Schlafkrankheit

Die Unmöglichkeit eines flämischen Arztes im Dienste der Entwicklungshilfe, sich von seinem geliebten Afrika zu lösen, steht im Zentrum von Ulrich Köhlers drittem Spielfilm „Schlafkrankheit“. Der Filmemacher lebte als Kind selbst einige Jahre im Kongo und zeigt sowohl in seinem überraschenden Erzählstil als auch in atmosphärischer Dichte und vielschichtiger Durchdringung des Themas einen sehr reifen und psychologisch spannenden Film.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland, Frankreich, Niederlande 2011
Buch und Regie: Ulrich Köhler
Darsteller: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Sava Lolov
Verleih: farbfilm
Länge: 91 Min.
Kinostart: 23.6.2001

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der 1969 in Marburg/Lahn geborene Regisseur Ulrich Köhler lebte 1974-79 mit seiner Familie in Zaire, heute Kongo. Nach seinem Spielfilmdebüt „Bungalow“ (2002) sowie „Montag kommen die Fenster“ (2006) kehrt er mit dieser überraschenden Geschichte nach Afrika zurück: Ebbo und Vera Velten leben als Entwicklungshilfe-Mediziner seit Jahrzehnten in Afrika. Nun muss er sich aus Kamerun verabschieden, wo er ein Schlafkrankheitsprojekt leitete. Zusammen mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Helen, die in Deutschland ein Internat besucht, verbringen sie ein paar Urlaubstage vor dem Umzug. Das Haus wird aufgelöst, eine letzte Evolution mit den einheimischen Partnern macht die Sinnlosigkeit einer Verlängerung des Projekts deutlich. Vera möchte zurück ins deutsche Leben, zur Tochter. Am letzten Tag – Vera und Helen sind schon abgereist – steht Ebbo im ausgeräumten Haus und kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ein harter Schnitt führt zu Alex Nzila, einem französischen Mediziner mit kongolesischen Wurzeln. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll er den Stand eines Schlafkrankheits-Projekts protokolieren. Dessen Leiter heißt Ebbo Velten, ist aber unauffindbar. Geschwächt von einer plötzlich auftretenden Krankheit landet Alex Nzila in einer mysteriösen Welt, deliriert zwischen heruntergekommen Hospitälern und fantastischen Touristen-Projekten herum. Der hilflose Gutachter wirkt vollends lächerlich, als er einen Kaiserschnitt bei Ebbos einheimischer Geliebten mit telefonischer Anleitung hinbekommen muss, die Übelkeit ihn aber übermannt.

Die erste Hälfte der „Schlafkrankheit“ erinnert an diese gerade wieder modernen Ausbreitungen von Innerlichkeit auf der Leinwand. Diesmal mit dem dekorativen Hintergrund Afrikas. Oder versucht sich hier jemand an die Dickschiffe belgischer und französischer Kolonialgeschichten ranzuhängen? Doch eine raffinierte Ellipse mit Perspektivenwechseln irgendwo in der Mitte, enttarnt eine sehr reizvolle Psycho-Story in der Tradition von Joseph Conrads „Heart of Darkness“. Wie einst Colonel Kurtz in „Apocalypse Now“ sich mit Captain Benjamin L. Willard das eigene Exekutionskommando bestellte, holt sich der flämische Dr. Ebbo Velten jemanden von der Weltgesundheitsorganisation zur Evolution seiner sinnlosen Impfprojekte, weil er aus eigener Kraft nicht mehr von Afrika loskommt. Der anfängliche Besuch seiner Tochter, die zwei Jahre lang in einem Internat war, kann nachträglich auch als Befreiungsversuch gesehen werden. Der jedoch scheiterte: Velten ließ Frau und Tochter nach Deutschland vor-fliegen und blieb zurück. Das Ende greift eine mythische Geschichte um ein Flusspferd wieder auf und erinnert an den thailändischen Cannes-Sieger „Onkel Boonmee“.

