Pushing Dead

Aufgrund eines Missverständnisses erhält der HIV-positive Dan keine staatliche Unterstützung mehr. Er muss die 3000 Dollar für seine Tabletten künftig selbst aufbringen – monatlich. Regie-Neuling Tom E. Brown entlarvt in seiner bissigen Komödie die Tücken des US-Gesundheitssystems. Dabei setzt er der Schwere der Handlung einen leichten Tonfall entgegen und spielt lieber auf der Klaviatur des schwarzen, bisweilen zynischen Humors – ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn „Pushing Dead“ zeigt auch: Humor kann dabei helfen, die Nöte und Sorgen des Alltags besser zu ertragen.

Webseite: www.pro-fun.de

USA 2016
Regie & Drehbuch: Tom E. Brown
Darsteller: James Roday, Robin Weigert, Danny Glover, Tom Riley, Jerry McDaniel
Länge: 110 Minuten
Verleih: Pro-Fun Media
Kinostart: 09. November 2017

FILMKRITIK:

Autor Dan (James Roday) ist seit über 20 Jahren HIV-positiv und hat sich damit arrangiert, täglich seine Tabletten zu schlucken. Ablenkung findet er in den endlosen Gesprächen mit seiner WG-Mitbewohnerin Paula (Robin Weigert) und durch die Arbeit in der Bar von Bob (Danny Glover). Als Schriftsteller läuft es gerade nicht gut, da Dan an einer Schreibblockade leidet. Das aber hat den Vorteil, dass er seine HIV-Medikamente vom Staat bezahlt bekommt, da er zu wenig verdient. Als er jedoch einen 75-Dollar-Check einlöst, hat Dan plötzlich zu viel Geld auf dem Konto. Die Folge: er fliegt aus der Krankenversicherung und ist gezwungen, schnellstmöglich an das nötige Geld für seine Tabletten zu kommen.

Mit James Roday, Robin Weigert und Danny Glover ist das Langfilm-Debüt von Tom E. Brown äußerst prominent besetzt. Die beiden Erstgenannten erlangten durch US-TV-Serien Bekanntheit: Während Roday von 2006 bis 2014  in der Krimiserie „Psych“ ermittelte, feierte Weigert u.a. in Serien wie „Deadwood“ große Erfolge. Danny Glover hat sich durch seine Auftritte in der „Lethal Weapon“-Reihe, seinen Platz in der Filmgeschichte gesichert. „Pushing Dead“-Regisseur Brown drehte zuvor ausschließlich Kurzfilme. Er realisierte seinen Erstling für rund eine Million Dollar.

Brown etabliert die Protagonisten auf gelungene Weise als Identifikationsfiguren im Film und begegnet ihnen jederzeit mit Respekt. Auch, wenn sie durchaus ihre Macken und Schwächen haben. So ist Dan z.B. Kaffeesüchtig und extrem verpeilt. Paula ist Ende 40, noch immer Single und hangelt sich – erfolglos – von einem Date zum Nächsten. Und Bob befindet sich in einer tiefen Ehekrise. Außerdem leidet auch er an einer schweren Krankheit, darauf lassen seine Medikamente schließen.

Gerade diese Unvollkommenheit der Figuren und deren (menschliche) Fehler, machen sie so sympathisch. Damit fällt es dem Zuschauer folglich nicht besonders schwer, sich in sie hineinzuversetzen – eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass einem das Schicksal filmischer Charaktere nicht gleichgültig ist.

„Pushing Dead“ besticht zudem durch seinen schwarzen, gezielt eingesetzten Humor, der hier und da die Grenzen zum Zynismus durchbricht – und damit der eigentlich tragischen Story viel von ihrer Dramatik nimmt. Bestes Beispiel: wenn sich Dan und Bob in einer der bissigsten Szenen eine Art „Tabletten-Contest“ in Bobs Bar liefern. Einer nach dem anderen holen sie ihre unzähligen Medikamente hervor und platzieren sie – regelrecht stolz – auf dem Tresen. Getreu dem Motto: wer muss mehr bunte Pillen schlucken, wem geht es schlechter und wen holt der Sensenmann zuerst. Der Humor dient hier stets dazu, die gegenwärtigen Ängste (vor dem Tod, dem Scheitern der Ehe etc.) und das aktuelle Leid im Leben, erträglich zu halten.

Darüber hinaus garniert Brown seinen Film immer wieder mit surrealen Tagtraum-Sequenzen und phantastischen Elementen, die er wie einen Running-Gag häufiger auftauchen lässt. Hinzu kommen verstörend wirkende Personen (etwa ein Junge in einer Affenmaske), bei denen mitunter unklar ist: existieren sie wirklich oder nur im Kopf der Protagonisten. Darunter befindet sich auch ein bizarres kleines Mädchen, das sagt: „Du musst nichts fürchten, außer die Angst selbst“. Und wie man am besten mit Angst umgeht, lehrt der Film eindrucksvoll: mit Humor.

Björn Schneider