Ein gleichzeitig magisches und mysteriöses Filmkunstdrama aus Spanien über Familie, Verwandtschaft und den Umgang damit, angelehnt an die tragische Liebesgeschichte eines Pärchens, das der wilden „Lost Generation“ der Post-Franco-Zeit in Spanien angehörte. Marina, ein junges Mädchen, trifft zum ersten Mal die Familie ihres Vaters und geht auf Spurensuche, um mehr über ihre Eltern zu erfahren.
Melancholisch angehauchtes, wunderschön gefilmtes Erinnerungskino, das zwischen autobiografischer Recherche und poetischer Fantasie auch einen Teil der jüngeren spanischen Geschichte aufarbeitet.
Über den Film
Originaltitel
Romería
Deutscher Titel
Romería – Das Tagebuch meiner Mutter
Produktionsland
ESP,DEU
Filmdauer
115 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Simón, Carla
Verleih
Piffl Medien GmbH
Starttermin
01.01.1972
Die spanische Autorin und Regisseurin Carla Simón hat aus ihrer eigenen Familiengeschichte schon zuvor großes Kino gemacht; mit dem eher realistischen wirkenden Drama „Alcarràs – Die letzte Ernte“ über die Zerstörung der ländlichen Idylle, das von der Familie ihrer Mutter handelte, gewann sie 2022 in Berlin den Goldenen Bären. „Romería“ ist nun der sehr locker verbindende dritte Teil von Carla Simóns autobiografischer Trilogie. In Bildern, die zwischen den 1980er und den 2000er Jahren spielen, wird daraus fast so etwas wie eine filmische Wiederbegegnung mit ihren Eltern – doch was ist hier Wahrheit, was ist hier Interpretation? Diesmal spielt Carla Simón viel mit den Tücken der Erinnerung. Wieder geht es um Verlust, Herkunft und um die Frage, wie ein Leben von Leerstellen geprägt wird und was die Abwesenheit der Eltern mit einem Kind macht. Doch diesmal ist Carla Simóns Film nicht nur autobiografisch gefärbt, sondern er wurde sozusagen aus dem Mangel an Gewissheit geboren: Die Filmemacherin selbst hat ebenso wie ihr Alter Ego im Film, die 18-jährige Marina, ihre Eltern niemals kennengelernt. Beinahe zufällig bekommt sie die Möglichkeit, der Familie ihres Vaters zu begegnen, und stößt auf eine Mauer von Schweigen, Scham und den Widersprüchen verblassender Erinnerungen.
Eigentlich braucht Marina nur eine Unterschrift – sie möchte mithilfe eines Stipendiums Film studieren. Doch dafür benötigt sie eine Bestätigung für das Standesamt von der Familie ihres Vaters, der kurz nach ihrer Geburt gestorben ist. Deshalb reist sie nach Vigo, einer Stadt am Atlantik im Nordwesten Spaniens, nicht weit von der Grenze zu Portugal. Dabei kommt sie, die stets mit der Handkamera und dem Tagebuch ihrer Mutter unterwegs ist, der Wahrheit immer näher. Eher beiläufig geht sie auf die Spur ihrer Eltern und der Liebesgeschichte zwischen den beiden, bis sie ihnen schließlich in der Vergangenheit selbst begegnet – ein zwar mystisches, aber keineswegs esoterisch angehauchtes Treffen.
Bei ihren Verwandten, einer Unmenge von Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, vor allem aber bei ihren Großeltern, stößt sie mehr auf Abwehr als auf Freundlichkeit. Offenbar gibt es eine Reihe von Geheimnissen um ihre Eltern, vor allem aber um ihren früh verstorbenen Vater Fon, dessen Schicksal von der Familie so sehr verdrängt wurde, bis kaum noch Erinnerungen übrig waren. Marina lässt aber nicht locker, und aus Gesprächen, Blicken, Tagebucheinträgen und belauschten Bemerkungen setzt sie langsam das Bild zweier junger Menschen zusammen: ihrer Eltern, die als Junkies an Aids starben und deren Geschichte von den Familien nur bruchstückhaft, mitunter beschönigt weitergetragen wurde. Gleich zu Beginn entdeckt Marina, dass alles, was sie über ihre Eltern zu wissen glaubte, offenbar falsch ist. Orte, Zeiten und Personen … irgendwie ist alles anders, als sie gedacht hatte und womit sie aufgewachsen ist. Aber was ist damals wirklich geschehen?
Carla Simón macht aus dieser Geschichte kein Enthüllungsdrama, sondern sie bewegt sich in einem großen Spektrum zwischen Thriller, dokumentarischer Familienrecherche, Märchen und Love Story. Die Regisseurin vertraut dabei auf viele Zwischentöne, die mal poetisch und sinnlich, mal zärtlich und manchmal fast brutal sind, aber auch auf Pausen und auf die atmosphärische Wirkung der Bilder. Hélène Louvarts Kamera beobachtet die flirrende und vergängliche Sommerwelt des jungen Liebespärchens mit unverhohlener Sinnlichkeit: ein Pärchen, das sich rauschhaft erst der Liebe und dann den Drogen ergibt, und in einem nahezu perfekten Inselparadies um sich selbst kreist. Atlantiklicht, Gesichter, Räume, Feste, Wind, Wasser – zwischen gestern und heute scheinen die gespeicherten Erinnerungen durch, und sie wachsen, bis sie manifest geworden sind. Daraus ergibt sich eine melancholische Grundstimmung, die den Film nicht beschwert, sondern ihm manchmal sogar eine durchlässige, meditative Leichtigkeit gibt. In vielen Szenen ist die Sehnsucht der Tochter nach einem Bild ihrer Eltern zu spüren, das für sie greifbar ist und mehr ist als ein beschämtes Familiengerücht. Die junge Llúcia Garcia, ein brachiales Schauspieltalent, spielt die Doppelrolle der Marina und ihrer Mutter mit dem staksigen Charme eines Mädchens, das noch nicht ganz den Kinderschuhen entwachsen ist, aber schon leise Anzeichen weiblicher Eleganz zeigt, vor allem aber eine ebenso zurückhaltende wie offensichtliche Beharrlichkeit, während sie Marinas Mutter als sehr sinnliche, sexy Frau darstellt, die außer ihrer Liebe für Fon nur sehr wenig im Kopf hat. Beide Rollen bewältigt Llúcia Garcia mit einer ungeheuer scheinbar selbstverständlichen Präsenz, die für eine so junge Darstellerin erstaunlich ist.
Die emotionale Wucht des Films ist enorm. „Romería“ wirkt persönlich, ohne in Gefühlen zu schwelgen. Die politischen Umstände sind allgegenwärtig, bleiben aber im Hintergrund, ohne plakativ zu werden, weil die Geschichte von Liebe, Sucht, Aids und sozialem Stigma wie eine dunkle Strömung unter allem weiterfließt. So wird aus der Reise zu Verwandten ein meist stilles, sehr schönes Stück Identitätsarbeit – und aus Carla Simóns autobiografischem Material ein Film, der weit über das Private hinausreicht.
Gaby Sikorski







