Saiten des Lebens

Der erste Spielfilm des bisher durch preisgekrönte Dokumentarfilme bekannten Regisseurs Yaron Zilberman („Watermarks“) überrascht durch Gelassenheit und Eleganz, mit der er seine Dramatik entfaltet. Ausnahmslos hervorragende Schauspieler – u.a. Philip Seymour Hoffman und Christopher Walken – agieren in einem durchkomponierten Gesamtwerk, das die Krise in der Geschichte eines Streichquartetts als ein vielschichtiges Gleichnis menschlicher Beziehungen und Lebensläufe erzählt. Großes emotionales Kino, musikalisch inspiriert, ungewöhnlich und bewegend.

Webseite: www.saitendeslebens.senator.de

OT: A late Quartet
USA 2012
Regie: Yaron Zilberman
Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken, Catherine Keener, Mark Ivanir, Imogen Poots
Länge: 105 Minuten
Verleih: Senator
Start: 02. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:

Ein grandioses Drama. …Dieser Film läßt sich wirklich auf die klassische Musik ein.
STERN

FILMKRITIK:

Die vier Musiker des weltberühmten „Fugue String Quartets“ sind ein eingespieltes Team. Doch viel mehr noch als ihren Erfolg scheinen sie ihre Liebe zur Musik in diesem spannungsvollen und zugleich harmonischen Miteinander auszuleben. Technische Perfektion, der ideale Klang und das Ausloten der emotionalen Tiefe eines jeden Musikstückes sind die ehrgeizigen Ziele des Quartetts. Zu Beginn ihrer Jubiläumssaison hat der Cellist Peter Schwierigkeiten, wieder ins Spiel zu finden. Aber es liegt nicht an der Sommerpause, die Diagnose heißt Parkinson. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.
Was für einen Moment wie ein weiterer Film über die Schwierigkeiten des Alterns und Krankseins scheint, erweist sich als ein vielschichtiges Gleichnis über die Fragilität von Beziehungen, über die Veränderlichkeit des Lebens und der Kräfte, die daraus erwachsen.

Seit 25 Jahren sind die drei Männer und eine Frau verbunden durch die Musik, aber auch auf vielfältige Weise familiär. Juliette (Viola) ist die Ziehtochter von Peter (Cello), der einst der Lehrer von Daniel (1. Geige) war, bis der ihn für das Quartett gewann. Gemeinsam mit Robert (2. Geige) hat Juliette eine Tochter. Die außerordentlich begabte Alexandra wiederum studiert Geige bei Peter. Durch dessen Entscheidung, sich zurückzuziehen, gerät das Beziehungsgeflecht innerhalb des Quartetts völlig aus der Balance und droht, auseinander zu brechen. Eine Ehe steht plötzlich in Frage, bis dahin gedeckelte Leidenschaften brechen sich Bahn, ein Mutter – Tochter – Konflikt entzündet sich am Liebhaber, die zweite Geige will endlich auch die erste sein.  Jede Figur steht überrascht vor einem Neuanfang, den sie bis dahin weder für möglich noch für nötig gehalten hatte. Die jahrelange Verbundenheit durch die Musik scheint dem nicht standzuhalten. Im Gegenteil, wie hinter einem Schleier hervor tritt nun die Vergangenheit in den Vordergrund. Dabei sind es keine spektakulären Wahrheiten, die ans Licht kommen, sondern lange Gewußtes und nur nicht Wahrgenommenes schafft sich Raum.

Doch zunächst bleiben alle Figuren in der Form, benehmen sich respektvoll und gutbürgerlich erzogen wie erwachsene Menschen, die ein Problem haben. Bis die Fassade dem inneren Druck nicht mehr standhält und bröckelt. Was dahinter zum Vorschein kommt, sind echte Menschen. Mit großer Ruhe und punktgenau gesetzten Bilddetails, die wie Noten in eine Partitur eingefügt sind, entfalten sich die Konflikräume, die hinter den schönen Menschen mit ihren schönen Gesichtern und umrahmt von schönen Gegenständen versteckt waren.

Am meisten überrascht bei diesem ersten Spielfilm des durch preisgekrönte Dokumentarfilme bekannten Regisseurs Yaron Zilberman („Watermarks“) die Gelassenheit und Eleganz, mit der der Film seine Dramatik entfaltet. Ausnahmslos hervorragende Schauspieler haben sich auf eine Weise in ihre Rollen vertieft, wie es begnadete Musiker mit jeder Note einer Partitur tun. Sie „spielen“ die vier Instrumente so sensationell authentisch und synchron zu dem, was die echten Musiker des international gefeierten „Brentano String Quartets“ als Soundtrack eingespielt haben, dass allein das schon Hochachtung verdient. Ihr eigentliches Handwerk blüht aber umso schöner auf.

