Schreibe mir – Postkarten nach Copacabana

Von den Alpen bis zu den Anden spannt Regisseur Thomas Kronthaler seine bis ins Detail einfühlsame Geschichte über Fernweh, Verrat, Enttäuschung und eine Liebe, die Raum und Zeit überwindet. Nach seiner fulminanten Heimatgroteske „Die Scheinheiligen“ gelingt dem 42jährigen Oberbayern märchenhaft-poetisches Erzählkino mit einem wunderbaren Schuss lateinamerikanischen magischen Realismus. Das verdankt der ehemalige Werkzeugmacher freilich nicht zuletzt der stimmigen Buchvorlage von Stefanie Kremser sowie der überwältigenden Landschaftskulisse im bolivianischen Hochland.

Webseite: www.schreibemir-derfilm.de

Deutschland, Bolivien 2009
Regie: Thomas Kronthaler
Buch: Stefanie Kremser
Kamera: Christof Oefelein
Darsteller: Júlia Hernández Fortunato, Friedrich Mücke,Carla Ortiz, Agar Delos, Camila Andrea Guzmán Arteaga, Florian Brückner,Luis Bredow, Teresa Gutiérrez, Rosa Ríos, Jorge Manaoca, Salvador del Solar
Länge: 100 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 20. August 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Oiso dann, Pfiat eich“, winkt Alois Bichl ein letztes Mal der Blaskapelle zu. Dann versinkt der 22jährige in seiner Krachledernen und seinen derbledernen Haferlschuhen im stahlblauen, kristallklaren Wasser des bayerischen Gebirgssees. Fest umklammert seine Hand ein kleines Lederköfferchen, vollgepackt mit einer modernen Errungenschaft: Aspirin. Seine märchenhafte Unterwasserreise führt den vom Fernweh geplagten Aspirinvertreter bis ins Herz Lateinamerikas. Im sagenumwobenen Titicacasee, fast auf 4 000 Metern Höhe, taucht der blonde kernige Bursch glücklich wieder auf. Jahre später sitzt seine Enkelin Alfonsina (Júlia Hernández Fortunato) am Ufer mit ihrer besten Freundin Tere.

Sehnsüchtig träumt auch sie von fremden Ländern. „Dieses Bayern, will Tere von ihr wissen. „wo liegt es denn nun eigentlich?“ Das wiederum kann auch die 14-jährige nicht so genau sagen, die zusammen mit ihrer Mutter Rosa und ihrer Großmutter Elena (Agar Delos) in Copacabana, dem bedeutendsten Wallfahrtsort Boliviens lebt. Aber eine Geschichte muss gut klingen, dann hat sie Zuhörer. Ob sie nun wahr ist oder nicht, heißt es bei den Einheimischen. Die romantische Liebesgeschichte von Alfonsinas bayerischen Großvater Alois, der sich in das Indiomädchen Elena verliebt und mit ihr eine Apotheke eröffnet, ist jedenfalls wunderschön romantisch. Wer fragt da noch, ob das alles wirklich so passiert ist?

Schließlich ist Elena eine außergewöhnliche Großmutter. Nicht nur, weil sie stets ein bayerisches Dirndl trägt mitten im bolivianischen Hochland. Und da sich Geschichten manchmal fast wiederholen, trifft Alfonsina den Münchner Ornithologiestudenten Daniel (Friedrich Mücke). Während Großmutter Elena verständnisvoll reagiert und für den „Zugroasten“ sogar Semmelknödeln kocht, ist Mutter Rosa weniger begeistert von den Abenteuern ihrer Tochter. Als jedoch der smarte Geschäftsmann Felipe (Salavador del Solar) aus La Paz auftaucht, ändert das alles. Ohne dass die drei Frauen es ahnen, haben für sie die letzten gemeinsamen Tage begonnen.

Besonders die bolivianische Schauspielerin und Indigena Agar Delós als Großmutter Elena bezaubert in dieser reizvollen Story über drei Frauengenerationen unter einem Dach durch ihre aufrechte Würde und Grandezza. Mit seiner sensiblen Dramaturgie erinnert das sehenswerte Feel-Good-Movie streckenweise an die herzerfrischende Coming-of-Age Geschichte „Real Women have Curves“, dem Publikumsliebling des Sundance Festivals 2002. Die Chemie zwischen den weiblichen Hauptdarstellern funktioniert blendend.

