Scarlet

Zwischen Raum und Zeit, zwischen Gegenwart und phantastischen Welten siedelt der japanische Regisseur Mamoru Hosoda seine Filme stets an, doch in seinem neuen, bildgewaltigen Epos „Scarlet“ geht er einen Schritt weiter. Fast nur in einer Otherworld genannten Region spielt die feministisch angehauchte Rachegeschichte, die (sehr lose) auf „Hamlet“ basiert und in erster Linie für eingefleischte Anime-Fans gedacht scheint.

 

Über den Film

Originaltitel

Hateshinaki Sukâretto

Deutscher Titel

Scarlet

Produktionsland

JAP

Filmdauer

111 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Hosoda, Mamoru

Verleih

Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Starttermin

24.02.2026

 

In einer zweidimensional gezeichneten Welt beginnt die Geschichte, auf einem Schloss namens Helsingör, Kenner wissen: Dort spielten sich die entscheidenden Szenen von Shakespeares berühmten Stück „Hamlet“ ab. Hier herrscht der König Amulet und versucht, den Frieden in seinem Land zu erhalten. Sein Bruder Claudius dagegen hat andere Vorstellungen und lässt den König hinrichten. Im Moment seines Todes spricht der König einige Worte, die lange unverständlich bleiben, jedoch den Schlüssel zur Handlung liefern werden.

Scarlet, des Königs Tochter, konfrontiert den Onkel mit seiner Tat – und wird selbst durch Gift ermordet. Nun findet sie sich in einer Otherworld genannten Zwischenwelt wieder, einer Region zwischen Leben und Tod, in der die Inkarnationen von Toten hausen, bevor sie sich irgendwann in Staub auflösen und in die Ewigkeit eingehen.

Bis es soweit ist, will Scarlet ihre Zeit nutzen, um Rache an ihrem Onkel zu nehmen. In dieser Otherworld scheinen Raum und vor allem Zeit keine Rolle zu spielen, tote Seelen aus der gesamten Menschheitsgeschichte finden sich hier, so auch ein Rettungssanitäter namens Hijiri, der Scarlets Begleiter und Love Interest wird, allerdings eine ganz andere Vorstellung von Rache und Vergebung hat als sie.

Ein Pazifist ist Hijiri, der allein schon seines Berufes Wegen lieber Leben rettet, als zu nehmen. So steht Scarlet vor schwierigen Entscheidungen: Soll sie Hijiri auf seinem Weg folgen oder auf Rache sinnen, zumal die Worte, die ihr Vater im Moment seines Todes sprach, sich möglicherweise als eine Aufforderung, zu vergeben erweisen.

„Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, „Summer Wars“ oder „Mirai, das Mädchen aus der Zukunft“: Schon die Titel früherer Filme des japanischen Anime-Regisseurs Mamoru Hosoda deuten sein Faible für Geschichten an, die mit Möglichkeiten von Zeitreisen, dem Verwischen von Realitätsebenen spielten. Doch die Basis jener Filme war stets die Realität, unsere (bzw. die japanische) Gegenwart, aus der sich die phantastischen Geschichten entwickelten.

In seinem neuen Film „Scarlet“ hat Hosada diese bodenständige Basis weitestgehend aufgegeben und lässt seine Geschichte fast vollständig in der Gegenwelt Otherworld spielen, in der ganz eigene Regeln gelten. Was ihm einerseits die Möglichkeit zu visuellen Experimenten ermöglicht, andererseits auch zu einem erzählerischen, aber bald auch stilistischen Overkill führt, der bisweilen ermüdet.

Geradezu maßlos wirken die Bilder, die Hosada von den Kämpfen der Untoten auf die Leinwand wirft, ganz dem Motto folgend, das mehr mehr ist. In modernem 3D-Animationsstil ist die Gegenwelt animiert, weißt geradezu fotorealistische Hintergründe auf, die allerdings oft derartig rasend schnell vorbeirauschen, dass jede Bodenhaftung verloren geht.

Immer wieder entwickelt sich „Scarlet“ zu einem visuellen Exzess, dem mehr darum gelegen scheint, zu überwältigen, um nicht zu sagen zu erschlagen, als seinen Figuren Raum zum Atmen, zur Entwicklung zu geben.

Nur manchmal kommen die Figuren, kommt „Scarlet“ zur Ruhe, doch gerade dann zeigen sich die wahren Qualitäten Hosadas. Ein Gespür für Zwischenmenschliches, ein humanistisches Weltbild, das diesmal oft unter einem visuellen Exzess verloren zu gehen droht. Als Beispiel der technischen Möglichkeiten modernen Anime-Techniken funktioniert „Scarlet“ gut, so berührend wie seine früheren Filme, ist Mamoru Hiosada hier jedoch nur in Momenten.

 

Michael Meyns

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