Renn wenn du kannst

Dietrich Brüggemanns erster Kinofilm ist ambitioniertes Seelendrama und verspielte Dreiecksgeschichte zugleich. Zwischen dem Rollstuhlfahrer Ben, seinem Zivi Christian und der Studentin Annika entsteht nicht nur Freundschaft, sondern auch tiefste Zuneigung. Vor trister Ruhrpottkulisse sinniert der Film dabei vor allem über das Leben mit Behinderung – und schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2010
Regie: Dietrich Brüggemann
Buch: Dietrich Brüggemann & Anna Brüggemann
Darsteller: Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz, Franziska Weisz, Leslie Malton
Länge: 112 Minuten
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 29.7.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Mutiges junges deutsches Kino.
Brigitte

FILMKRITIK:

Manchmal ist Leben einfach nur ein Tutti-Schwein. So nennt man die Musiker im Orchester, die nur die zweite, dritte oder vierte Geige spielen und stets davon träumen, auch mal im Rampenlicht stehen zu dürfen. So wie Annika (Anna Brüggemann), die Cello im Orchester spielt, aber wegen chronischer Nervosität nur eine Nebenrolle übernehmen darf.

Bens (Robert Gwisdek) Leben ist noch nicht mal ein Statisten-Dasein. Seit sieben Jahren sitzt er querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Mit süffisanter Arroganz kommandiert er sowohl die eigene Mutter als auch den Zivi in der Wohnung umher, die in stiller Demut vor ihm und seiner Behinderung kuschen. Der 26-Jährige geht offensiv und zynisch mit seinem Leben im Rollstuhl um. Belesen, schlau und wortgewandt nutzt er die rhetorischen Stilmittel der beißenden Ironie aber vor allem um sich selbst zu schützen. Denn die Welt, in der er lebt, ist nicht für ihn gemacht: „Echte Liebe ist für mich unerreichbar. Wer steht schon auf einen Typen im Rollstuhl? Selbst ich kann mit Behinderten einfach nichts anfangen“, stellt er ernüchtert fest.

Doch das Leben hat für einen Moment scheinbar Größeres mit ihm vor: Der neue Zivi Christian (Jakob Matschenz) und Annika treten unverhofft in sein Leben. Zwischen den drei Tagträumern entwickelt sich schnell eine tiefe Freundschaft, die nach und nach in zaghafte Zuneigung umschlägt. Zwei Männer, eine Frau: Die Filmgeschichte hat vielfach bewiesen, dass diese Konstellation wie ein Pulverfass ist.

Dietrich Brüggemann und seine Schwester Anna Brüggemann, die gemeinsam das Drehbuch verfasst haben, sind auf der Suche nach dem Gefühl, wo Freundschaft sich in Liebe verwandelt. Ohnehin forschen sie nach den großen Emotionen, von denen der behinderte Ben nie kosten darf. „Glaubst du nicht an eine Partnerschaft unter Rollstuhlfahrern?“, fragt ihn sein Zivi. „Ich will keine Partnerschaft. Ich will Liebe.“ Die konstante Angst vor dem Versagen wird dabei zum Leitmotiv der drei Protagonisten: Annika fürchtet den permanenten Leistungsdruck, Ben geht seiner eigenen Vergangenheit aus dem Weg und Christian kann kein Blut sehen, obwohl er Mediziner werden will. Den Mut trinkt er sich mit Wodka an.

So unentschlossen und redundant in ihren Dialogen die heutigen jungen Menschen sind, die auf der Schwelle zum Berufsleben stehen und sich mit Zukunftsängsten arrangieren müssen, so ziellos treiben mitunter auch die drei Figuren durch das Drehbuch. Vor der tristen und grauen Architektur des Ruhrpotts (in diesem Fall ist es Duisburg) taumeln sie unentschlossen zwischen den Unverbindlichkeiten der Freundschaft und den Fesseln der Liebe. So richtig entscheiden und bekennen können die drei Freunde sich nicht zueinander, wobei die Behinderung Bens nur wie eine Randerscheinung wirkt. Sie wird niemals dafür missbraucht, den Rollstuhlfahrer als klassisches Opfer der Gesellschaft darzustellen. Dennoch: So sehr „Renn, wenn du kannst“ auch feinfühliges Kino über Freundschaft sein will, so sehr wirkt der Film auch überambitioniert. Wie ein Tutti-Schwein, das extra laut spielt, um auch mal erste Geige sein zu dürfen.

David Siems

Sieben Jahre ist es her, seit Benjamin einen schweren Unfall hatte, bei dem er seine Freundin verlor. Seither ist er querschnittgelähmt.

Zivis helfen ihm, sein Leben zu meistern. Nun ist Christian an der Reihe. Auf seinem Weg zu Benjamin wird er von einer Radfahrerin umgehauen, von Annika, einer Cellistin. Für Benjamin ist diese keine Unbekannte. Seit zwei Jahren schon beobachtet er das gegenüberwohnende Mädchen.

Benjamin will in seiner forschen Art Christian sofort klarmachen, wo es lang geht. Doch damit ist er an den Falschen geraten.

Durch die Umstände, vor allem wegen des Fahrradunfalls, kommen Christian, Annika und Benjamin zusammen. Annika träumt in dem Orchester, in dem sie spielt, von einem Solopart. Ihr Wunsch wird später in Erfüllung gehen.

Zwischen Christian und Annika entsteht ein kleines Techtelmechtel – von kurzer Dauer.

Näher kommen sich Benjamin und Annika. Allerdings macht die Behinderung des Mannes Sex unmöglich. Irrungen und Wirrungen.

Am Schluss ist alles offen. Jeder muss mit seinem Leben zurecht kommen.

Glaubhaft und überzeugend ist bei weitem nicht alles in diesem Film. Mit manchem stößt er an die Grenzen des Übertriebenen, dann ist sein Niveau in höchster Gefahr.

Und doch führt er eine Existenz vor Augen, an der der „Gesunde“ oft achtlos, zu achtlos, vorübergeht. Wie jedenfalls der querschnittgelähmte Benjamin sein Leben meistern muss, wie er zwischen Verzweiflung und Zynismus, zwischen Wut und Sehnsucht, zwischen Hoffnung und Unerreichbarkeit hin- und hergeschleudert wird, das ist schon auch beeindruckend gemacht. Und wie Robert Gwisdek das spielt – alle Achtung! Anna Brüggemann als Annika und Jakob Matschenz als Christian arbeiten ihm gut zu.

Thomas Engel