Rheingold – Gesichter eines Flusses

In fantastischen Bildern, die ausschließlich aus der Vogelperspektive aufgenommen wurden, zeigt sich der Rhein als gewaltiges Naturschauspiel ebenso wie als geschichtsträchtige Verbindung zwischen Menschen, Städten und Völkern. Als bildgewaltiger und lehrreicher Film, der ein vor allem historisch und naturkundlich interessiertes Publikum jeden Alters ansprechen könnte, eignet sich Rheingold auch für Schulvorstellungen.

Webseite: www.senator.de

Deutschland 2014 – Dokumentarfilm
Buch und Regie: Peter Bardehle, Lena Leonhardt
Länge: 91 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 21. August 2014

FILMKRITIK:

Der Rhein war und ist nicht nur ein Fluss, sondern auch ein Symbol, oft missbraucht und missverstanden als deutschester aller Flüsse. Tatsächlich entpuppt sich der Strom bei genauerem Hinschauen als Sinnbild unseres Kontinents: Er verbindet nicht nur sechs Länder, sondern auch die Alpen mit der Nordsee, ist seit tausenden von Jahren Lebensader und Transportweg. Lange Zeit war er umkämpft – heute fließt er durch ein friedliches, vereintes Europa. Zwei Wochen braucht sein Wasser von der Quelle bis zur Mündung im Rheindelta. Die unterschiedlichsten Landschaften säumen seine Ufer: von den wilden Alpengipfeln, wo das Rinnsal grünlich schimmernd zu Tal gluckert, über die dschungelartigen Rheinauen bis zum „hohlen Lande“ Holland, dem er als Rheindelta durch Zustrom anderer Flüsse und immer wieder neue Teilungen Wasser und damit fruchtbaren Boden schenkt, bevor er sich in die Nordsee ergießt.
 
Das alles ist sowohl geographisch als auch historisch spannend – die vielen alten Städte an den Ufern berichten seit Tausenden von Jahren vom Leben der Menschen mit dem Fluss, von ihrem Respekt und der Angst vor Überschwemmungen und von dem Willen, trotzdem auszuharren, weil die Wasser, die Not und Tod bringen können, gleichzeitig auch Leben und Wohlstand bedeuten. Diesen Zwiespalt stellt der Film dar: Der Mensch hat zu allen Zeiten versucht, den Fluss für sich zu vereinnahmen, ihn zu kontrollieren und zu beherrschen.
 
Was die beeindruckenden Bilder betrifft, gelingt hier ein großer Coup: Die Schönheit von oben ist allgegenwärtig, auch die Kanalisierungen, sogar die Industrielandschaft bei Duisburg und die AKWs am Ufer entwickeln einen ganz eigenen Reiz. Die Welt, aus der Höhe betrachtet, ist schön und bunt, besonders wenn die Sonne scheint. Und sie scheint fast immer in diesem Film. Was der Mensch dem Fluss und der Natur angetan hat, wird vor allem durch die Kontraste zwischen den einzelnen Flussabschnitten sichtbar. Der Rhein als Badeanstalt, aber auch als einer der meistbefahrenen Wasserwege der Welt. Relikte von Kriegen und Eroberungen gegen unendlich weite Wiesen und Täler, Bilder von unzähligen Storchennestern in nahezu unberührten Auwäldern gegen Kühltürme, Strommasten und Raffinierien. Die Menschen und ihre Taten sind allgegenwärtig.
 
Oft besungen und glorifiziert, romantisch verbrämt und in Reime verpackt, musste der Rhein über die Jahrhunderte als personifizierte Macht herhalten. Dies will und soll natürlich auch irgendwo kommentiert werden, und hier zeigt sich leider eine kleine Schwäche des Films. Zwei Stimmen begleiten die herrlichen Bilder: Ben Becker spricht in der Ich-Form als „Vater Rhein“ Texte, die poetisch sein wollen oder mindestens literarisch, jedenfalls wird der Wille zur Kunst deutlich. Manchmal zitiert er lyrisch, immer im selben behäbigen Basston, bedeutungsschwer und ausdrucksvoll, dabei so gleichmäßig und getragen wie der Rhein bei Köln an einem lauen Sommerabend. Die Schauspielerin und Sprecherin Anne Moll übernimmt den Informationspart. Mit ihrer schönen, klaren Altstimme berichtet sie von Fakten, erzählt kleinere und größere Geschichten, die an sich interessant und spannend sind oder sein könnten, jedoch spricht auch sie in immer der gleichen Stimmlage, im selben Tempo. So entsteht – wohlgemerkt nur durch den Kommentar – der Eindruck, als sei dieser Film vor allem für literarisch gebildete Menschen gedacht, die sich auf höchstem Niveau gern auch mal ein bisschen langweilen. Das ist ein bisschen schade, denn die großartigen Bilder, ebenso wie die naheliegenderweise von Richard Wagner inspirierte Musik entwickeln eine sehr eigene, faszinierende Sprache.
 
Doch die zahlreichen Fans von Ben Becker werden den Film sicherlich ebenso zu schätzen wissen wie ein naturinteressiertes Publikum, das in Luftaufnahmen von unübertroffener Ästhetik den Rhein ganz neu erleben und kennenlernen wird – in all seinen bekannten und unbekannten Facetten.
 
Gaby Sikorski