Scherbenpark

Mit „Prinzessinnenbad“ legte Bettina Blümner ein viel beachtetes Regiedebüt vor und bekam dafür den Deutschen Filmpreis für den Besten Dokumentarfilm. Nun verfilmt sie den Roman von Alina Bronsky aus dem Jahr 2008, der „aufregendsten Newcomerin der Saison“, wie der „Spiegel“ schwärmte. Erzählt wird von Sascha, einem selbstbewussten Mädchen in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung. Der Teenager will sich am Mörder seiner Mutter rächen, der im Gefängnis sitzt. Nebenbei muss sie sich noch mit einigen anderen Problemen herumschlagen, ob mit ruppigen Jugendlichen oder einem gutmenschelnden Chefredakteur, ob mit der ersten Liebe oder dem ersten Mal… Ein flott erzähltes Coming of Age-Drama mit überzeugenden Akteuren sowie traumhaft lässigen Dialogen. Ein echtes Highlight des Max Ophüls Festivals 2013!

Webseite: www.neuevisionen.de

D 2013
Premiere: Max Ophüls Festival Saarbrücken
Regie: Bettina Blümner
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Ulrich Noethen, Max Hegewald, Vladimir Burlakov
Filmlänge: 91 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 21.11.2013

PRESSESTIMMEN:

"Mit viel Zärtlichkeit und großem Schwung hat  Bettina Blümner den gleichnamigen galgenhumorigen Roman von Alina Bronsky verfilmt. Ihre Hauptdarstellerin, die junge Powerfrau Jasna Fritzi Bauer, ist unwiderstehlich."
Brigitte

"Mit der Adaption des gleichnamigen Romans von Alina Bronsky ist Regisseurin Bettina Blümner und der Drehbuchautorin Katharina Kress eine ungewöhnliche Mischung aus Sozialstudie, Coming-of-age-Story und Tragikomödie gelungen. (…) Ein starker Film über ein starkes Mädchen, mit einer Darstellerin, die man sich merken muss. – Prädikat besonders wertvoll."
FBW

FILMKRITIK:

„Okay, wir machen’s jetzt, stöhn aber nicht so laut rum!“ – für Romantik hat die siebzehnjährige Sascha nicht unbedingt viel übrig. Zumindest zeigt sie es nur höchst widerwillig. Dem fröhlichen Charme des freundlichen Felix kann freilich auch sie nur schwer widerstehen. Nach einer vergnügten Wasserschlacht kommen sich die schüchternen Teenager, die beide ihr Päckchen zu tragen haben, beim Trocknen der nassen Klamotten langsam näher. Jungfilmerin Blümner strickt daraus ein erstes Mal, wie es lakonisch komischer und treffsicher pointierter selten im Kino zu sehen war. „Du solltest erstmal mit anderen Frauen weiter üben“, antworte das Mädchen auf die „Wie war ich?“-Frage danach.

Der titelgebende „Scherbenpark“ bezeichnet die Grünanlage einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung für Spätaussiedler, einem sozialen Brennpunkt am Rand der Stadt, der den Bewohnern wenig Perspektiven bietet. Die clevere Sascha hat sich mit dieser stumpfsinnigen Umgebung so gut es geht arrangiert, mit reichlich Selbstbewusstsein sowie flotten Sprüchen lässt sie sich nicht unterbuttern. Ihre Welt stürzt zusammen als der Stiefvater ihre Mutter vor ihren Augen ermordet. Der Mann kommt ins Gefängnis, doch die Tochter schwört ewige Rache. Sie hat nur noch zwei Träume: Den Mörder ihrer Mutter töten und ein Buch schreiben. Als in der Lokalzeitung ein dubioser Artikel über den Mörder erscheint, beschwert sich das Mädchen voller Entrüstung beim Chefredakteur. Der ist von der Wut so sehr beeindruckt, dass er die verzweifelte Sascha spontan bei sich aufnimmt – schließlich war ihm ihre Mutter keine Unbekannt. In der vornehmen Villa des Journalisten trifft Sascha auf dessen Sohn Felix. Die anfänglichen Flirtversuche des Gleichaltrigen schmettert sie zwar noch ab. Doch schließlich kann sie dem Charme des fröhlichen Jungen nicht widerstehen. In der Nacht als der lungenkranke Felix wegen eines akuten Notfalls in eine Klink eingeliefert wird, entdeckt die Heldin auch die männlichen Qualitäten seines charismatischen Vaters.

Clever ambitionierte Mädchen in schäbigem Spätaussiedler-Getto, dazu als Kontrast das gutbürgerliche Mittelklasse-Milieu – das ist der Stoff aus dem gerne verschnarchte „Tatort“-Episoden gestrickt werden. Dass dieses Jugenddrama sich nicht in den Fallstricke der gängigen Stereotype verfängt, liegt an der unangestrengt entspannten Erzählweise von Bettina Blümner, die sich, wie schon in ihrem „Prinzessinnenbad“, mit souveränem Gespür durch dieses Milieu bewegt. Dass die Klippen der Klischees umgangen werden, liegt freilich auch an der erstklassigen Besetzung. Allen voran Jasna Fritzi Bauer, die schon in Christian Petzolds „Barbara“ einen guten Eindruck hinterließ und im Vorjahr den „New Faces Award“ bekam. Als Teenager mit rauer Schale und sensiblem Kern kann die 23jährige Schweizerin grandios überzeugen. Ihr Partner Max Hegewald macht als schüchternes Sensibelchen gleichfalls eine exzellente Figur. Neben diesen Newcomern mit Charisma-Potenzial, die beide bestens als Identifikationsfiguren taugen, gibt Ulrich Noethen den verständnisvollen Gutmenschen mit Volvo und schicker Passivhaus-Villa. Dass er diese für ihn klassische Paraderolle nicht mit gelangweilter Routine abspult, sondern stets augenzwinkernd und nuancenreich präsentiert, macht einmal mehr seine besondere Qualität aus. Wie er den flirrenden Flirtversuchen der Freundin seines Sohnes fast erliegt, ist so umwerfend ulkig wie treffsicher.

Last not least sind da noch die gut geschliffenen Dialoge, deren lakonisch lässige Treffsicherheit man sich öfter im deutschen Kino wünschen würde. Wie bürstet Sascha die plumpen Anmachsprüche der Möchtegern-Machos und Park-Paschas so gekonnt ab: „Hartz 4 und gebrochenes Deutsch – das macht mich einfach nicht an. Da bekomme ich ernsthaft Orgasmusprobleme.“

Mit solchen Zutaten gelingt ein starkes Jugenddrama, so einfühlsam wie unaufdringlich und unterhaltsam. Ein gelungener Coup von Newcomer-Talenten vor und hinter der Kamera. Beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gab es dafür den Drehbuchpreis für Katharina Kress sowie den Schauspielpreis für Jasna Fritzi Bauer.

Dieter Oßwald

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