Senna

Ayrton Senna war einer der größten Formel 1-Fahrer aller Zeiten, dreimaliger Weltmeister, brasilianischer Nationalheld, eine der schillerndsten Gestalten der Sportgeschichte. Der britische Regisseur Asif Kapadia legt nun mit „Senna“ eine Dokumentation vor, die dem Genie Sennas in jeder Hinsicht gerecht wird. Ein mitreißend montiertes, pathetisch emotionales Portrait; eine der besten Dokumentationen der letzten Jahre.

Webseite: senna-film.de

Großbritannien 2010 – Dokumentation
Regie: Asif Kapadia
Drehbuch: Manish Pandey
Schnitt: Chris King, Gregers Sall
Musik: Antonio Pinto
Länge: 106 Min.
Verleih: Universal
Kinostart: 12. Mai 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Manchmal muss ein Regisseur wenig mehr tun, als das ihm zur Verfügung stehende Material aneinanderzureihen. Oberflächlich betrachtet macht Asif Kapadia in seiner Dokumentation „Senna“ nichts anderes, als das Leben des brasilianischen Formel 1-Fahrers Ayrton Senna von dessen ersten Rennen 1984 bis zu seinem Unfalltod 1994, streng chronologisch zu erzählen. Man sieht die ersten Versuche in einem unterlegenen Auto, die schon Sennas überragendes Talent andeuten, seinen Wechsel zum Lotus-Team, die Triumphe bei McLaren, die Weltmeistertitel und die große Rivalität zu seinem Teamkollegen Alain Prost, schließlich der Wechsel zu Williams und das tragische Rennwochenende in Imola, wo Ayrton Senna am 1. Mai 1994 zu Tode kam. Ganz schlicht aneinandergereiht eigentlich. Und doch entfaltet „Senna“ einen mitreißenden Sog, dem sich auch der an der Formel 1 nur bedingt interessierte Betrachter kaum entziehen kann.

Zum einen liegt dies fraglos an der immanent packenden Karriere Ayrton Sennas, die so voller Höhepunkte, beeindruckender Momente, großer Rivalitäten und schließlich einem tragischen Ende war, das man daraus kaum einen langweiligen Film machen kann. Dass diese Dokumentation mit Hilfe des Instituto Ayrton Senna entstand, also die volle Kooperation der Familie genoss, macht sie für den Vorwurf der Heldenverehrung angreifbar. Zumal Senna durch seine Erfolge in seiner brasilianischen Heimat wie ein Heiliger verehrt wurde, der der Nation in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krise Halt gab und nach seinem Tod geradezu ein Staatsbegräbnis erhielt. Doch angesichts der Umstände von Sennas Formel 1-Karriere, speziell seiner Rolle im politischen Spiel der Formel-1 Bosse, würde es schwer fallen, ihn nicht als Einzelkämpfer gegen das System zu sehen. Und Kapadia ist differenziert genug, um auf die Widersprüche hinzuweisen: Denn Senna entstammte keiner armen Familie aus den Favelas, sondern wuchs privilegiert auf, ohne finanzielle Sorgen und mit den Möglichkeiten, einen teuren Sport betreiben zu können. Dennoch wirkt es glaubwürdig, wenn Senna mit Wehmut an seine Anfänge zurückdenkt, als es nur um den Sport ging und nicht um Politik und Geld wie später in der Formel-1.

Dort war Senna Teil einer großen Rivalität, die ihn gegen den Franzosen Alain Prost stellte. Der wurde oft als kalter, intellektueller Gegenentwurf zum instinktiven, emotionalen Senna beschrieben, der er zum Teil auch war, aber eben nicht nur. Auch hier vermeidet der Film unnötige Parteinahme, gerade wenn es um die Einflussnahme des – ausgerechnet französischen – Chefs der Formel 1 geht, der eher Prost bevorteilte als Senna. Dass Senna schließlich das letzte Todesopfer der Formel 1 wurde, dessen Tod zu einschneidenden Verbesserungen der Sicherheit wurde, macht seinen frühen Tod nur umso tragischer.

Was Asif Kapadias Film nun aber so herausragend macht, ist seine vollständige Beschränkung auf Dokumentarmaterials. Keine „Talking Heads“ unterbrechen den Fluss der Geschichte, keine unnötigen Einschübe lenken vom Wesentlichen ab. 100 Minuten lang sieht man Bilder der Rennen, wunderbar grobkörnige Aufnahmen aus den 80er Jahren, Szenen aus dem Fahrerlager, fantastische Aufnahmen aus der Bord-Kamera, die ein Gefühl von der Geschwindigkeit der Formel 1 geben, dazu private Aufnahmen von Senna, alles unterlegt von der emotionalen Musik Antonio Pintos, dem Komponisten von „City of God.“ Das könnte man als unreflektierte Huldigung an einen Sportler bezeichnen, der sich in einem technologiegeilen Spektakel zu Tode gefahren hat, oder als Hommage an einen faszinierenden Charakter, der für einige Jahre aus einem kommerziellen Sport eine mitreißende, ästhetische Veranstaltung gemacht hat, die bisweilen Aspekte einer klassischen Tragödie hatte.

Michael Meyns

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