Seht mich verschwinden

Die Bilder des Benetton-Fotografen Oliviero Toscani von der bis auf 32 Kilogramm abgemagerten Isabelle Caro sorgten 2007 für einen Aufschrei der Entrüstung. Eine sterbenskranke Frau machte auf den Bildern splitterfasernackt auf die Folgen ihrer Magersucht-Erkrankung aufmerksam. Mit ihrer emotionalen Doku "Seht mich verschwinden" begibt sich die Regisseurin Kiki Allgeier auf die Suche nach Caros Motivation, an der Kampagne teilzunehmen und sich zu öffentlich zu "outen". Darüber hinaus ist der Filme das bemerkenswerte Porträt einer zeitlebens kämpfenden, unfassbar starken Frau, die im Angesicht des Todes den Mut zu öffentlichem Aufbegehren bewies.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2014
Regie: Kiki Allgeier
Länge: 84 Minuten
Verleih: Farbfilm
Kinostart: 02. Juli 2015
 

FILMKRITIK:

Die erschütternden Bilder des Benetton-Fotografen Oliviero Toscani von der bis auf die Knochen abgemagerten Französin Isabelle Caro gingen 2007 um die Welt und sorgten für einen Skandal. Die magersüchtige, damals nur 32 Kilogramm schwere Frau wollte damit auf die schlimmen Folgen ihrer Erkrankung aufmerksam machen und auch ein Zeichen gegen den um sich greifenden Schlankheitswahn in der Modebranche setzen. Die Doku "Seht mich verschwinden" von Regisseurin Kiki Allgeier zeichnet auf bedrückende und hochemotionale Weise das tragische Leben der jungen Frau nach.

Schon seit frühester Jugend litt die junge Französin, Tochter einer Lehrerin und eines bekannten Künstlers, an der lebensbedrohlichen Erkrankung "Anorexia nervosa", Magersucht. Zeit ihres Lebens litt sie darunter, von ihrem Vater nicht die gewünschte Anerkennung erfahren zu haben, sowohl als Tochter als auch als Künstlerin. Schon sehr früh, war es ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden, ihr großes Vorbild war Isabelle Huppert. Um ihr optisch möglichst nahe zu kommen, färbte sich Caro die Haare und ließ sich Sommersprossen tätowieren. Die Verschlimmerung ihrer Erkrankung sorgte jedoch immer wieder für lange Krankenhausaufenthalte und Rückschläge.

Nachdem sie 2006 nach Marseille gezogen war,  verschlechterte sich ihr Zustand drastisch. Bald wog sie nur noch 25 kg und fiel für vier Tage in eine Koma. Im Herbst 2010 verlor Caro mit 28 Jahren den Kampf gegen ihre Erkrankung. Wenige Monate darauf beging ihre Mutter Selbstmord. Bewegend ist es, Caro auf alten Familienfotos als fröhliches, lebenslustiges Kind zu sehen. Eine Zeit, die – wie sie selbst sagt – "unfassbar glücklich und unbeschwert war". Doch dann begann die Pubertät und kurz darauf auch die Magersucht und der Kampf begann.

Die größte Lebensleistung – neben dem kräftezehrenden Kampf gegen die Magersucht – war es, den Mut aufzubringen, sich offen und öffentlich dazu zu bekennen und damit gegen den Schlankheitswahn in der Model- und Modebranche zu demonstrieren. Für die "No-Anorexia“-Kampagne des italienischen Modelabels „Nolita“ ließ sie sich vom Starfotografen Oliviero Toscani ablichten – und wurde schlagartig weltbekannt. Regisseurin Allgeier begleitete Caro ab diesem Zeitpunkt mit der  Kamera bis zu ihrem viel zu frühen Tod knapp drei Jahre später, wirft mit Hilfe von Archiv- und Familienfotos sowie einem Videotagebuch von Caro aber auch einen Blick zurück in die Vergangenheit der schwer kranken, aber hoch talentierten Schauspielerin.
In Gesprächen mit Caro selbst, ihrem Vater aber vor allem auch durch die eindringlichen Momentaufnahmen des Videotagebuchs, die immer auch vom weiteren Verfall und der zunehmenden Verschlechterung ihres Zustandes zeugen, entsteht das Bild einer junge Frau, die seit jeher auf der Suche nach Anerkennung und Liebe war. Zudem macht "Seht mich verschwinden" klar, worin Caros Motivation bestand, sich im Rahmen der Fotokampagne öffentlich derart zu präsentieren, wie sie die meiste Zeit über war: sterbenskrank und abgemagert bis auf die Knochen. Doch Caro wollte mehr als nur auf die Folgen der "Anorexia" hinweisen. Sie wollte gegen die Tendenz ankämpfen, in der internationalen Modebrachen zunehmend auf extrem dürre Models zu setzen. Durch die beklemmenden, teils schockierenden Bilder ist es ihr in jedem Fall gelungen, die Menschen zum Nach- und im besten Fall auch zum Umdenken zu animieren.

"Seht mich verschwinden" widmet sich dem Leben dieser starken Frau und zeigt die unterschiedlichen Facetten ihres bemerkenswerten, tragischen Lebens. Eine über die Maßen sehenswerte Doku zu einem schwierigen Thema.
 
Björn Schneider