Seymour Hoffmann als zweite Geige und verunsicherter Ehemann der sensiblen, aber unnahbar und kühl erscheinenden Juliette (bedrückend einsam: Catherine Keener) zeichnet ein außerdordentlich berührendes Porträt eines Mannes, der um seine Ehe kämpft wie um seine Selbstachtung. Auch Mark Ivanir als Daniel entwickelt die emotionale Tiefe seiner Figur ganz unangestrengt aus sich selbst heraus. Kein falscher Ton, keine Konstruktion von Konflikt. Das Drama erwächst aus der Wahrhaftigkeit jeder einzelnen Figur. Imogen Poots als Alexandra braucht einen einzigen Moment, um aus der strahlenden, erfolgsverwöhnten jungen Musikerin ein verzweifeltes kleines Mädchen zu machen, das erkennt, wie sinnlos ihr auf Liebesersatz gebauter Lebensplan ist. Christopher Walken als Peter spielt die Bewältigung einer großen Lebenskrise fast minimalistisch zurückgenommen, als ob er haushalten müsse mit der Kraft für Emotionen, die ihm noch bleibt.

Neben den wunderbaren Schauspielern wird der Fim von seiner Gesamtkomposition getragen, in der Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-moll, op. 131 den Rahmen bildet, über den Film hinweg in seinen Varianten und Tiefen ausgelotet wird, und oft einen Kontrapunkt setzt, anstatt Emotionen zu manipulieren. Das ist absolut ungewöhnlich und wertvoll.

Auch wenn ich mir den Schluss etwas weniger idealisch gewünscht hätte, bleibt die schöne Botschaft, dass Veränderung auch Chance sein kann, erzählt als großes, emotionales Kino.

Caren Pfeil

Seit über 20 Jahren spielen Robert Gelbart, Peter Mitchell, Daniel Lerner und Juliette Gelbart schon zusammen. Sie bilden ein bekanntes Kammermusik-Quartett, sind also menschlich und musikalisch auf Gedeih und Verderb zusammengewachsen. Sie führen keine leichten klassischen Tänzchen auf, sondern Beethoven-Werke aus der Spätzeit (Op. 131), also musikalische Höhepunkte Und Schwergewichte.

Robert und Juliette sind verheiratet und haben die gemeinsame bereits erwachsene Tochter Alexandra, ebenfalls eine Geigerin.

Die Instrumente und Spielweisen aufeinander abstimmen, jahrelang intensiv proben, über gemeinsame Interpretationen diskutieren, bestimmte Passagen immer wieder neu üben, die persönlichen Tagesbefindlichkeiten auf die Reihe kriegen – ohne das geht es nicht. Das Hauptproblem: Jeder ist im Grunde Solist und Star, und doch müssen sich alle unterordnen.

Völlig geknickt muss Peter, der Cellist, eines Tages bekennen, dass er im Anfangsstadium an Parkinson leidet. Auch wenn er einen guten Ersatzvorschlag machen kann: Das Quartet steht auf dem Spiel. Doch das ist nicht der einzige Bruch. Robert ist es leid, unter dem ehrgeizigen Daniel immer nur die zweite Geige zu spielen. Er will, dass in Zukunft beide abwechseln. Und es kristallisiert sich heraus, dass die Ehe mit der Bratschistin Juliette eher eine Gewohnheits- als eine Liebesgemeinschaft sein könnte. Zudem lehnt sich Alexandra, die mit Daniel eine sexuelle Beziehung angefangen hat, gegen ihre Eltern auf.

Peters Krankheit, Daniels Perfektionismus, Roberts Fremdgehen, Juliettes Gekränktheit, Alexandras Widerstand gegen ihre Eltern – das ist zu viel. Werden sie sich doch noch einmal zusammenraufen? Werden sie wieder zusammen musizieren. Und was wird mit Peter?

Schön, wie hier die (manchmal leicht konstruiert wirkenden) menschlichen, ehelichen und kindlichen Unzulänglichkeiten zur musikalischen Dramatik des Cis-moll-Streichquartetts (Nr.14) Beethovens – in sieben Sätzen ohne Pausen durchzuspielen -parallel gesetzt werden. Eine gute Idee glänzend durchgeführt.

Peter ist das abgeklärte, weise, versöhnende Mitlied des Quartetts. Christopher Walken spielt ihn mit Bravour. Philip Seymour Hoffman hat den Part des Robert übernommen: musikalisch perfekt, aber menschlich aufbrausend. Sein Spiel ist ebenso wie immer von hohen Graden. Dasselbe gilt für Catherine Keener. Sie ist die Juliette. Mark Ivanir gibt den überzeugenden Daniel: technisch unschlagbar, in der Interpretation unnachgiebig, voller Ambitionen. Nicht zu vergessen Imogen Poots als Alexandra, ein hoch emotionales weibliches Wesen.

Kein Rock, kein Pop, sondern dramatischer Beethoven in einer Geschichte, die Menschen und Musik trennt und zusammenführt.

Thomas Engel