Sauacker

In Gesellschaft und Politik wird viel diskutiert um Ernährung und Lebensmittelproduktion, um Fleischfabriken, Produktionssysteme und Landwirtschaftssubventionen. Regisseur Tobias Müller hat das Thema aus der täglichen TV-Berichterstattung herausgelöst und in einer Kino-Dokumentation vertieft. Über zwei Jahre beobachtete er eine schwäbische Bauernfamilie und ihren Kampf um ihren kleinen Hof. Es geht um das wirtschaftliche Überleben, aber auch um die Rivalität zwischen Vater und Sohn.

Webseite: www.sauacker.com

Deutschland 2013
Buch und Regie: Tobias Müller
Kamera: Tobias Müller
Länge: 81 Minuten
Verleih: Teichoskop Fimverleih
Kinostart: 26. Juni 2014

FILMKRITIK:

Ein Kälbchen wird geboren. Bauer Konrad Kienle und sein 30-jähriger Sohn Philipp helfen ihm auf die Welt. Es wird in eine ungewisse Zukunft hineingeboren, denn wie lange der seit 1725 existierende Hof noch bestehen wird, ist unklar. Schulden drücken die Familie, leben können die Kienles von der Landwirtschaft nicht mehr. Philipp leistet Acht-Stunden-Schichten in einem Stahlwerk, hat zusätzlich einen Hausmeisterjob und arbeitet dann noch auf dem Hof. Aufgeben will er aber auch keinen Fall, er steckt voller Ideen. Aber noch ist Konrad der Bauer, und er steht vielen von Philipp geplanten Neuerungen skeptisch gegenüber. Der Sohn will die Schweinemast abschaffen, der Vater auf keinen Fall. Philipp will auf Bio umstellen, Konrad bremst. Und Philipps Freundin Manuela findet den Hof zwar toll, will aber mehr von Phillip haben.
 
„Jeder isch dr Schmied vo seim Glück“, lässt sich Jungbauer Phillip auf den Unterarm tätowieren, und dazu die Jahreszahl 1725. Unwetter und Feuer hat der Hof der Kienles überstanden, Kriege und Katastrophen, aber ob er den Zwang zur Expansion übersteht, steht in den Sternen. „Wachse oder weiche“ sei noch immer das Motto in der Landwirtschaft, sagt Regisseur Tobias Müller, der selbst aus einem schwäbischen Dorf stammt. In seiner Kindheit sei es normal gewesen, dass es viele Bauern mit kleinen Höfen gab, auch Schneider oder Uhrmacher hätten zwei Milchkühe gehalten. Irgendwann sei die letzte Kuh aus dem Dorf verschwunden gewesen und die Höfe hätten alle dichtgemacht. Dieser Umwälzung vom kleinen Hof hin zur großen Agrarfabrik spürt Müller mit seinem Film nach.
 
Er wählt dazu nicht die belehrende Perspektive des TV-Berichts mit seinen schnellen Schlussfolgerungen. „Sauacker“ spürt Gefühlen und Lebensentwürfen nach, er zeigt die Sorgen und Probleme aus der Innenperspektive. Tobias Möller ist mit seiner Kamera immer sehr nah dran an den Protagonisten und ihrem Alltag. Mit seiner Bildsprache gelingt ihm ein wunderbarer Schwebezustand zwischen agiler Gegenwartsbeschreibung und leicht poetisierender Naturbetrachtung. Dass für Bauernhof-Idylle bei stressigem Alltag und drückenden finanziellen Probleme nicht viel Patz bleibt, wird sehr schnell klar.
 
Dennoch wirken vor allem Konrad und Philipp kein bisschen verzweifelt. Sie fauchen sich an und schimpfen herrlich schwäbelnd, aber trotz allem überwiegt bei beiden eine leise Heiterkeit. „Sauacker“ lebt von seinen beiden Hauptfiguren, durch sie bekommt der Zuschauer ganz unmittelbar Zutritt zur bäuerlichen Welt. Damit erreicht Regisseur Tobias Müller sein eigentliches Anliegen, dass es nämlich zwischen Bevölkerung und Bauern wieder mehr Berührungspunkte gibt. Noch dazu ist „Sauacker“ rasend unterhaltsam, nicht nur wegen der wunderbaren Mundart seiner Protagonisten. Obwohl die stellenweise eingeblendeten Untertitel durchaus ihre Berechtigung haben.
 
Oliver Kaever