saddest music in the world, the

Ein Wettbewerb um die traurigste Musik der Welt bringt noch mehr skurrile Gestalten ins trübe Winniepeg. Einzigartige Ideen und eine Ästhetik, die Stummfilmen der 20er- und 30er-Jahre nacheifert, machen "The Saddest Music in the World" zur reizvollen Gelegenheit, das Universum von Guy Maddin zu entdecken.

Webseite: www.weltecho.de

Kanada 2003
Regie: Guy Maddin
Buch: Guy Maddin, George Toles
Musik: Christopher Dedrick
Kamera: Luc Montpellier
Produzent: Atom Egoyan, Niv Fichman, Daniel Iron
Darsteller: Maria de Medeiros, Isabella Rossellini, Mark McKinney, Ross McMillan, David Fox
Länge: 99 Minuten
Verleih: Weltecho
Kinostart: 9.11.2006

PRESSESTIMMEN:

Der eigenwillige Schwarz-weiß-Film mit farblichen Einsprengseln ist gestalterisch ganz den Filmen der Weimarer Jahre verpflichtet. Eine ebenso reiz- wie anspruchsvolle Mischung aus Drama, Musical, Romanze und Komödie voller Sprachwitz und Erinnerungen an erinnerte Filmsprachen.
film-dienst

FILMKRITIK:

Oh Kanada! Cronenberg, Egoyan, Maddin …. Die (Welt-) Meister der skurrilen Filme finden hier seit Jahrzehnten Nährboden und (Film-) Förderung. Nur hier kann Guy Maddin überwintern in einer Zeit der Drehbuchautomaten und der endlosen Fortsetzung von Remakes von Fortsetzungen…

 

Guy Maddin macht Filme, die wirken als hätte man sie gerade auf einem verstaubten Speicher aus einem Jahrzehnte langen Schlaf in alten Filmdosen erweckt. Schwarzweiße Stummfilme, mit wunderbaren Farbakzenten wie das Blut in dem verfilmten Tanztheater "Dracula: Pages From a Virgin’s Diary" (2002). Mit sparsamen, aber umso effektvolleren Toneinsätzen wie in "Carefull" (1992), der rekonstruierten Alpensaga des wegen Lawinengefahr sehr, sehr stillen und emotionslosen Dorfes Tolzbad. Doch Maddin lebt und dreht seine surrealen Geschichten in der Epoche von "Star Wars" und "American Pie". Seinen sorgfältig konstruierten Retrostil erzeugt er mit Super8-Film und Video, die er für die große Leinwand aufbläst.

Nun der eindeutig eingängigste Guy Maddin. Ein Film mit Isabella Rossellini. Aber was für eine Rolle! Sie ist Lady Port-Huntly, die unterschenkel-amputierte Besitzerin einer Bierbrauerei im kanadischen Winniepeg mitten in der Depression des Jahres 1933. Lady Port-Huntly ruft einen Wettbewerb um die traurigste Musik der Welt aus – The saddest music in the world. Der Hauptpreis von 25.000 Dollar ruft Musiker aus aller Welt in die grau vereiste Stadt, die zum vierten Mal in Folge zur Hauptstadt der Trauer gewählt wurde, und führt auch eine äußerst melodramatische Familie zusammen, damit sich die Wahrsagung eines Eisblocks erfüllt.

Da tritt der Vater Fyodor (David Fox) mit "Red Maple Leaves" für Kanada an, sein Sohn Chester (Mark McKinney), ein seelenloser Broadway-Producer für die USA. Und der andere Sohn Roderick, ein übersensibler Hypochonder, geht unter einem schwarzen Schleier für Serbien an den Start. Weil sein Land ja den Weltkrieg verursachte! Aber auch eine tragische Liebesgeschichte macht ihn zum Favoriten für die "Saddest music of the world"…

Die Welten Maddins sind faszinierend: Da gibt es in Winniepeg (Geburts- und Heimatort des Regisseurs) bei minus 40 Grad eine Straßenbahn unter Eis. Der Anblick von Isabella Rossellini mit schäumenden Biergläsern als Ersatz für ihre Unterschenkel ist schauerlich unvergesslich. Die Vorstellung der Konkurrenten aus Siam oder Mexiko erfolgt mit einem naiven Exotismus der Zeiten vor Political Correctness. Die Faszination einer reizvoll ungewöhnlichen Ästhetik und haarsträubender Ideen voll hochdramatischen Kitsches, die jede Soap verblassen lassen, machen das unnachahmliche Maddin-Feeling aus. Da will man gar nicht glauben, dass vom Autor des Originalstoffes Kazuo Ishiguro auch die Vorlage zum so ganz anderen "Was vom Tage übrig blieb" stammt.

Erstmals drehte Maddin mit einer bekannten Schauspielerin, aber auch "The saddest music" bleibt ein einzigartiger, eigenwilliger Guy Maddin-Film. Da wundert es nicht, dass es etwas länger dauerte, bis er in deutsche Kinos kommt. Doch für ein offenes Publikum, welche das Immergleiche des Mainstreams satt ist, ist es ein guter Zeitpunkt Guy Maddin zu entdecken!

Günter H. Jekubzik