rote Elvis, Der

Leopold Grüns kurzweiliger Dokumentarfilm über den amerikanischen Agit-Prop-Sänger Dean Reed ist die filmische Biografie eines vergessenen Helden der Linken. Als erster amerikanischer Popstar engagiert sich der Schlagersänger und Liedermacher in den 60er und 70er Jahren für den internationalen Sozialismus. Ein kritischer und fesselnder Film, der durch Kommentare vieler Zeitzeugen und Wegbegleiter angereichert wird. 
Webseite: www.theredelvis.de

Deutschland 2007
Buch und Regie: Leopold Grün
Kamera: Thomas Janze
Musik: Monomango, Olivier Fröhlich & Jan Weber
Darsteller: Dean Reed, Armin Mueller-Stahl, Isabel Allende, Celino Bleiweiss, Peter Boyles, Egon Krenz, Maria Moese, Günter Reisch
Länge: 90 Min.
Verleih: Neue Visionen
Start: 2.8.2007

PRESSESTIMMEN:

 

Dank interessanter Gesprächspartner, klug ausgewählter, oft metaphorisch eingesetzter Filmzitate und Bezügen zur Zeitgeschichte ein ebenso ernsthaftes wie unterhaltsames Porträt, das den Spuren eines politischen Träumers folgt, sich dabei aber weder in die Niederungen der Spekulation begibt noch zu unkritischer Schwärmerei neigt. (teils O.m.d.U.) – Sehenswert ab 14.
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FILMKRITIK:

Ganz gemächlich spaziert er mit freiem Oberkörper durch palästinensisches Wüstengebiet, ein breites Grinsen der Zufriedenheit liegt auf seinem Gesicht. In der einen Hand hält er eine Gitarre, in der anderen ein Kalaschnikow-Gewehr. Dean Reed, der „rote Elvis“, ist überzeugt, dass es viele Wege gibt ein Revolutionär zu sein, und die Gitarre mit der Maschinenpistole zu tauschen, erscheint ihm nicht abwegig. Kurz darauf sieht man ihn mit Yasser Arafat beim Bruderkuss, der den hoch gewachsenen Fremden gar nicht aufhören kann zu umarmen. Auf die Frage, warum er sich einen Bart wachsen lässt, erwidert er kühn: „Wenn ich den Zionisten gegenübertrete, will ich, dass sie mich für einen Palästinenser halten“.

Leopold Grüns Dokumentarfilm „Der rote Elvis“ erzählt von einem der widersprüchlichsten, radikalsten und merkwürdigsten Persönlichkeiten, die – neben Che Guevara – zum ersten Popstar und Kulturidol der Linksbewegung und des Sozialismus im 20. Jahrhundert wurde. Dean Reed, 1938 in Denver geboren, geht als junger Mann nach Hollywood und nimmt seine erste Platte auf. In den USA interessiert sich niemand für das Elvis-Presley-Plagiat, doch in Südamerika wird er schnell zum Star. Bei seiner ersten Tour durch Chile 1963 wird Reed empfangen und gefeiert wie ein Pop-Messias, der, berauscht von seiner Popularität und geprägt von positivistischem, amerikanischem Idealismus, zum großen Idol auserkoren wird. Doch Reed ist mehr als ein Musikstar: Zusehends verwirrt durch die gesellschaftlichen Missstände und die militärischen Interventionen der USA in Lateinamerika, wird er zum öffentlichen Verfechter des marxistisch geprägten Sozialismus. Er freundet sich mit dem späteren Präsidenten Chiles an, Salvador Allende, und unterstützt ihn 1970 ihm Wahlkampf. In der Öffentlichkeit bricht er mit seinem Heimatland.

Regisseur Leopold zeigt Dean Reed auf seinen Tourneen als Wanderprediger, der bei Auftritten die amerikanische Flagge verbrennt, die „internationale Solidarität“ besingt und auf dem Roten Platz in Moskau Autogramme gibt. Ein US-Popstar, der im Ausland sozialistisch motivierte Agit-Prop betrieb, hatte es noch nie gegeben. In O-Tönen kommen verschiedene Zeitzeugen zu Wort wie Isabel Allende oder Armin Mueller-Stahl und Egon Krenz, die Reed in den 70er Jahren begleiten, als der Popstar in die DDR übersiedelt und heiratet. Auf der ganzen Welt treibt er den Umsturz herrschender Militärdiktaturen voran, kämpft mit der PLO gegen die israelische Armee, nimmt nebenbei Platten auf, tritt in Volksmusiksendungen auf und spielt in zweitklassigen Spaghetti-Western mit. Ein unglaubliches Leben, so unterhaltsam, bizarr und widersprüchlich. 

