Russendisko

Wladimir Kaminers Kultbuch "Russendisko" ist jetzt für das Kino adaptiert worden. Oliver Ziegenbalg schrieb das Drehbuch und führte Regie. Als Co-Produzent konnte der legendäre sechsfache Oscar-Gewinner Arthur Cohn gewonnen werden und Matthias Schweighöfer als Hauptdarsteller. Herausgekommen ist ein beschwingter Film über Sehnsüchte in der Nachwendezeit, die Suche nach Heimat und Glück und das mit viel Musik, Sinn für Komik und Gefühl, phantasievollem Dekor und für talentierte Darsteller. Erzählt wird von drei jungen Russen, die im Sommer 1990 voller Hoffnung nach Ost-Berlin kommen. In den Taschen haben sie wenig Geld, in den Köpfen aber viele Träume…

Webseite: www.russendisko-derfilm.de

Deutschland 2011
Regie und Buch: Oliver Ziegenbalg
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke, Christian Friedel, Peri Baumeister, Susanne Bormann, Pheline Roggan, Rainer Bock, Imogen Kogge
Länge: 100 Min.
Verleih: Paramount
Kinostart: 29. März 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wladimir Kaminer reiste 1990 als russisch-jüdischer Emigrant nach Ost-Berlin. Die DDR existierte noch und jüdischen Russen wurde die Einreise erleichert. Umbrüche waren aber in dieser Zeit überall zu spüren. Menschen waren voller Träume und Sehnsüchte. Und Kaminer hatte mit seiner Idee Erfolg, in einer Kneipe die russische Seele in Form von Musik Menschen näher zu bringen. Seine Erlebnisse verarbeitete er in seinem Buch "Russendisko", das zur Kult-Lektüre avancierte. Daraus entstand jetzt ein Film, der den Episodencharakter der literarischen Vorlage wegwischt, die Handlung durch einige neue Figuren ergänzt und als modernes Großstadtmärchen vor uns abläuft.

Drei Freunde, Wladimir (Matthias Schweighöfer), Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) kommen aus der zusammenbrechenden Sowjetunion in die gerade untergehende DDR, bekommen in Ost-Berlin-Marzahn ein Zimmer in einem Wohnheim und stürzen sich ideenreich und mit Tatendrang ins neue Leben. Sie haben wenig Geld, aber viel Phantasie und Talente, die sie gleich einbringen wollen. Andrej wird ein erfolgreicher Geschäftsmann. Als Einstieg verkauft er Bier, Schnaps und Zigaretten am Bahnhof Lichtenberg. Mischa spielt bei jeder Gelegenheit Gitarre zu seinen Songs und peilt eine Musikerkarriere an. Nur Wladimir weiß noch nicht genau, was er genau machen will. Als allgegenwärtiger Helfer macht er sich erstmal unentbehrlich. Bis er Olga (Peri Baumeister) kennenlernt. Seine große Liebe, das ist sie, weiß er instinktiv. Die bezaubernde junge Frau – von der russischen Insel Sachalin – arbeitet als Kellnerin und tanzt abends in einem Off-Theater, träumt aber von einem Job im Moskauer Bolschoi-Theater. Ihre beiden Freundinnen Hanna (Susanne Bormann) und Helena (Pheline Roggan) verdrehen Wladimirs Freunden den Kopf. Die Liebe ist von da an das dominante Element, teilweise mit Heimweh verbunden. Bis zum Tanz in der "Russendisko" dauert es aber noch ein Weilchen.

Musik spielt naturgemäß in dem Film eine gewichtige Rolle. Mehr noch. Sie ist der Träger der russischen Seele, die nicht nur folkloristisch, sondern auch punkig durch die Handlung geistert. Da russische Authentizität zwangsläufig nur oberflächlich durch deutsche Schauspieler vermittelt werden kann, ist der musikalische Aspekt die breite Basis, die mit einer phantasievollen Ausstattung und einer ins Dunkle gehenden, stark farbgesättigten Kamera korrespondiert. Überzogenen Realismus eines aus heutiger Sicht imaginären Berlins könnte man das nennen, der an das Paris einer "Fabelhaften Welt der Amélie" erinnert. Wir wünschen uns damit eine Welt, die es nicht mehr gibt oder nie gegeben hat, die aber versöhnlich und schwerelos daherkommt und die Freundschaft, Romantik, Liebe, Erfolg sowie weitere Sehnsüchte verheißt, voller Energie, Gefühl und Lebensfreude. Diesem Lebensgefühl kann "Russendisko" weitgehend gerecht werden. Selbst der animierte Vor- und Abspann von der gebürtigen Russin Alla Churikova trägt dazu bei.

Übrigens, original russisches Feeling vermittelt der "Radiodoktor", der regelmäßig im Hörfunk medizinische Tipps gibt. Die Stimme stammt von Wladimir Kaminer selbst.

Heinz-Jürgen Rippert

1990. Mit der DDR geht es zu Ende, doch die Verhältnisse sind noch nicht klar. Die drei jungen Russen Wladimir, Mischa und Andrej wollen sich das zunutze machen, und zwar in Berlin, denn Honecker, so heißt es, habe nie Geld an Israel bezahlt und deshalb seien die Juden jetzt willkommen. Wladimir und Andrej sind Juden, Mischa dagegen nicht. Das allerdings kann noch Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung geben. Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, Mischa würde ganz einfach eine deutsche Frau heiraten.

Mischa ist Musiker und möchte berühmt werden, Andrej Geschäftsmann. Wladimir hat jedoch seinen Weg noch nicht gefunden.

Die drei suchen nicht nur Beschäftigung und Zeitvertreib, sondern auch Weibliches. Und da gibt es schon etwas. Die Russin Olga beispielsweise, Kellnerin und Ballettschülerin, die es Wladimir angetan hat. Oder Hanna und Helena, Olgas Freundinnen, die später zu Konkurrentinnen in Sachen Mischa werden.

Es ist allerhand los bei diesem jungen Volk: im Ausländerheim in Marzahn, wo auch Albaner in Großfamilien, schmuggelnde Vietnamesen und trinkfeste Roma wohnen; am Dosenbier- und Zigarettenstand, an dem die drei ihr Geld verdienen; bei der Straßenmusik, die sie machen; bei Mischas gefeiertem Auftritt in der „Dienstagsbar“; beim Wunderheiler; in der Wohnung, die sie ergattern; in Anatols Disco-Kneipe; bei Mischas Verwandlung in einen Juden, die gelingt, weil er sich als Organist zur Verfügung stellt; in der von ihnen eröffneten erfolgreichen „Russendisco“; durch den Besuch der Eltern Wladimirs; und natürlich auch in Liebesdingen, wo es nicht ohne Küsse, Glück und Heirat, aber auch nicht ohne Skepsis, Trennung und Enttäuschung abgeht.

Ein typischer Zielgruppenfilm. Junge Leute dürften es goutieren. Der Film kommt nicht ohne Klischees aus und stellt keine Ansprüche, ist aber flüssig inszeniert und montiert. Die Atmosphäre, die Einfälle, die Musik, die Komik, das stimmt im Grunde.

Zumal auch die Akteure ihre Sache gut machen – zum Beispiel Matthias Schweighöfer (Wladimir), Peri Baumeister (Olga), Friedrich Mücke (Mischa), Christian Friedel (Andrej) oder Susanne Bormann (Hanna) und Pheline Roggan (Helene).

Heitere, anspruchslose Unterhaltungskost für ein junges Publikum.

Thomas Engel