Schwarze Schafe

Da wird der Berliner Bär aber ganz schön böse sein, denn als so räudiges und schmutziges Tier wie in Oliver Rihs’ und Olivier Kolbs Low-Budget-Produktion SCHWARZE SCHAFE wurde er sicher noch nie gezeigt. Freunde des abseitigen Humors kommen jedoch auf ihre Kosten, wenn sich in fünf miteinander verschachtelten Episoden die Hauptstadt von ihrer trashigen Seite zeigt.

Webseite: www.schwarze-schafe.eu

Deutschland 2006
Regie: Oliver Rihs.
Mit Robert Stadlober, Tom Schilling, Jule Böwe, Milan Peschel, Bruno Cathomas, Marc Hosemann, Eralp Uzun, Oktay Özdemir, Frank Giering u.a.
94 Min. 
– s/w –

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Überlebenskünstler sind sie irgendwie alle: Da ist das ehemalige Rolex-Handmodel, der sich als Hochstapler die Gunst einer Blondine ergaunert und sich dann auch noch in sie verliebt. Um an Geld zu kommen, soll die Versicherung bluten, doch dafür muss vorher sein eigenes fließen. Auch die drei jungen Türken Ali, Birol und Halil brauchen Geld, um ihren unbändigen Sexualtrieb zu stillen. Doch die Idee, einige Bonzenkids bei einer Goa-Party am Müggelsee auszunehmen, endet im Rausch und ohne Klamotten am Leib. Die beiden Kiffer Breslin und Julian entdecken eine Agentur für Arbeit ohne Geld und wollen sich über diese die Renovierung ihrer Wohnung erschleichen, doch um Mitglied zu werden, muss man denen schon einiges vormachen. Der besoffene Künstler Peter, versucht seiner Freundin etwas zu sagen, doch die arbeitet gerade als Reiseführerin auf einem Boot auf der Spree. Zu allem Unglück hat sie dabei auch noch alte Bekannte zu Gast. Die beiden angehenden Satanisten Arnold und Fred sind pleite. Ein Ritual soll Abhilfe schaffen, doch dafür muss eine Tote her. Wie gut, dass Freds Oma im Koma liegt.

 

Der größte Feind der Kunst ist der so genannte gute Geschmack. Gemessen an dieser Aussage ist SCHWARZE SCHAFE große Kunst, denn was Oliver Rihs und seine Mitautoren ausgeheckt haben, feiert den schlechten Geschmack. Das kann man durchaus als Gegenentwurf zur Berliner Schule werten, die mit Filmen wie „Sommer vorm Balkon“ oder auch aktuell „Du bist nicht allein“ zu einer gewissen sozialromantischen Verklärung neigt. Vorsorglich hat Rihs auch gar nicht erst versucht, öffentliche Förderung zu bekommen, sondern das Projekt selbst gestemmt. Die Darsteller haben unentgeltlich gearbeitet und auch die fünf Drehbuchautoren sind Freunde von Rihs, übrigens wie er selbst allesamt in Berlin wohnende Schweizer. Der Spaß an der Grenzüberschreitung ist allen Beteiligten anzumerken und überträgt sich in den besten Momenten auch auf den Zuschauer. Darüber hinaus schafft es der Film, trotz manchmal aufgesetzt wirkender Anarchoattitüde, die Außenseiterfiguren sympathisch wirken zu lassen und wirft einen Blick auf die Schattenseiten Berliner Lebens, der nicht durch die rosarote Brille abgemildert wird, sondern von der Faszination am Abgrund in all seiner Drastik gespeist ist.

Sicher wird SCHWARZE SCHAFE nicht jedem gefallen und soll es auch gar nicht.   Ungeschminkte Schönheit kann eben auch als hässlich empfunden werden und ehrliche Antworten sind ja meist die unangenehmsten. Die Frage, ob Berlin eine Reise wert ist, hat sich spätestens dann erübrigt, wenn ein arrogantes Touristenpärchen aus München die Bekanntschaft mit dem Mageninhalt eines Einheimischen macht: „Dit is’ Berlin, dit is’ Feindesland, hier bist du tot, Alter!“

Eric Horst