Vor der exotischen Kulisse Südamerikas expandiert der filmische Kosmos des oberbayerischen Regisseurs Thomas Kronthaler zwischen Magie und Moderne beherzt weiter. Mutig wagt der Absolvent der Münchener Filmhochschule in etlichen Sequenzen Elemente eines märchenhaften Realismus als Stilmittel. Da Kronthaler die Motive unprätentiös in das Geschehen einflicht, driftet sein zärtlich-phantastischer Film in keinem Moment peinlich in sentimentalen Kitsch und Herz-Schmerz ab. Vielmehr entstehen dabei poetisch-malerische Bilder von gewinnendem Charme.

In seiner gelungenen Mischung aus realistischen Szenen und phantastischen Momenten reicht sein Film teilweise sogar fast an die großen Vorbildern des lateinamerikanischen Kinos wie „Das Geisterhaus" oder „Bittersüße Schokolade" heran. Christof Oefeleins Kamera schwelgt dabei in satten Farben und entfaltet eine im deutschen Kino seltene visuelle Pracht.

Sommerkino vom feinsten, das dem Leitmotiv der neuen bayerischen Heimatfilme, Raus aus Enge und Zwang, alle Ehre macht.

Luitgard Koch

Von drei bolivianischen Frauen handelt dieser Film: von Elena, jetzt bereits Großmutter, der einst der aus dem Titicacasee auftauchende junge Bayer Alois den Kopf verdrehte. Alois ist längst tot, aber Elena liebt ihn immer noch und plaudert mit ihm, was zum Teil die heidnischen bolivianischen Geister ermöglichen.

Von Rosa, Elenas Schwiegertochter, die zwar schön ist, aber mit den Männern wenig Glück hat. Ihr Ehemann ist schon gestorben, und jetzt tappt sie auch noch dem schurkischen Immobilienhändler Felipe in die Falle.

Von Alfonsina, Rosas 14jähriger Tochter, die teils bayerisch, teils bolivianisch, teils katholisch, teils naturreligiös aufwächst, von ihrer Großmutter geliebt, von ihrer Mutter etwas vernachlässigt.

Die drei Frauen leben unter einem Dach. Der Film, basierend auf einem teilweise autobiographischen Drehbuch der in Südamerika aufgewachsenen Stefanie Kremser, beobachtet ihr Wesen und Leben. Die Großmutter verströmt Liebe, leidet jedoch darunter, dass die ihr gehörende Apotheke samt Haus verkaufen muss. Rosa jagt dem Glück, genauer gesagt den Männern nach und tut damit genau das, wovor sie ihre Tochter warnt. Alfonsina träumt von Reisen in andere Kontinente. Sie will der engen bolivianischen Kleinstadtatmosphäre entfliehen. Sie bettelt Touristen an, ihr Postkarten nach Copacabana zu schreiben.

Aber sie hat auch Glück. Denn ins Städtchen kommt der bayerische Ornithologe Daniel. Er muss zwar nach einer gewissen Zeit wieder fort, aber Alfonsina weiß nun, wo ihr künftiger Platz ist. Sie wird die nötige Reise unternehmen – und zwar auf die gleiche mysteriös-surrealistische Weise wie einst ihr Großvater Alois.

Thomas Kronthaler („Die Scheinheiligen“) geht in dem einigermaßen flüssig geschriebenen und schlüssig inszenierten Stück mit den drei Damen liebevoll um, teils folkloristisch, teils märchenhaft, teils lebensnah. Man wohnt dem leicht mit Geisterglauben durchsetzten Geschehen nicht ungern bei, zumal auch das Umfeld jeweils ziemlich typisch eingefangen ist.

Darstellerinnen hat man sehr passende und gut agierende gefunden: Agar Delos als die gütige Oma, Carla Ortiz als die attraktive Rosa und Julia Hernandez Fortunato als die liebliche Alfonsina.

Thomas Engel