Dramaturgisch dicht und spannend erzählt, gelingt Leopold Grün ein fesselnder Film über dieses vergessene Pop-Idol. Die zusehende Entfremdung mit seinen Idealen lassen Dean Reed mehr und mehr an sich zweifeln, die ihren tragischen Höhepunkt erreicht, als er 1986 leblos aus dem Zeuthener See bei Berlin gezogen wird. Offiziell spricht man von massiven Depressionen, die zum Selbstmord geführt haben sollen. Die andere Variante: Der KGB hatte ihn auf dem Gewissen, wie auch der amerikanische Geheimdienst CIA, der eine Rückkehr des Abtrünnigen in die USA verhindern wollte.

„Der rote Elvis“ ist dennoch keine Hommage: kritisch äußern sich Ex-Frauen und –Geliebte wie auch ehemalige Weggefährten. Der ehemalige DEFA-Regisseur und Kollege Celino Bleiweiß bringt es auf den Punkt: „Er ist ein tragisches Beispiel für das DDR-System. Als Star wurde er benutzt als Beispiel des Ideals, in dem wir im sozialistischen System zu leben hatten“.

David Siems

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Der Rocksänger Dean Reed, auch der „rote Elvis“ genannt, betätigte sich nicht nur musikalisch, sondern auch politisch. Er stammte aus Denver/Colorado (1938 – 1986), doch zu Hause hielt es ihn nicht lange. Er war mit dem politischen System in Amerika zu Reagans Zeiten, mit dem Kapitalismus, mit der sozialen Ungerechtigkeit auf der Welt nicht einverstanden. Deshalb wurde er daheim sogar als Verräter betrachtet.

Musikalisch war er sehr produktiv, bereiste viele Länder, gab Alben heraus, trat in unzähligen Konzerten auf. Aber er kämpfte auch in Chile mit Salvador Allende gegen den Faschismus, kümmerte sich, wo auch immer, um politische Beschränkungen wenig, revolutionierte mit unterbezahlten Bergarbeitern und widersetzte sich jedem geltenden Regime, wenn ihm die vorherrschenden Bedingungen nicht passten. 

Eines der Hauptmerkmale seines Lebens: Er lebte jahrelang in der DDR, war dort ein Star und äußerst beliebt, genoss seine Popularität, ließ sich jedoch vom DDR-Regime auch ausnützen. Zweifellos galt er in dieser Wahlheimat als charismatisch. Eine ganze Anzahl von Filmen drehte er, etwa Italo-Western, aber auch Streifen wie „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nach Eduard Mörike.

Immer wieder brach der politische Impetus durch. Er kämpfte gegen den rassischen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Amerikanern und Mexikanern oder Asiaten, gegen die Zionisten, die zu jener Zeit den Palästinensern keinen eigenen Staat zugestehen wollten. Seine Ziele waren Freiheit, sozialer Fortschritt, Gerechtigkeit und Frieden. Seinen Pazifismus gab er 1973 nach Pinochets Militärputsch gegen Allende auf und redete sogar dem Terrorismus das Wort.

Privat waren die Verhältnisse weniger klar. Reed war in der DDR mehrere Male verheiratet, benahm sich widersprüchlich, lehnte zuerst Kinder ab und bekannte sich später doch zu ihnen, war abweisend oder depressiv. Im Streit ging er von seiner letzten Frau fort und wurde wenig später aus einem Ostberliner See tot geborgen. Die Todesursache konnte nie genau geklärt werden.

Vielleicht war es Selbstmord. In seiner letzten Zeit hatten auch Reeds Erfolge und seine Popularität abgenommen. In den 80er Jahren zweifelte er am politischen System der DDR. Nach der Biermann-Ausweisung musste er einsehen, dass vieles überholt war. 

Regisseur Leopold Grün beleuchtet dieses kurze Leben eines Mannes, der nicht abgeneigt war, sich als Märtyrer oder Held zu sehen, mit einer Fülle von Aufnahmen aus Konzerten oder politischen Versammlungen, mit privaten Bildern Reeds, mit eigenen Aussagen oder solchen von Zeitzeugen (z.B. Armin Mueller-Stahl oder Egon Krenz), mit Dokumenten aus der DDR-Zeit oder –Landschaft. 

Ein menschlich und politisch durchaus aufschlussreiches Bild ist entstanden, vor allem auch ein vielsagender Blick hinter die oft nicht rosigen Kulissen hoher Ideale. Insofern auch ein Lehrstück, besonders für die an Dean Reed, dem vorgestellten Zeitabschnitt und den geschilderten Regionen Interessierten.

Thomas Engel