Rafiki

Dass afrikanische Teenager sich in Filmen ihrer Heimatländer küssen, war bislang rar. Weil es in „Rafiki“, dem Spielfilmdebüt von Regisseurin Wanuri Kanihu nun auch noch zwei junge Frauen sind, wurde die Geschichte einer zarten Freundschaft in Kenia vor ihrer Premiere sogar mit einem Aufführungsverbot belegt. Großer Andrang daher bei den wenigen Vorstellungen, als dieses befristet aufgehoben wurde, damit „Rafiki“ als kenianischer Kandidat für den Auslands-Oscar zur Verfügung stehen konnte. Die Wahl fiel letztlich zwar auf „Supa Modo“ von Likarion Wainaina, ändert aber nichts am frischen Wind in der afrikanischen Filmlandschaft und wie hier offene und lebendige Einblicke in eine fremde Welt und auf den freiheitsliebenden Drang der dort lebenden Jugendlichen und der vorherrschenden gesellschaftlichen Konflikte und Dynamiken geliefert werden.

Webseite: www.salzgeber.de/rafiki/

Kenia 2018
Regie: Wanuri Kanihu
Darsteller: Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva, Jimmi Gathu, Nini Wacera, Dennis Musyoka, Patricia Amira, Neville Misati u.v.m.
83 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Start: 31.1.2019

FILMKRITIK:

Etwas „echtes“ wollen sie sein und erleben, die beiden Töchter von zwei aktuell im Kommunalwahlkampf befindlichen Männern eines quirligen Viertels in Kenias Hauptstadt Nairobi. Echt meint: nicht so zu werden wie ihre Mütter, die üblicherweise tun, was der Ehemann ihnen sagt, die zuhause sitzen und sich langweilen. Nein, Kena und Ziki wollen, auch wenn sie sich anfangs noch etwas skeptisch mustern, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg gehen.
 
Das aber ist nicht einfach, trotz lässiger Fortbewegung auf dem Skateboard, trotz farbenfroh zusammengestellter Teenagermode und fröhlichem Tanzen auf der Straße. Dass sich das ostafrikanische Land schwer tut mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen, wird nicht nur in Kirchenpredigten, sondern auch in beiläufigen Äußerungen auf der Straße deutlich. Gefährlich ist immer auch, was an Klatsch weitergetragen wird. Privatheit kennt man in diesem Viertel nicht wirklich, dafür sorgt auf dem Dorfplatz schon Mama Atim als Obertratschtante. Die besonnene Kena, eine gute Schülerin mit strammem Schuss beim Kick mit den Jungs, deren Noten ihr durchaus den Weg für ein Medizinstudium öffnen würden, die selbst aber schon zufrieden wäre mit dem Beruf als Krankenschwester, kann trotzdem nicht verhindern, dass ihre Beziehung zur sich stets auffällig kleidenden und in ihrem Verhalten etwas zickigen Ziki ans Licht kommt. Was neben Stress mit den Eltern auch zu einer kleinen Hetzjagd nebst Exorzismus führt. Fast wird es einem an diesen gewaltbereiten Stellen etwas mulmig, malt man sich aus, wie derartige Szenen von homophob gepolten Zeitgenossen missverstanden werden könnten.
 
Kena und Ziki stehen für eine sich nach Freiheit sehnende Jugend, die beeinflusst ist vom westlichen Lebensstil und es nicht leicht hat, sich damit auch gegen die bestimmenden, alten Mustern verhafteten und in Machtstrukturen denkenden und handelnden Erwachsenen durchzusetzen und zu überzeugen. Den beiden Darstellerinnen Samantha Mugatsia und Sheila Munyiva zuzusehen, wie sie sich von der Liebe verzaubert auf eine verbotene Freundschaft mit einem hoffnungsfrohen Ende einlassen, macht vor allem deshalb Laune, weil man ihnen die Lebensfreude, aber auch die Zweifel abnimmt.
 
Im Aufbau seiner Geschichte ist „Rafiki“ – auf Suaheli bedeutet es „Freund(in)“ – recht simpel gestrickt, die Dynamiken der Handlung schnell durchschaut. Das Personal steht stellvertretend für die kenianische Gesellschaft und deren Haltungen in Bezug auf Traditionen und Religion, selbst ein bisschen Voodoo am Rande hat Platz, die inhaltlichen Zutaten dieses immer wieder mit komödiantischen Momenten angereicherten Films sind ein bisschen aber auch Klischee. Das Wetter ist meist schön, die Klamotten ebenso wie Rummelplatz und Discoambiente schön bunt – und der Film damit erst einmal weit weg von den Schattenseiten eines ewig leidgeplagten Afrikas. Dass der Kontinent sich emanzipiert und eine Kultur des Optimismus entwickelt, dafür ist „Rafiki“ ein gelungenes Beispiel. Das Aufführungsverbot in Kenia unterstreicht allerdings auch, dass der Weg des Wandels ein steiniger ist. Auf dass mehr geküsst werde in afrikanischen Filmen!
 
Thomas Volkmann