Paulette

Die europaweite Wirtschaftskrise, gepaart mit dem Älterwerden der Bevölkerung, verbindet sich in Jerome Enricos amüsant-grotesker Komödie „Paulette“ zu einer bizarren Geschichte: Um ihre karge Rente aufzubessern, fängt die greise Hauptfigur in ihrem französischen Vorstadt-Ghetto an zu dealen. Und das so erfolgreich, dass ihr Geschäft bald auf ungeahnte Weise expandiert.

Webseite: www.neuevisionen.de

Frankreich 2012
Regie: Jerome Enrico
Darsteller: Bernadette Lafont, Carmen Maura, Dominique Lavanant, Francoise Bertin, Andre Penvern
Länge: 87 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 18. Juli 2013

PRESSESTIMMEN:

"So lustig wie ‘Ziemlich beste Freunde’… Ein wunderschönes unmoralisches Märchen, die Wandlung der Grantlerin zur liebevollen Großmama herzerwärmend und die 84-jährige Bernadette Lafont als Kämpfernatur und vom Leben ruinierte Frau einfach umwerfend."
BR KinoKino

"…eine Kultkomödie aus Frankreich. …„Paulette“ lebt, wie alle Komödien, vom Clash der Kulturen. Wie alte Frauen mit jungen Dealern umgehen, ist wunderbar anzusehen."
Berliner Zeitung

"Nicht immer politisch korrekt, aber sehr lustig."
Der Spiegel

"…in Frankreich war dieses knuffige Sozialmärchen selbstredend ein Millionenhit."
Cinema

"…setzt ganz auf kurzweilige Unterhaltung voller Slapstick und Dialogwitz."
film-dienst

FILMKRITIK:

Paulette (Bernadette Lafont) ist 80 und alles andere als altersweise. Seit sie ihre kleine Konditorei schließen musste und ihr Mann gestorben ist, zetert sie sich durchs Leben. Vor allem die Invasion an Asiaten, Afrikanern und sonstigen fremden Elementen, die ihre Vorstadt-Gegend zunehmend beherrschen, stößt ihr übel auf: Da bekommt ein vietnamesisches Restaurant schon mal Kakerlaken in den Abfall gesteckt, bezeichnet sie ihren eigenen Enkel konstant als „Bimbo“ und beklagt sich bei der Beichte über all die Schwarzen – völlig ignorierend, dass der Pfarrer inzwischen auch ein Schwarzer ist.

Paulettes Verbitterung erreicht ihren Höhepunkt, als ihr sämtliche Möbel gepfändet werden, um Miete, Telefon und Strom zu bezahlen. Doch als sie eines Abends zwei junge Schwarze beobachtet, die beim Dealen erwischt werden und ihr Schwager (sowohl Polizist als auch dunkelhäutig), ihr von den enormen Einnahmen eines Dealers erzählt, entsteht die zwar absurde, aber rettende Idee: Ganz unverblümt klopft Paulette an die Tür des lokalen Drogenhändlers und bietet ihre Arbeitskraft an: Als greise Oma sei sie die Unauffälligkeit in Person. Das leuchtet ein und dementsprechend schnell wird sie zur erfolgreichen Dealerin, die Haschpakete zerkleinert und an die gierige Kundschaft verteilt.
Doch der Erfolg wird zum Problem, als die anderen Dealer zunehmend weniger verkaufen. Und so verfällt Paulette auf die Idee, das Dealen mit ihren Backkünsten zu verbinden: Bald wird ihre Wohnung zur Bäckerei der besonderen Art. Statt Brot und Kuchen verkauft Paulette mit Hilfe ihrer Freundinnen Haschkekse, bedröhnende Madeleines und auch mal einen ganzen Kuchen als Sonderanfertigung.

Die Idee zum Film lieferte zwar eine Zeitungsnotiz über eine ältere Dame, die Drogen verkaufte, um ihrer Altersarmut zu entgehen. Dennoch wäre es zu hoch gegriffen, Jerome Enricos Film als einen überzeichneten Kommentar über tatsächliche soziale Probleme zu bezeichnen. In „Paulette“ herrscht vom ersten Moment bis zum ebenso absurden wie hübschen Happy End eine solch überdrehte Atmosphäre, dass jeglicher realistische oder sozialkritische Ansatz im Keim stecken bleibt. Zumal Paulette und ihre Freundinnen in kaum 90 Minuten eine solch ausufernde Geschichte durchleben, die so reich an Zwischenfällen ist, dass für eine nuancierte Charakterzeichnung kein Platz bleibt.

„Paulette“ lebt zum einen von seiner absurden Geschichte, zum anderen von seiner Hauptdarstellerin Bernadette Lafont, die ihre Karriere Ende der 50er Jahre bei Claude Chabrol begann und in den 70er Jahren in Rivettes „Out 1“ und Eustaches „Die Mutter und die Hure“ zu sehen war. Trotz ihrer 84 Jahre noch bemerkenswert agil und vor allem mit einer Spielfreude gesegnet, mit der sie ihre anfangs wenig sympathische Figur langsam zu einer doch liebenswerten Person wandelt – und einen Film, der sich ein bisschen zu sehr auf seine grotesk-überdrehte Geschichte verlässt, zu einer amüsanten Komödie macht.

Michael Meyns