Thumbsucker

„Im Grunde genommen sind wir alle verängstigte kleine Tiere“, sagt in Michael Mills charmantem Independent-Film ein von Keanu Reeves gespielter Hobbypsychologe zur Hauptfigur Justin Cobb. Verängstigt oder nicht, der 17-jährige Teenager (Lou Taylor Pucci) ist in der prominent besetzten Ensemblekomödie nicht der einzige mit einer Macke, auch die Erwachsenen scheinen ihr Päcklein tragen zu müssen. Welche, davon erzählt „Thumbsucker“ auf eine leise, überzeugende und sympathische Art.

Webseite: www.stardust-filmverleih.de

USA 2004
Regie: Mike Mills
Darsteller: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Vincent D’Onofrio, Vince Vaughn, Keanu Reeves, Benjamin Bratt
94 Minuten
Verleih: Stardust Filmverleih
Start am 5.10.06

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist der Stress, der Justin (Lou Taylor Pucci) immer wieder seinen Daumen lutschen lässt. Sein für die Gebisskorrektur zuständiger Kieferorthopäde (Keanu Reeves), als Hobbypsychologe um Antworten nicht verlegen, wähnt die Ursache gar in psychologischen Tiefen und vermutet in der oft unbewusst ausgeführten Handlung einen natürlichen Ersatz für die im Säuglingsalter möglicherweise verweigerte Mutterbrust. Die zur oberen Mittelklasse gehörenden Eltern (Tilda Swinton/Vincent D’Onofrio) sind hinsichtlich der Obsession ihres Sohnes eher ratlos, vielleicht auch zu sehr mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt. Verstanden fühlt sich Justin von ihnen jedenfalls nicht, und auch in der Schule gibt’s immer wieder Ärger mit seinem debattierfreudigen Lehrer (Vince Vaughn). Erst als der angeblich unter dem ADHS-Symptom (Neigung zu Hyperaktivität) leidende Schüler Ritalintabletten verschrieben bekommt, scheint die Welt sich für ihn zu verändern.

 

Dabei ist der schüchtern wirkende Justin trotz seiner Daumenmacke ein ganz normaler Teenager. Kein Überflieger in der Schule zwar, eher der Typ Mitläufer, aber doch schon voller Pläne für sein Leben nach der Schule steckend. Seine Unsicherheit aber scheint hausgemacht, denn mehr und mehr erkennt man, dass es den meisten Menschen um ihn herum – den Eltern, dem Lehrer, dem Zahnarzt und der bewunderten Schulkameradin – nicht viel anders ergeht. Nur überspielen die ihre Unsicherheiten eben durch ein von sich überzeugtes Auftreten, merken dabei jedoch nicht, dass sie sich in die eigene Tasche lügen. „Ich suche keine Liebe, ich suche etwas anderes“, sagt TV-Serienstar Matt Schramm (Benjamin Bratt), in den sich Justins Mutter verkuckt zu haben scheint. Nach einem Jobwechsel wird sie ihm in einer Klinik für Suchtkranke später sogar persönlich begegnen.

Die Suche nach sich selbst ist das die Menschen im Film vornehmlich bewegende Motiv, ihre Macken sind jeweils Ersatzhandlungen, der eigenen Unsicherheit zu entfliehen. Immer wieder werden im Umgang miteinander Wahrheit und Offenheit gefordert, doch bedingen beide auch, sich und seine Position eindeutig zu kennen. Durch die Einnahme von Ritalin läuft Justin jedenfalls zu einer befreiten Form auf, wird König im Debattierclub und versteht es plötzlich, sich und seine Ansichten und Wünsche durchzusetzen. Er raucht nun Marihuana, sammelt sexuelle Erfahrungen und erhält den erträumten Studienplatz in New York. Justin realisiert aber auch, was für ein Hammermedikament er da täglich zu sich nimmt, sich Ritalin nicht wesentlich von Kokain unterscheidet. Eine Entscheidung ist fällig.

Die als Roman von Walter Kirn aufgeschriebene Geschichte des jugendlichen Daumenlutschers auf dem Weg zum Erwachsenen erzählt der durch Musikvideos für Air, Moby, Yoko Ono oder The Divine Comedy bekannt gewordene Regisseur Mike Mills auf eine angenehm unspektakuläre Weise. Trotz der ernsthaften Ausgangssituation schwingt doch eine wohltuende Ironie mit, insbesondere Keanu Reeves als esoterisch-schamanisch angehauchter Onkel Doktor mit hypnotischen Fähigkeiten fällt positiv auf. Getragen aber wird die Selbstfindungsgeschichte vom Auftritt des während der Entstehung des Films erst 18-jährigen Lou Taylor Pucci, der seiner weichen, fast mädchenhaften Figur des Justin Cobb die verschiedenen Zustände von Unsicherheit bis hin zur gefundenen Standfestigkeit ins Gesicht zu schneiden weiß. Bei den Berliner Filmfestspielen 2005 sowie dem Sundance-Festival erhielt er für seine Performance bereits Preise. Und was das Daumenlutschen anbelangt: „Weder medizinisch noch psychologisch sei dagegen etwas einzuwenden“, meint Justins Kieferorthopäde dazu.

