Raus

Ähnlich wie in LOMO von Julia Langhof wird hier eine zeit- und medienkritische Story visuell aufgepeppt. Doch auch wenn der Hintergrund ähnlich ist – in beiden Filmen geht es um die Kinder der Wohlstandsgesellschaft – entwickelt sich RAUS ganz anders. Irgendwo zwischen Jugendkomödie, Horrorfilm und Sozialstudie gehen fünf Follower eines geheimnisvollen Anführers auf eine Art Schnitzeljagd ins Gebirge. Der kleine Film wird es aufgrund seiner uneinheitlichen formalen, ästhetischen und inhaltlichen Positionierung vermutlich im Kino nicht leicht haben. Als Spielfilmdebüt und Stimmungsbild der Generation Y ist er dennoch beachtenswert.

Webseite: www.raus-film.de

Deutschland 2018
Regie: Philipp Hirsch
Drehbuch: Thomas Böltken, Philipp Hirsch
Darsteller: Matti Schmidt-Schaller, Milena Tscharntke, Tom Gronau, Matilda Merkel, Enno Trebs
Länge: 101 Minuten
Verleih: farbfilm
Kinostart: 17. Januar 2019

FILMKRITIK:

Glocke möchte sich wehren gegen alles, was die Menschheit unterdrückt. Er ist ein Rebell – jung und zornig. Seine Sympathien gehören radikalen Aktivisten, mit denen er gemeinsame Sache macht. Denn da ist auch seine unerwiderte Liebe zur Mitkämpferin Lena, die ihn vielleicht erhören wird, wenn sie sieht, wie mutig er ist. Mit ihr gemeinsam zündet er die Luxuskarosse eines Zuhälters an. Dabei wird er entdeckt, gefilmt und muss fliehen. Über einen Onlinechat findet er Anschluss an andere, die sich gemeinsam auf eine Reise mit unbekanntem Ziel begeben wollen. In einer Art Schnitzeljagd ziehen sie los, jeder trägt seine Vergangenheit und seine kleinen Geheimnisse mit sich, aber auch die Unzufriedenheit über ein Leben im unverdienten Wohlstand sowie eine generelle Unruhe des Geistes. Der spießige Elias (Tom Gronau), der unterschwellig aggressive Paule (Enno Trebs), die wehrhafte Steffi (Matilda Merkel) und die sensible Judith (Milena Tscharnke) begeben sich auf die Suche nach einem gewissen Friedrich, der sich von der Welt abgekehrt hat und sein wahres Selbst finden konnte. Geleitet von der Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt entsteht aus den fünf Individuen so etwas wie eine Gruppe. Die ersten Krisen schweißen sie noch mehr zusammen, doch als sie glauben, Friedrich gefunden zu haben, nimmt ihre Reise eine dramatische Wendung.
 
Bildfetzen, schnelle Schnitte, ein ironischer Subkommentar des Hauptdarstellers – der Film startet verheißungsvoll und flott, eher komödiantisch und dabei spannend. Als Glocke dann unter markigen Sprüchen vor den Kameras seiner Verfolger durch das Dach eines Toilettenhäuschens bricht und in menschlichen Exkrementen landet, wird die Grenze des guten Geschmacks offenbar mit voller Absicht überschritten. Der ambivalente Beginn ist kennzeichnend für den Film, der etwas uneinheitlich ist in seiner Stimmung, etwa so wie ein launischer Teenie. Überraschungen sind dabei garantiert, und sie sind nicht immer positiv. Wenn es in der Wildnis zunächst darum geht, dass sich die Gruppe im Umgang mit der Natur und dem einfachen Leben gründlich blamiert, so lernen doch alle bald dazu. Ein bisschen Höhlenkinder-Atmosphäre, das Glück im Einfachen … Doch hier kann man sich auf nichts verlassen. Der Film wechselt hin und wieder seine Richtung und sein Genre, so wie auch die mit ihrem Leben unzufriedenen Heldinnen und Helden dieser Geschichte zwischendurch neue Wege beschreiten. Vieles wird angesprochen, weniges klärt sich. Es gibt schöne Bilder vom Leben im Paradies, der Friedhof der vergrabenen Handys ist ein hübscher Einfall. Doch bleibt manches unklar. Glocke als Ich-Erzähler ist nur am Anfang präsent, später ist das vergessen. Er bleibt Hauptfigur, geht dramaturgisch brav durch Höhen und Tiefen, erlebt seine Katharsis, aber so richtig versteht man ihn nicht. Irgendwie idealistisch und sehr naiv ist dieser Junge, den Matti Schmidt-Schaller spielt. Es scheint, als ob es ums Miteinander geht, um die Chance des gemeinsamen Lebens und Erlebens und um den Frieden, den man nur in sich selbst finden kann. Es bleibt jedoch das Bewusstsein einer gewissen Beliebigkeit, die nicht nur für das Genre, sondern auch für die Auseinandersetzung mit sozialen oder politischen Befindlichkeiten gilt.
 
Gaby Sikorski