Pieta

Kim Ki-Duk erzählt in seinem 18. Werk „Pietà“ einen kleinen gemeinen, eiskalt sadistischen Kredithai, der verschuldete Handwerker mit ihren eigenen Maschinen verkrüppelt, um die Versicherungssumme zu kassieren. Als die Mutter des Sadisten, die er nie kannte, auftaucht, wird der ganz schnell weich. Die vermeintliche Mutterliebe nimmt extreme, ja sogar perverse Formen an, wobei der Koreaner den Begriff Pieta umstülpt.

Goldener Löwe Filmfestival Venedig 2012

Webseite: www.mfa-film.de

Regie: KIM Ki-Duk
Darsteller: LEE Jeong-jin, CHO Min-soo
Länge: 104 Minuten
Verleih: MFA+ FilmDistribution
Kinostart: 8. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Handwerk hat blutigen Boden im neuen Kim Ki-Duk, der gerade den Goldenen Löwen beim Filmfestival von Venedig gewonnen hat: In einem alten Baracken-Viertel, das Immobilien-Spekulanten platt machen werden, steht den kleinen Handwerkern die Panik im Gesicht. Denn ein eiskalter Kredithai geht um und Kim Ki-Duk setzt all die Walzen, Pressen und Stanzen in den schummrigen Verschlägen schon so ins Bild, dass sich die Fantasie selbst grausame Strafen ausmalt. Doch die Methode des jungen Geldeintreibers mit dem gemein weichen Gesicht ist besonders pervers: Er verkrüppelt die Schuldner, die nicht das oft Zehnfache der Ausgangssumme zahlen können, um von der Versicherung das Geld zu kassieren. Ein schwer erträglicher Automatismus – und Alltag für den Herzlosen, der sich immer mit einem lebendigen Tier für seine Mahlzeiten belohnt. Ein paar brechen aus, bevor ihnen die Beine unwiederbringlich gebrochen werden: Einer springt vom Hochhaus, ein anderer ist vor lauter Vaterfreuden ganz versessen darauf, seine Hand zu opfern und bietet auch noch die zweite an.

Ist dies schon ein christliches Motiv in Anlehnung an die „andere Wange“? Kim Ki-Duk ist in seinen Arbeiten christlich, auch wenn diesem Glauben in Korea nur eine Minderheit anhängt. Als eine geheimnisvolle Frau auftaucht und dem sadistischen Killer erzählt, sie sei seine Mutter, wird das klassische Pietà-Motiv ganz neu durchkonjungiert. Die Prüfungen des misstrauischen Mannes sind extrem, schockierend und pervers. Doch irgendwann glaubt er, lässt sich mit Essen und Haushaltsarbeit bemuttern, zeigt eine plötzliche Sehnsucht nach Liebe, wo er doch vorher auch beim Sex mit sich selber allein blieb. Parallel wird in einem der Handwerks-Schuppen die Geschichte eines verzweifelten Schuldners erzählt, der seiner Mutter einen letzten Brief schreibt. Die Gnade der Pietà vermischt sich mit kalt geplanter Rache…

Das Gegenstück zur bekannten Ikonografie der Pietà mit Maria als „Mutter Gottes“, die den toten Jesus im Schoß hält, ist bei Kim Ki-Duk ein Dreier im Grab: Leben und Tod nebeneinander, ebenso Mutter und Sohn – einmal echt, einmal falsch. Ein grausiges Bild, das nur noch von der sehr langen Schlusseinstellung übertroffen wird. Eine weitere Mutter schleift unwissentlich eine atemberaubend lange Blutspur durch die Straßen, der wohl längste und makaberste Bußgang der neueren Filmgeschichte.

Ja, auch dieser, der 18. Kim Ki-Duk („Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling", „Bin-Jip") ist brutal wie seine frühen Filme – für Neueinsteiger in sein Werk mehr als für die bereits Bekehrten. Der Südkoreaner, der alles gewonnen hat und eine schwere Depression zuletzt in „Arirang“, der Dokumentation seiner selbst verarbeitete, realisierte eine besonders raffinierte Form von Schuld und Sühne. Im großen Ganzen und im Detail: Dass ein freigelassenes Kaninchen auf der Straße überfahren wird, ist ebenso bitter wie das hässliche und gemeine Wrack, das aus dem einst freudigen Vater wurde. Solch bis in die Nuancen gebrochene Reflektionen lassen Kategorisierungen wie Kapitalismus-Kritik, Immobilien-Spekulation oder Gangster-Film zu kurz kommen. Wenn auch in seinen digitalen Bildern nicht so kunstvoll wie der buddhistische „Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling", zeigt sich „Pietà“ erzählerisch und im mutigen Spiel mit religiösen und kulturellen Klischees als Meisterwerk, das den Preis und den Applaus von Venedig voll und ganz verdient.

Günter H. Jekubzik

Von Kim Ki-duk ist immer Besonderes zu erwarten, so auch hier. Er erzählt die Geschichte des brutalen Geldeintreibers Lee Kang-do in einem Seouler Handwerkerviertel. Wenn die armen Eisenarbeiter die Wucherzinsen nicht bezahlen können, schlägt Lee Kang-do sie zu Krüppeln, damit wenigstens die Versicherungen die fälligen Summen begleichen.

Lee wurde als Kind weggegeben. Ohne Familie, ohne Mutter, ohne Liebe ist er aufgewachsen. Also bleibt ihm auch jegliches Mitgefühl fremd. Foltern und zum Krüppel schlagen ist für ihn ein völlig normaler Job.

Eines Tages folgt ihm hartnäckig eine Frau. Sie gibt sich als seine Mutter aus und lässt sich nicht abweisen. Immer wieder bittet sie um Verzeihung. Sie heftet sich an ihn, bis er sie schließlich unwillig in seine Wohnung lässt. Sie versorgt ihn, kocht für ihn. Als er versucht sie zu vergewaltigen, weint sie bitterlich. Lee fängt an ihr zu glauben.

Seine erschreckende „Arbeit“ führt er weiter gnadenlos aus. Erschütternde Szenen sind das, vor allem als ein Mann seine beiden Hände durchbohren zu lassen bereit ist, um wenigstens schuldenlos für Frau und Kind sorgen zu können.

Langsam regt sich in Lee Kang-do Menschlichkeit.

Rächer tauchen auf, die auch die Mutter angreifen. In letzter Minute kommt Lee ihr zu Hilfe.

Dann ist Jang Mi-sun, die Mutter, plötzlich verschwunden. Lee gerät in Panik. Lange sucht er Jang. Sie aber tut etwas Außergewöhnliches aus der Absicht heraus, Lee Kang-do völlig zu retten und zu heilen.

Auf beiden Seiten Umkehr und Vergebung durch die Liebe. Das ist immer wieder Kim Ki-duks großes (christliches) Thema. Er setzt es auf eine derart albtraumhafte, durchschlagende Weise um, dass man vom Thema nolens volens tief beeindruckt und von der filmischen Wucht geradezu gepackt wird. Die Bilder bleiben lange hängen. Das hochrangige Spiel von Lee Jeong-jin als gewalttätiger und schließlich bekehrter Lee Kang-do und von Cho Min-soo als verzweifelte, auf Liebe bauende Jang Mi-sun ebenfalls.

Goldener Löwe in Venedig (2012).

Thomas Engel