Thomas Volkmann

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Genial. Sensibel. Originell. Stimmig. Klug. Man weiß bei "Thumbsucker" gar nicht, wo mit dem Schwärmen anfangen und wo aufhören. "Der neue Film mit Keanu Reeves" wäre eine schöne Mogelzeile, denn der Star gibt eine witzige Nebenrolle.

Justin Cobb (Lou Pucci) ist Daumenlutscher, was vor allem den Vater (Vincent D’Onofrio) des 17-Jährigen wütend macht. Nicht nur wegen der hohen Rechnungen vom Zahnarzt Perry (Keanu Reeves). Doch gerade dieser sorgt für eine Wende in Justins Leben – unfreiwillig: Als esoterisch angehauchter Hobby-Psychologe hypnotisiert er den Jungen und prägt ihm ein, dass sein Daumen ab jetzt nach Echinacea schmeckt. Dadurch seines Halts und seelischen Ausgleichs beraubt, gerät der "Geheilte" völlig aus der Bahn. Als der wütende Justin Perry bei einem Radrennen zum Sturz bringt, schlägt eine völlig ignorante Lehrerin die Allheildroge Retalin vor. Justin hätte ja all die vagen Anzeichen für einen Konzentrationsmangel. Verzweifelt von seiner Orientierungslosigkeit – im Volksmund auch Pubertät genannt – stimmt der Junge überraschend zu und durchlebt eine radikale Wende. Als Klassenbester und Krawattenträger gewinnt er reihenweise Debatier-Wettbewerbe seiner Schule. Die Eltern erfüllt eine Mischung aus Stolz und sehr skeptischer Verwunderung. Die kurzzeitige Freundin, meint, er sei ein Monster. Irgendwann geht Perry auf, dass er nur durch eine Droge gepuscht wird, und er macht den fliegenden Wechsel zum Kiffen.

Der Kino-Erstling von Mike Mills, der bisher Videoclips für Moby und Air realisierte, ist eine kleine Sensation des amerikanischen Independent-Kinos. Ihn als Nachfolger von "Donnie Darko" hochzujubeln, wäre übertrieben. Doch "Thumbsucker" gehört zu den wenigen intelligenten Filmen über Jugendliche aus den USA, reiht sich ein bei Wes Andersons "Rushmore" und Todd Solondz "Willkommen im Puppenhaus". Ab und zu weht ein Hauch von Sofia Coppolas "Virgin Suicide" durch die Bilder. Gute Songs nehmen die heiter-melancholische Stimmung auf. In Berlin erhielt der 19-jährige Lou Taylor Pucci für seine Rolle als orientierungsloser Jugendlicher den Silbernen Bär für den besten Darsteller.

Vor allem überzeugt Autor Mike Mills mit seinen Figuren und ihren stimmigen Beziehungen untereinander. Man entdeckt und versteht sie allmählich, und wenn man meint, sie zu kennen, überraschen sie einen doch noch einmal. Vor allem Perry Mutter (Tilda Swinton) hat so etwas wie eine zweite Hauptrolle. Die Pflegerin schwärmt einem Soap-Star hinterher, der ausgerechnet in ihrer Reha-Klinik landet. Zweifel und Eifersucht entzweien Mutter und Sohn, die eigentlich auf der gleichen sensiblen Wellenlänge sind. Aber auch hier gibt es Klärung, denn jeder hat in "Thumbsucker" irgendwann einmal den großen Durchblick, "die" Erkenntnis – nur leider meist nicht über das eigene Leben. Oder hat der alberne Zahnarzt Perry das letzte Wort? "Das Geheimnis ist, dass dein Leben ohne Antworten funktioniert – vielleicht."

So ist "Thumbsucker" vor allem ein Film von und mit Tilda Swinton, die mit dem Schwangerschafts-Drama "Stephanie Daley" (2006) erneut als Produzentin einem Independent-Film das Qualitätssiegel verleiht. Nicht nur wer sich an ihre grandiosen Auftritte in "Caravaggio", "Edward II" oder "Orlando" erinnert wird sich "Thumbsucker" begeistert ansehen. Auch die Kinder dieser Kinogeneration können bedenkenlos mitkommen.

Günter H. Jekubzik