Dass mit dem Verschwinden der Hauptfigur und dem Auftauchen eines Flusspferdes im Finale und mit dem irritierenden Bruch in der Mitte auch ein Gedanke an den Cannes-Sieger Apichatpong Weerasethakul entsteht, ist tatsächlich kein Zufall. Der „taz“ erzählte Köhler anlässlich der Berlinale-Premiere, dass ihn der Thailänder „sehr beeindruckt und beeinflusst“ habe: „Nach ‚Bungalow’ habe ich ‚Blissfully Yours’ zum ersten Mal gesehen. Seither schaue ich mir die Filme immer wieder an und halte ‚Syndromes and a Century’ für den tollsten Film, den er gemacht hat.“ Die Nilpferdgeschichte stammt allerdings schon aus Köhlers Kindheit.

„Schlafkrankheit“ braucht sich hinter dem thematisch ähnlich gelagerten „White Material“ von Claire Denis und mit Isabel Huppert nicht zu verstecken. Er ist sogar klarer und trickreicher. Reflexhafte und simple Kolonialismus-Vorwürfe hebelt „Schlafkrankheit“ geschickt aus: Während der Weiße Velten „sein“ Land so sehr lieb, dass er sein Leben dafür (auf-) gibt, wird der schwarze Franzose Nzila vorgeführt, der sich vor lauter Panik und Vorurteilen wie ein dummer Tourist aufführt. Auch das erstaunlich selbstsichere Verhalten Ebbos gegenüber Korruption und Polizeigewalt liefert Diskussionsstoff. Afrika ist hier weder ein naiver Traum noch ein pures „Problem“. „Schlafkrankheit“ – ein überraschender, schöner und ganz schön kluger Film.

Günter H. Jekubzik

Die Entwicklungshilfe für Afrika hat offenbar keineswegs nur den heilsamen Effekt, der den Summen entspräche, die in den Kontinent gepumpt werden. Woran liegt das? Dieser Film beschäftigt sich mit der Frage.

Die Eltern des Regisseurs Ulrich Köhler waren lange in der Entwicklungshilfe tätig, ihr Kind wuchs während mehrerer Jahre in einem kleinen Dorf an einem Nebenfluss des Kongo auf. Daher das Interesse am Thema und die Kenntnis der Verhältnisse.

Die fiktive Handlung: Dr. Ebbo Velten und seine Frau Vera haben in Afrika jahrelang mit internationaler Hilfe die Schlafkrankheit bekämpft. Jetzt will Vera zurück nach Deutschland, vor allem um der Ausbildung der Tochter willen. Ebbo verspricht nachzukommen – tut es aber nicht.

Jahre später. Die Schlafkrankheit ist längst unter Kontrolle. Statt 60 Patienten liegen im zuständigen Krankenhaus höchstens noch ein halbes Dutzend, manchmal nur ein einziger Kranker. Aber privat geht es für Velten und seinen Freund Gasparo, dessen Hauptziel es ist, sich (mit attraktiven Frauen) einen schönen Lenz zu machen, darum, den Geldstrom nicht versiegen zu lassen.

Das wird etwas schwieriger, als aus Paris der Gutachter Dr. Alex Nzila anreist, der über den Kampf gegen die Schlafkrankheit einen Bericht zu verfertigen hat. Immer wieder wird Nzila hingehalten und vertröstet.

Der Grund für all das ist im inzwischen eingetretenen Zustand zu suchen. Es liegt von den Finanzen abgesehen in erster Linie an der fast völligen Überwindung der Krankheit, aber auch an Velten, der soeben mit einer Afrikanerin ein Kind bekam, der jedoch auch persönlich völlig abgebaut hat und plötzlich nicht mehr aufzufinden ist.

Ein Nilpferd taucht am Schluss auf. Hat es mit Ebbo Veltens Verschwinden zu tun?

Die (eventuell realistischen) Zustände, die Korruptionsversuche, die fehlgeleiteten Gelder, die Infragestellung des geltenden Entwicklungshilfesystems und seine Ersetzung durch das Marktsystem, Veltens Ehekrise, die vernachlässigte Kontrolle über die Gelder, die sich nicht zuletzt aus all diesen Gründen einschleichende Gleichgültigkeit, der Abbau der persönlichen Kräfte – das alles hat Köhler von einem absolut unbefriedigenden Schluss abgesehen halbwegs plausibel anzuschneiden versucht.

Dafür hat er einen gangbaren filmischen Rahmen gefunden.

Exotische Sichtbarmachung eines akuten afrikanisch-internationalen Problems.

Thomas Engel