Personal Shopper

Leicht macht es einem Olivier Assayas mit seinem neuen Film „Personal Shopper“ nicht. Charakterstudie, Geisterfilm, Ausflug in die Mode- und Kunstwelt, Trauerbewältigung und Mordkomplott – all das steckt drin in den mysteriösen 105 Minuten. In denen verfolgt die Kamera von Yorick Le Saux vor allem eine Person nahezu auf Schritt und Tritt: Kristen Stewart, für Assayas schon in „Die Wolken von Sils Maria“ vor der Kamera. In Cannes erhielt der Franzose für seinen komplexen Genre-Hybrid 2016 den Preis für die Beste Regie.

Webseite: www.personalshopper-film.de

Frankreich 2015
Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Kristen Stewart, Lars Eidinger, Nora von Waldstätten, Anders Danielsen Lie, Sigrid Bouaziz, Benjamin Biolay
105 Minuten
Verleih: Weltkino
Start am 19.1.2017

FILMKRITIK:

Für ihre Rolle an der Seite von Juliette Binoche in „Die Wolken von Sils Maria“ wurde Kristen Stewart als erste nicht-französische Schauspielerin vor zwei Jahren mit dem César als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Beschäftigt hatte sich dieser Film mit einer psychodramatisch unterfütterten Sinnsuche – und auf eine solche begibt sich Regisseur Olivier Assayas nun abermals. Irgendwo in der bergigen Landschaft einer herbstlichen französischen Provinz lässt der Autorenfilmer die diesmal mit der Hauptrolle betraute Stewart ein einsames verlassenes und leergeräumtes Haus aufsuchen. Auch der schon in „Die Wolken von Sils Maria“ mitwirkende Lars Eidinger ist erneut mit von der Partie – und man darf sagen: auch hier wieder in einer Rolle, die man erst durchschauen muss.
 
Stewart ist die Amerikanerin Maureen, deren an einem Herzfehler verstorbener Zwillingsbruder hier gewohnt haben soll. Und weil Maureen sich als ein Medium begreift, das mit Toten in Kontakt treten kann, will sie nun in diesem Haus Verbindung zu ihrem Bruder aufnehmen. Fensterläden schlagen, Treppen knarzen, das Licht bleibt abends dunkel. Naheliegend, dass sich auf diese Weise eine gespenstische Stimmung ausbreitet. Tatsächlich taucht dann sogar etwas auf wie ein Geist.
 
Nicht wirklich greifbar ist, woher im Laufe des Films die vielen Textnachrichten kommen, die Maureen auf ihrem Smartphone empfängt. Assayas erlaubt sich ein langwieriges SMS-Stakkato, als Maureen in ihrem eigentlichen Job als Personal Shopperin für eine reiche Celebrity (Nora von Waldstätten) mit dem Zug von einer Einkaufstour aus London zurück in ihre Wohnung nach Paris kehrt. Minutiös lässt sich anhand des abgefilmten Displays nachvollziehen, wie der schriftliche Endgerätedialog während der in Echtzeit knapp 100-minütigen Zugfahrt nachvollzogen ist. Einerseits spürt und weiß sie, dass die Mitteilungen nicht von ihrem Bruder sein können. Sie erliegt andererseits aber der Neugierde, wer wohl der unbekannte Kommunikator sein mag, schlägt darüber jegliche Vorbehalte in den Wind und lässt sich auf ein Treffen mit ihm in einem Hotel ein.
 
So nebulös, wie der Film sich mit seinen Geistersequenzen und dem filmisch wenig attraktiven Kurznachrichten-Ping-Pong gibt, so rätselhaft sind auch die Einbettung eines Mordes sowie die als Film-im-Film verabreichten okkulten Séancen eines Victor Hugo (gespielt von Benjamin Biolay), wie er mit anderen historischen Figuren Tische schweben lässt. Des Weiteren ist auch noch das Interesse von Maureen an den abstrakten Bildern der vom Okkultismus geprägten schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) eingearbeitet.
 
Olivier Assayas jongliert in seiner von starken Bildern geprägten Charakterstudie über Verlust und Selbsterkenntnis also mit etlichen Zutaten des Mysteriösen und überlässt es dem Zuschauer, sich einen Reim darauf zu machen. Sich von Kristen Stewart an der Hand nehmen zu lassen und ihr nicht nur durch die Edelboutiquen von Paris und London zu folgen, sondern sie auch auf ihrer Suche nach Spiritualität und Wahrheit zu begleiten, das inszeniert Olivier Assayas dann aber doch von kunstvoller Hand. Stewart spielt zurückhaltend und ruhig, man spürt ihre Emotionen ebenso wie ihre Unsicherheit, ob sie tatsächlich überhaupt als Medium in eine Anderswelt taugt. Gewisse Fragen werden am Ende garantiert unbeantwortet bleiben.
 
Thomas Volkmann