerade rücken. Danach mit dem Hund der abendliche Spaziergang zur Stammkneipe. Nach einem Bier und dem kleinen Schwatz mit dem Barmann geht es zurück zur bereits schlafenden Frau. Paterson hat freilich auch eine kreative Seite: Er schreibt leidenschaftlich gerne Gedichte, die er in einem Notizbuch festhält. Aktuell hat ihn die Streichholzschachtel „Ohio Blue Tip Matches“ zu einem Liebesgedicht an Laura inspiriert. Diese wiederum hat gleichfalls kleine Träume der Selbstverwirklichung. Sie dekoriert die Wohnung gerne mit grafischen Mustern in schwarzweiß, noch lieber bäckt sich kleine Küchlein. mit denen sie an einem Wettbewerb teilnehmen möchte.

Der zweite Tag verläuft ganz ähnlich. Am folgenden Mittwoch ist gleichfalls wenig los. Er dichtet. Sie bäckt. Beim Abendessen versichert man sich mit schönen Worten der gegenseitigen Liebe – und ewig grüßt das Murmeltier. Weniger Harmonie herrscht bei jenem jungen Pärchen, das zu den regelmäßigen Besuchern von Patersons Bar zählt, und dort allabendlich heftig streitet und sich wieder versöhnt. Gegen Wochenende werden die Eifersuchtsszene freilich dramatische Ausmaße annehmen. Bei der Bustour wird es ebenfalls einen außergewöhnlichen Zwischenfall geben. „Leg’ dir doch endlich ein Handy zu“, hatte Laura ihren Mann schon lange gebeten – vergeblich. Auf mehr Gegenliebe stößt ihr Vorschlag, endlich das Notizbuch mit den Gedichten zu kopieren. Dem Hund ist das alles egal. Hauptsache er setzt an der Leine seinen Willen durch – und keiner enttarnt sein kleines Geheimnis.

Es ist schon famos, mit wie wenig Story-Substanz Jim Jarmusch ein berührendes Drama aus dem Hut zaubert. So poetisch wie sein Busfahrer gibt sich der Regisseur. Während der eine (vor der Kamera) banale Streichholz-Schachteln zur literarischen Inspiration nutzt, setzt der andere (hinter der Kamera), auf die Poesie des Alltäglichen. Das Palaver der Passagiere im Bus. Der Small-Talk am Tresen der Bar. Alles wirkt so beiläufig wie elegant in Szene gesetzt. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss, und immer wieder blühen am Ufer ein paar hübsche Pflänzchen auf. Sei es ein kleines Mädchen, das gleichfalls gerne Gedichte schreibt. Die lärmenden Hip-Hop-Gang, die lautstark eine Hunde-Entführung androht. Oder jener japanische Tourist, der eigenes nach Paterson anreist, weil dieser Stadt vom Lyriker William Carlos Williams ein fünfbändiger Gedichtzyklus gewidmet wurde.   

Wie üblich überzeugt Jarmusch durch sein souveränes Gespür für unaufdringliche Running-Gags der lakonischen Art. Vom Briefkasten-Pfosten, der jeden Abend in Schieflage ist. Über den Vorgesetzen im Bus-Depot, der auf ein harmloses „Wie geht’s?“ immer dramatischer Antworten auftischt. Bis zur seltsamen Anhäufung von Zwillingen, die überall auftauchen.  

Mit dem minimalistisch aufspielenden Adam Driver („Star Wars: Das Erwachen der Macht“) und der nicht minder brillanten Iranerin Golshifteh Farahani („Alles über Elly“) hat sich ein Paar gefunden, dass die eheliche Harmoniesucht mit grandiosem Partner-Ping-Pong charmant absurd auf die Spitze treibt, ohne dabei je zu nerven. Große Konkurrenz erwächst dem Duo freilich durch die leinwandpräsente Bulldogge Marvin. Dem treuen Hundeblick sollte man jedoch keinesfalls trauen, dieser Vierbeiner hat es faustdick hinter den Ohren. Beim Festival von Cannes wurde das possierliche Tier prompt mit der Spaß-Palme „Palm Dog Award” als Bester Filmhund gekürt.  

Im offiziellen Cannes-Wettbewerb ging die von “Blue Velvet”-Kameramann Frederick Elmes betörend schön fotografierte Tragikomödie überraschend leer aus. Doch Jarmusch kann sich da wohl lässig mit seinem eigenen Happy-End trösten, wo er Sinatras Songtext von „Swinging On A Star“ zitiert – jene Ode an die Freude des kleineren Glücks.     

Dieter Oßwald