Selbstgespräche

Im Zeitalter grenzenloser Kommunikation wirkt die Unfähigkeit, sich und seine eigenen Wünsche gegenüber anderen mitzuteilen, besonders tragisch. André Erkau hat in seinem leicht ironischen Spielfilmdebüt dieses Dilemma näher unter die Lupe genommen. Als Hauptschauplatz der insgesamt gut beobachteten und sorgsam die Sorgen seiner Protagonisten schildernden Komödie dient ein Callcenter. In Saarbrücken erhielt „Selbstgespräche“ dieses Jahr den Max-Ophüls-Preis.

Webseite: filmlichter.de

Deutschland 2008
Regie: André Erkau
Darsteller: August Zirner, Maximilian Brückner, Antje Widdra, Johannes Allmayer, Mina Tander, Dagmar Sachse u.v.a.
96 Minuten
Verleih: Filmlichter (Filmwelt)
Kinostart: 31.7.2008

PRESSESTIMMEN:

Vielversprechendes Spielfilm-Debüt des frisch von der Filmhochschule kommenden André Erkau, der hier die tragikomische Welt der Callcenter dieses Landes humor- und liebevoll einzufangen versteht.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

„Vorpommern ist das neue Indien.“ Mit Sprüchen wie diesem schwört Richard Harms (August Zwirner) seine Telefonierpakete anpreisende Mannschaft im Callcenter ein. Länger als vier Minuten, so die Vorgabe, soll ein Verkaufsgespräch nicht dauern. Das aber ist leichter gesagt als getan. Erst recht, als die Geschäftsleitung eine digitale Anzeigetafel anbringen lässt, um die Abschlussquoten weiter in die Höhe zu treiben. Ganz ohne Reibungen geht das für die um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter nicht vonstatten. Vor allem jene, bei denen privat nicht alles nach Fahrplan läuft, sitzen nun erst richtig zwischen den Stühlen. 

Auch Richard Harms gehört zu dieser Gruppe. Immer wieder kommt es zwischen ihm und seiner Frau (Dagmar Sachse) zu Missverständnissen, meist beruhen sie auf Kommunikationsschwierigkeiten. Im Privaten, so stellt man fest, ist Herr Harms mit seinen Weisheiten schnell am Ende. Doch auch anderswo ist die Welt alles andere als heil. Mitarbeiterin Marie Bremer (Antje Widdra) zerreibt sich zwischen dem Traum vom Job als Architektin und ihrer Rolle als Alleinerziehender, Sascha (Maxilimilan Brückner) macht sich als vermeintlicher Moderator einer Fernsehshow selbst etwas vor. Als vierter im Bunde der unter die Lupe genommenen Figuren aus dem Callcenter hat Adrian (Johannes Allmayer) das Problem, am Telefon zwar der beste Verkäufer zu sein, privat jedoch nichts gebacken zu bekommen. Nach dem Tod der Mutter lebt er immer noch mit dem Trübsal blasenden Vater zusammen.

Gleich mehrfach beruft sich André Erkau in seinem beim Festival in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Film auf das im Chinesischen aus den Schriftzeichen für Chance und Gefahr zusammengesetzte Wort für Krise. Bei all den gegebenen Krisen: die Figuren bekommen ihre Chancen. Besonders trifft das auf den schüchternen Adrian zu, der sich in eine Telefonkundin verliebt. Sascha, der vor seiner eigenen Realität ständig flüchtet, unterstützt ihn dabei. 

Die Inder in der ebenfalls in der Welt der Callcenter spielenden US-Produktion „Outsourced“ haben es neulich erst vorgemacht: positives Denken hilft in Krisensituationen. An „Selbstgespräche“ gefällt, wie sich die Menschen mit ihren ganz persönlichen Schicksalen arrangieren und mit welchem leicht ironischen und humorvollen Unterton André Erkau dies schildert, ohne seine Figuren hierbei jedoch zu verraten. Wenn er Marie eine um ihren Job fürchtende Kollegin in den Arm nehmen lässt, dann ist das ein den doch oft kalten und unpersönlichen Arbeitsalltag schilderndes Zeichen. Unterm Strich ist es in „Selbstgespräche“ die Summe an sorgfältigen Beobachtungen und authentischen Erlebnissen, die aus dem im Allgemeinen verpönten Callcenter einen Ort mannigfaltiger Schicksale machen. Und es sind die überzeugenden Darsteller, allen voran August Zirner, Maximilian Brückner, Antje Widdra und Johannes Allmayer, die in diesem vom ZDF ko-produzierten „Das kleine Fernsehspiel“ von den Hoffnungen und Träumen des Lebens erzählen. 

Thomas Volkmann

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Call-Center können zur Plage werden. Man bekommt von fremden Menschen zu jeder Tages- und Freizeit in oft lästiger Weise Dinge angeboten, die man nicht braucht. Von einem solchen Kölner Call-Center und den darin Beschäftigten handelt dieser Film. Sehr oft sind es nur Gelegenheitsjobs, die da ausgeführt werden – weil Leute dringend Geld brauchen oder auch weil der Arbeitsdruck so groß ist, dass man es nicht lange aushält.

Sascha Wegemann ist einer dieser Dauertelefonierer. Er träumt von einer Stellung beim Fernsehen, gar als Showmaster. Aber zu mehr als Hilfsarbeiten hat es bis jetzt nicht gereicht. Er ist ein unruhiger, flatterhafter Geist, hat laufend schräge Ideen, unternimmt immer irgendwelche Versuche, führt nichts zu Ende. Dass seine Freundin Astrid – von ihm ungewollt – schwanger ist, kommt noch erschwerend hinzu.

Marie Bremer, die Architektin, sitzt ebenfalls in der Klemme. Sie muss zur Zeit im Call-Center arbeiten, hat es zur allein erziehenden Mutter ihres Söhnchens gebracht. Mutter-Job und Call-Job wechseln sich ab. Die Freundin ihres Ehemannes erwartet ein Kind. Das sagt alles.

Richard Harms ist der Chef des Centers. Seine Ehe mit Gisela ist in Scherben. Warum? Weil er mit dem Call-Center verheiratet ist. Er besteht nur noch aus Werbesprüchen, vermeintlichen Überredungsfloskeln, rhetorischen Binsenweisheiten und sophistischen Anleitungen, mit denen er seine Leute in aufdringlichem Ton zu mehr Vertragsabschlüssen auffordert. Im Grunde ein armer Kerl, auch deshalb, weil seine Abteilung trotz Umsatzerhöhung von der Schließung bedroht ist. 

Und dann ist da noch Adrian Becher. Im Verkaufen ist er ein Ass, privat ein verklemmter Typ, dessen Liebe zur hübschen Gabriele Deutschmann beinahe an seiner Zurückgezogenheit und Schüchternheit scheitert.

Wenigstens bleibt bei allen noch ein Fünkchen Hoffnung.

Vor allem von zwei Elementen lebt dieser nahe an der möglichen Wirklichkeit liegende, unterhaltsame Film. Zum einen von der durchaus verständlichen, ziemlich präzisen Schilderung der Lebens- und Arbeitssituationen der vier oben beschriebenen Hauptbeteiligten, zum anderen von dem teils ins Ironische gehobenen, teils entlarvenden Seiten des Call-Center-Business, das vorrangig auf Geschäftemacherei aus ist.

In seiner wohldosierten Regie hatte André Erkau Glück mit den Schauspielern. Insbesondere August Zirner als durch seinen Beruf egomanisch gewordener Richard Harms und Maximilian Brückner als verzweifelt sein Glück suchender Sascha Wegemann bleiben im Gedächtnis haften.

Thomas Engel