Rueckkehr in die Normandie

Ein hübscher Titel, werden Frankreichliebhaber denken. Viel Normandie allerdings ist in Nicolas Philiberts („Sein und Haben“) neuer Dokumentation gar nicht zu sehen. Zumindest nicht in jenem Maße, um aufgrund typischer Landschaften oder Küstenpanoramen ins Schwelgen zu geraten. „Rückkehr in die Normandie“ ist ein sehr persönlicher Film, eine Reise an Orte und zu Menschen, die Philibert vor 30 Jahren bei Dreharbeiten kennen lernte. Dieser Film versteht sich deshalb auch als Hommage an den kaum bekannten Filmemacher René Allio.

Webseite: www.ventura-film.de

OT: Retour en Normandie
Frankreich 2007
Regie: Nicolas Philibert
Dokumentarfilm
113 Minuten
Verleih: Ventura Film
Kinostart: 19.6.08

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Kleine Ferkelchen werden geboren, später eine Sau geschlachtet. Kühe trotten Richtung Stall, die Euter prall gefüllt. Man ist also auf dem Lande. Zu Gast bei Landwirten und Menschen, die 30 Jahre zuvor für kurze Zeit ihren Alltag hinter sich lassen durften und zu Schauspielern wurden. René Allio (1924-1995) drehte 1975/76 in der Normandie den Film „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“ (Ich, Pierre Rivière, Mörder meiner Mutter, meiner Schwester und meines Bruders). Nicolas Philibert, damals 24 Jahre alt, war Allios Regieassistent. Für „Rückkehr in die Normandie“ machte er sich auf die Suche nach jenen Menschen, die damals als Laiendarsteller die Geschichte eines authentischen Mordfalles aus ihrer Umgebung nachspielten. Auch Michel Foucault hatte sich mit dem 1835 begangenen Mord, insbesondere der Psychologie des Täters, befasst – und durfte in einer Szene auftreten.

Allios Werk dürfte hierzulande eher weniger bekannt sein. Selbst französische Filmstudenten, denen Philibert („Sein und Haben“) von ihm erzählte, hatten bis dato noch nie von ihrem Landsmann gehört. Die Frage muss an dieser Stelle also erlaubt sein: geht es Philibert darum, uns auf einen Filmemacher hinzuweisen, dessen Werk in irgendeiner Weise wegweisend für die Filmgeschichte gewesen wäre? In Teilen mag das zutreffen. Tatsächlich aber ist „Rückkehr in die Normandie“ vor allem aus sehr persönlichen Motiven des Dokumentarfilmers heraus entstanden.

Als Anreiz für einen Kinobesuch aber ist das leider etwas sehr vage, zumal Philibert sich nur indirekt für den ungeheuerlichen Kriminalfall interessiert (was spannend hätte sein können). Statt dessen lässt er die damaligen Laienakteure über ihre Erinnerungen und Rollen erzählen („Wir lernten etwas über das Leben“), gibt selber im Off-Kommentar Hintergründiges zu den Drehbedingungen und –arbeiten preis und offeriert immer wieder Ausschnitte aus Allios Film sowie recherchierte Dokumente. Wirklich spannendes lässt sich aus diesen Momenten jedoch nicht ziehen.

Da, wo es hätte interessant werden können – die Entwicklung des ehemaligen Hauptdarstellers etwa, der nach einer kurzen Karriere als Schauspieler in Paris nach Kanada zog und heute als Missionar auf Haiti lebt – wird hingegen nicht einmal nachgefragt. Irgendwie hat das etwas ähnlich Eigenbrötlerisches wie manchmal auch das Leben auf dem Land (vom dem zwar auch die Rede ist, aber auch hier eben nur so ganz am Rande). Dass dieses sich in mancherlei Hinsicht im Vergleich zur Zeit Pierre Rivières kaum geändert hat, macht Philibert in jener Einstellung deutlich, in der ein Schwein geschlachtet wird. Eine abschreckende, rohe, kaltblütige und brutale Sequenz, die das Landleben richtig beschreibt, jedoch verstörend wirkt. Wie gesagt: ein sehr persönlicher Film, eine Erinnerung an René Allio und vielleicht von Interesse für Filmseminare.

Thomas Volkmann

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Auf drei Ebenen spielt sich dieser Film ab. Die erste handelt von den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. In einem Dorf in der Normandie tötet der junge Pierre Rivière seine Mutter, seinen Bruder Jules und seine Schwester Victoire. Die Motive sind schleierhaft. Einer der Psychiater im Prozess hält Rivière für geisteskrank, ein anderer bescheinigt ihm Zurechnungsfähigkeit. Der Täter selbst gibt zwei Gründe an: Er habe den Vater von seiner bösen Frau befreien wollen; und Gott habe ihm den Befehl zum Töten gegeben.

Die zweite Ebene: Pierre Rivière, der sich 1840 in seiner Gefängniszelle erhängte, schrieb 80 Seiten „Memoiren“. Der Schriftsteller Michel Foucault verfasste über den historischen Mordfall eine Abhandlung. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts drehte der bekannte französische Regisseur René Allio (verstorben 1995) auf der Grundlage dieser Schriften einen Spielfilm. Wichtig war jedoch nicht nur diese Filmproduktion, sondern vor allem auch Allios Tagebuchaufzeichnungen dazu – über seine Recherchen etwa sowie über allgemeine philosophische Reflexionen.

Die dritte Ebene: Nicolas Philibert, der Regisseur des vorliegenden Doku-Spielfilms, war damals Allios Regieassistent. Jetzt, nach 30 Jahren, begab er sich mit einem Team an den Ort des seinerzeitigen Geschehens, sowohl des Verbrechens als auch der Filmlocation, und schuf quasi eine Fortsetzung. 

Er durchstöberte die Archive; wälzte ganze Aktenberge; ging auf die Psyche bzw. die Krankheit Rivières ein; trieb verschollenes Bildmaterial auf; führte mit vielen der damaligen Laiendarsteller, die danach zu ihrem Bauernhandwerk zurückkehrten, Gespräche; fand nach langer Suche den Schauspieler Claude Hébert wieder, der den Rivière verkörperte und heute als Missionar auf Tahiti lebt; und setzte aus diesen vielen Puzzle-Teilen ein für Interessenten informatives Dokument zusammen, kriminalhistorisch wie filmgeschichtlich nicht zu verachten.

Thomas Engel