Send Help

Auf bildgewaltiges Blockbuster-Kino folgt ein sarkastischer Survival-Thriller: Nach seinem Ausflug in den Marvel-Kosmos mit „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ meldet sich „Tanz der Teufel“-Schöpfer Sam Raimi auf der großen Leinwand mit einer launigen Robinsonade zurück. „Send Help“ gehen im letzten Drittel zwar spürbar die guten Ideen aus. Lange Zeit erfüllt der auf einer einsamen Insel spielende Film aber seinen Zweck: das Publikum mit fiesen Wendungen zu unterhalten.

 

Über den Film

Originaltitel

Send Help

Deutscher Titel

Send Help

Produktionsland

USA

Filmdauer

114 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Raimi, Sam

Verleih

The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Starttermin

29.01.2026

 

Schon William Goldings zivilisationskritischer Roman „Herr der Fliegen“ nutzte das Motiv einer einsam gelegenen Insel, um über das Wesen des Menschen und seine dunklen Triebe zu sinnieren. Auch Sam Raimis neue Regiearbeit „Send Help“ schlägt in diese Kerbe und wirft nebenbei, natürlich eher oberflächlich, einen Blick auf die Arbeitswelt, männliche Seilschaften und den Missbrauch von Macht.

Linda Liddle (Rachel McAdams) wird eingeführt als graues, sozial unbeholfenes Büromäuschen im Stricklook, das in der Firma wohl am besten mit Zahlen jonglieren kann. Allerdings: Egal, wie sehr sie sich auch anstrengt, den Lohn für ihren Einsatz streichen andere ein. Nichtsdestotrotz geht sie fest davon aus, dass eine versprochene Beförderung nach dem Tod des Chefs (auf einem Porträt „verkörpert“ von Sam-Raimi-Kumpel Bruce Campbell) und der Übernahme der Geschäfte durch seinen Sohn Bradley Preston (Dylan O’Brien) nur noch eine Formsache ist.

Der neue Boss lässt sie jedoch eiskalt abblitzen, hebt stattdessen einen schleimigen, erst vor kurzem eingestellten Studienkumpel (Xavier Samuel) auf einen höheren Posten. Linda, deren Sandwichreste im Mundwinkel Bradley anekeln, fehle schlicht die nötige Ausstrahlung für eine Führungskraft. Wenn sie ihm das Gegenteil beweisen wolle, habe sie auf der anstehenden Dienstreise nach Bangkok die Chance dazu, bietet der Jung-CEO seiner perplexen Mitarbeiterin halb ernst gemeint an.

Liddle lässt sich das freilich nicht zwei Mal sagen – und findet sich schon bald in einer unerwarteten Extremsituation wieder. Nach dem Absturz ihres Fliegers überleben einzig sie und Preston und stranden auf einem verlassenen Eiland. Dass zumindest die verhuschte Angestellte für diese Notlage gewappnet ist, deutet sich schon vorher bei einem Schwenk über ein Bücherregal in ihrer Wohnung an. Offenbar verschlingt Linda Survival-Ratgeber. Und noch dazu ist sie großer Fan eines solchen TV-Reality-Formats.

Die Prämisse von „Send Help“ ist ebenso simpel wie griffig. Zwei komplett gegensätzliche Figuren mit einer problematischen Vorgeschichte stehen plötzlich vor der Frage, ob sie alte Konflikte beilegen und an einem Strang ziehen können. Aktiv ist erst einmal lediglich Linda, da sich Bradley bei dem Unglück eine Verletzung am Bein zuzieht. Die Stephen-King-Adaption „Misery“, in der ein viriler Bestsellerautor nach einem Autocrash in die Fänge seines größten Fans gerät, kommt einem bei dieser Konstellation in den Sinn.

Trotz Bewegungseinschränkung kann Preston nicht aus seiner Haut und schlägt weiter einen herablassenden Befehlston an. Ganz schön mutig, denn konfrontiert mit den Herausforderungen des „echten“ Lebens, ist er komplett aufgeschmissen. Zu den amüsanten Kniffen des Drehbuchs von Mark Swift and Damian Shannon gehört das Spiel mit den sich verschiebenden Machtverhältnissen. Auf einmal hat die der verfahrenen Situation mit kreativen Lösungen begegnende Linda die Oberhand und lässt den Arschlochchef ihre Überlegenheit auch spüren. Mehr noch: Mit der Zeit kristallisiert sich heraus, dass sie nicht das unschuldige Mauerblümchen ist, als das wir sie anfangs wahrnehmen. Unter bestimmten Umständen steckt in ihr eine egoistische Manipulatorin.

Auf der Insel, die Raimi und Bildgestalter Bill Pope in einigen agilen Kamerafahrten erkunden, entspinnt sich ein kurzweiliges, mit mehreren Wendungen gespicktes Wechselspiel aus Mit- und Gegeneinander. Hin und wieder wird es, wie man es vom Regisseur des Kultfilms „Tanz der Teufel“ kennt, auch etwas garstiger und blutiger. Computereffekte sind dabei leider manchmal etwas zu deutlich als solche zu erkennen, was die Wirkung schmälern kann. Den lange unterhaltsamen Eindruck beschneidet außerdem das Finale. Eigentlich aufregende Ungewissheiten werden hier vollständig aufgelöst. Bei den Motivationen einer Figur geht es drunter und drüber. Und während der erwartbaren Eskalation schaltet der Thriller in einen ausgelutschten Psychomodus. Hinten raus fehlt es definitiv an pfiffigen Ideen.

 

Christopher Diekhaus

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