Pioneer

Mitte der siebziger Jahre entdeckte Norwegen riesige Erölvorkommen vor seiner Küste und startete daraufhin ein umfangreiches Forschungsprogramm zur Förderung des Öls, bei dem auch die Amerikaner beteiligt waren. Bei einem der Tests kommt der norwegische Profitaucher Knut ums Leben. Sein Bruder Petters, ebenfalls ein erfahrener Taucher, zweifelt daran, dass es nur ein Unfall war, recherchiert auf eigene Faust und gerät zwischen alle Fronten. Der konventionell erzählte Politthriller versucht, auch die andere Seite der auf Profit ausgerichteten Forschung zu zeigen, die Schönheit der unendlichen Tiefen des Meeres und die achtsame Neugier vor dem Unbekannten. Im übrigen nach wahren Begebenheiten!

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Norwegen, Schweden, Deutschland, Frankreich, Finnland 2013
Regie: Erik Skjoldbjærg
Darsteller: Wes Bentley, Stephen Lang, Aksel Hennie
Verleih: Farbfilm
Länge: 106 Min

FILMKRITIK:

Norwegen Mitte der siebziger Jahre: Man hat riesige Erdölvorkommen unter der Nordsee entdeckt, die großen Reichtum versprechen. Aber wie soll man herankommen an das Öl und wie es an Land befördern? Die norwegische Regierung hat dazu ein Forschungsprogramm aufgestellt und sich die Amerikaner mit ins Boot geholt, um von deren größeren Erfahrungen in der Tiefseeforschung zu partizipieren.
 
Die Brüder Petter und Knut sind leidenschaftliche Profitaucher und für dieses Forschungsprogramm engagiert, wenn sie auch unterschiedlicher nicht sein könnten. Knut hat für Frau und Kind mit dem bereits verdienten Geld ein schönes Haus gebaut, jetzt soll noch ein großes Schwimmbecken dazukommen. Petter dagegen lebt allein auf einem  Boot, sein Element ist das Wasser, die Einsamkeit weit unter dem Meeresspiegel. Beide gehören zu den erfahrensten norwegischen Tauchern und testen gemeinsam mit dem jungen Norweger Jorgen und dem Amerikaner Mike in einer Druckkammer, in der eine Tiefe von 500 Metern simuliert wird, wie dieser enorme Druck auszuhalten ist. Der Test gelingt und man feiert den Erfolg, dass es mit einem speziellen Atemgas gelungen ist, Menschen in solche Tiefen zu schicken.
 
Einige Monate später wird das Exeriment in der Nordsee unter realen Bedingungen wiederholt. Die drei norwegischen und der amerikanische Taucher sollen in einer Tiefe von 320 Metern das Schweißen der Rohre simulieren, doch Knut kommt dabei ums Leben. Petter ist verzweifelt, auch weil er sich nicht genau erinnern kann, was eigentlich passiert ist. Aber sowohl die Forschungsleitung als auch die norwegische Regierung scheinen kein großes Interesse an der tatsächlichen Aufklärung des angeblichen Unfalls zu haben. Petter beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren und entdeckt Ungereimtheiten, die nicht mehr mit einem Unfall erklärt werden können. Nicht nur für Petter bleibt lange Zeit unklar, wer hier die  Bösen sind. Die Amerikaner, die das gemeinsame Projekt nutzen, um am  Profit beteiligt zu sein, oder die Norweger, die versuchen, die Amerikaner auszubooten? Petters gerät zwischen alle Fronten und ist bald auf der Flucht vor denen, die er glaubte jagen zu müssen.
 
Aksel Hennie als Petter spielt einen dieser grundguten einsamen Kämpfer für die Wahrheit, der besessen ist von seinem inneren Auftrag, so dass er bald selbst nicht mehr unterscheiden kann, was Wirklichkeit ist und was Halluzination, was auch mit dem getesteten Atemgas zu tun zu haben scheint. Allerdings folgt der Plot einem allzu bekannten Muster. Dazu kommt, dass die anderen Figuren schemenhaft bleiben, keine komplexen Charaktere entstehen, obwohl die Konflikte, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, das Potential dazu hätten. So wie die männlichen Gegenspieler wenig Kontur gewinnen, bleiben auch die Frauen – Stephanie Sigman als Knuts Frau Maria und Ane Dahl Torp als die Wissenschaftlerin Pia, die mit Petters zu kooperieren versucht – , seltsam allgemein und lassen einen regelrecht kalt.
 
Zudem verliert man manchmal den Überblick, wer bei den sich häufenden Verfolgungsjagden eigentlich wen jagt, was die Hauptfigur in dieser oder jener Räumlichkeit sucht und was das mit der Aufklärung des Unfalls zu tun haben könnte.
Letztlich entsteht statt Spannung Ungeduld, ob sich doch noch neue Aspekte auftun und die Geschichte komplexer wird. Es bleibt aber bei einem konventionell erzählten Politthriller, der einmal mehr darstellt, dass Forschung mit Aussicht auf großen Profit die   Menschen, in dem Fall die Taucher, gnadenlos als Versuchsobjekte vernutzt.
 
Zwar versucht Erik Skjoldbjærg, noch eine zweite Dimension zu eröffnen, eine Art poetische Bildebene, in der er mit zum Teil sehr schönen und symbolträchtigen Unterwasserbildern die Eroberung der unbekannten Tiefe mit der des Mondes gleichsetzt.
Doch bleiben diese Bilder ohne Bezug auf die Story ganz unverbindich, wenn sie auch schön sphärisch unterlegt sind mit dem Sound der französischen Band AIR. 
 
Die Story basiert auf tatsächlichen Geschehnissen, was sie brisant macht, zumal die über 30 Jahre zurückliegenden Geschehnisse bis ins Heute strahlen. In den Achziger Jahren hatte das norwegische Parlament der Förderung des Erdöls ohne die Beteiligung der Amerikaner zugestimmt, seitdem gehört Norwegen zu den reichsten Ländern der Welt. Aber erst Ende 2013 haben Angehörige der Taucher, die bei den Forschungstauchgängen ums Leben gekommen waren, vor dem Europäischen Gerichtshof mit ihrer Klage gegen den norwegischen Staat Recht bekommen, wobei das kaum mehr als einen moralischen Wert für sie haben dürfte. Vor norwegischen Gerichten hatten sie zuvor alle Prozesse verloren.
 
Caren Pfeil