Puppe

Wie das Straßenmädchen Anna in einem Erziehungscamp in den Schweizer Bergen zurück in die Zivilisation finden soll, davon erzählt Sebastian Kutzli in seinem Debütfilm „Puppe“. Die eindrucksvolle Kulisse der mächtigen Berge kontrastiert dabei mit den dreckigen Straßen Duisburgs, auf denen Anna Schreckliches erlebte. Ein ambitioniertes, vor allem stilistisch interessantes Debüt.

Webseite: www.puppe.wfilm.de

Deutschland 2012
Regie: Sebastian Kutzli
Buch: Marie Amsler
Darsteller: Anke Retzlaff, Corinna Harfouch, Christoph Gaugler, Sara Fazilat, Jella Haase, Anne Haug
Länge: 90 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 21. Februar 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Malerisch ist sie, die Landschaft im Schweizer Wallis, wo die Therapeutin Geena (Corinna Harfouch) ihre Schützlinge betreut. Neuestes Mitglied der Gruppe ist Anna (Anke Retzlaff), Straßenkind aus Duisburg, bei der bislang jeder Versuch zu helfen gescheitert ist. Auch in der geordneten Atmosphäre des Hofs, wo Regeln zu befolgen sind, gemeinsam gelernt und gekocht wird, mag sich Anna zunächst nicht einfügen. Zumal die Stimmung gespannt ist: Die pummelige Magenta, genannt Maggie (Sara Fazilat) neigt zu Aggression und bedroht schon mal die junge, etwas überfordert wirkende Lehrerin Julie (Anne Haug) mit dem Messer. Und schließlich ist da noch Emma (Stella Holzapfel), ein junges, liebes Mädchen, die die Freundschaft aller sucht.

Durchaus realistisch mutet diese Konstellation an, die Drehbuchautorin Marie Amsler nach eigenen Erfahrungen als Sozialarbeiterin in einem abgelegenen Hof in den Pyrenäen verfasste. Wie schwer es ist, an psychisch und physisch verletzte junge Menschen heranzukommen, ihnen Vertrauen beizubringen, einen normalen Umgang mit anderen, wird immer wieder angedeutet. Wie aus dem Nichts fallen die Mädchen oft in aggressive Konfrontation zurück und beschimpfen ihre Betreuer.

Doch anders als zum Beispiel in Hans Steinbichlers ähnlich aufgebautem „Autistic Disco“, wird die Isolation, der Kontrast der inneren Zerrissenheit und der äußeren Natur, nicht wirklich vertieft. Weniger um die Therapie, geht es Sebastian Kutzli in seinem Spielfilmdebüt, als um die lose angedeuteten Thrillerelemente. Immer wieder schneidet er dafür in die Vergangenheit von Anna, zeigt sie auf den Straßen Duisburgs, wo sie als Prostituierte arbeitete, ihre beste Freundin ermordet wurde und sie selbst fast in die Hände einer Bande gefallen wäre.

Und als wäre das nicht genug, spitz sich auch das Leben auf dem Hof zunehmend zu: Das nahe Italien verspricht eine Fluchtmöglichkeit, ein freies Leben, das besonders Maggie reizt. Doch angesichts der vielen Erzählstränge, des Versuchs, eine Mischung aus Therapiefilm, Thriller und bildgewaltigem Bergabenteuer zu erzählen, verzettelt sich Kutzli zunehmend. So bruchstückhaft bleibt sowohl die eine wie auch die andere Welt, so lose angedeutet die Erfahrungen, die Anna geprägt haben, dass keine der Geschichten letztlich die Kraft entfaltet, die fraglos in ihnen steckt.

So bleibt „Puppe“ ein ansprechend gefilmter, inhaltlich ambitionierter Film, in dem es einmal mehr die Darsteller sind, die besonderes in Erinnerung bleiben. Das gilt, natürlich muss man sagen, für Corinna Harfouch, die als resolute Therapeutin zwar nur wenige Auftritte hat, aber dennoch eindringlich wie immer ist. Vor allem aber für die junge Anke Retzlaff, die hier nach „Die Ausbildung“ in ihrer erst zweiten Hauptrolle zu sehen ist. Trotz der disparaten Erzählstruktur bleibt ihre Anna eine stets fesselnde Figur, die „Puppe“ das Zentrum gibt, dass inhaltlich etwas fehlt.

Michael Meyns