Shine a light

Dieter Kosslick hat es mal wieder geschafft. Gewagt war seine Idee, mit einer Musikdokumentation die Berlinale zu eröffnen und dann noch mit einem Film, bei dem sich der Verleih Kinowelt seit Monaten nicht so recht entscheiden kann, ob er ihn direkt an die Videotheken ausliefern oder doch erst noch in die Kinos bringen soll. Zur fulminanten Premiere im Berlinale-Palast hat er ganz auf den Promi-Faktor gesetzt und tatsächlich sind neben dem Regisseur Martin Scorsese die Stones vollzählig erschienen. Damit ist ihm nicht nur eine fulminante Eröffnung gelungen, sondern der Film konnte sich auch sehen lassen. Und so kann er sich nun auf die Fahnen schreiben, einen guten Film für die Leinwand gerettet zu haben.

Webseite: www.shinealight.kinowelt.de

Originaltitel: Shine A Light
USA 2007 – Dokumentation
Regie: Martin Scorsese
Länge: ca. 120 Minuten
Kinostart: 04.04.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Dabei ging die ganze Sache auf Mick Jagger zurück, der nach einem Open Air Konzert am Strand von Rio de Janeiro derart euphorisch war, dass er Scorsese anrief und ihn bat, sofort runter zu kommen und dies auf Film festzuhalten. Doch Scorsese riet ab. Er stelle sich da etwas Intimeres vor, und so wurde die Idee geboren, einen Konzertfilm im altehrwürdigen New Yorker Beacon-Theater zu machen. 

Diesem voran stellt Scorsese ein wunderbares Intro. Ganz in schwarzweiß gehalten, mit grobem Korn gefilmt, wirkt dieser Teil ausgesprochen hart und unterkühlt, besticht aber mit einem Humor, der sich darüber lustig macht, wie ein Rockstar und ein Filmstar das Terrain ihres gemeinsamen Films abstecken. Jagger, dessen Gesichtsfalten hier tiefe Schatten werfen, spielt die Primadonna. Das extra nach seinen Wünschen erstellte Bühnenbild gefällt ihm nicht, überhaupt glaubt er viel zu viel Kompromisse für diesen Film gemacht zu haben. Scorsese dagegen gibt den Filmneurotiker mit Perfektionsdrang und erinnert nicht von ungefähr an Woody Allen. Behende schiebt er Jagger sein Equipment auf die Bühne. Hoffentlich stolpern sie nicht über das ganze Zeugs und hoffentlich wird Jagger von dem ganzen Licht nicht auf offener Bühne verbrannt, sorgt er sich und plant minutiös das, was sich gar nicht planen lässt. Vergeblich drängt er Jagger nach einer Setlist, die die Reihenfolge der Songs festgelegt, um dann die Kamerapositionen festzulegen. Er kriegt sie, aber erst in der letzten Minute vor dem Auftritt und so ist er fortan auf sein Improvisationstalent angewiesen.

Dieses Intro macht nicht nur deutlich, dass hier zwei völlig unterschiedliche Egos aufeinandertreffen, die einen Kompromiss finden müssen, es ist auch eine gelungen Vorstellung des Auftrittsortes, dessen Höhepunkt das Eintreffen der Clintons ist. Hier kann man die Stones mal richtig nett sehen, höfliche Begrüßung, Handkuss für die Damen und ein wenig Smalltalk. Erst als Keith Richards erfährt, dass die Clintons noch 30 Freunde eingeladen haben, die bestimmt auch noch hinter die Bühne wollen, unkt er: „You bushed me up, Mr. Clinton.“ Natürlich lässt es sich der ehemalige Präsident nicht nehmen, den Gig gebührend anzusagen, und dann geht nicht wie im Kino der Vorhang auf, sondern das Licht an. In gleißenden Farben kommen die Stones auf die Bühne und wissen ihr Publikum gleich mit dem ersten Song mitzureißen. Scorsese hält sich nun ganz zurück, erweist der Gruppe seinen Respekt und stellt sein Können ganz in den Dienst der Band. 

Was nun folgt, ist ein reiner Konzertfilm, der zwischen den einzelnen Nummern gelegentlich durch ein schwarzweiß eingespieltes Interview unterbrochen wird. Scorsese bedient sich da meist alter Interviews aus frühen Tagen, die um die Frage kreisen, wie lange die Stones selber meinen, ihren exzessiven Lebensstil noch durchziehen zu können. Dabei gelingt es ihm, ein ganz bescheidenes und sympathisches Bild der exzentrischen Musiker zu zeigen. Selbst von ihrem Erfolg überrascht, führen sie ihn auf Glück zurück, das sie bis heute nicht verlassen hat. Dieses beinahe naive Glücksgefühl findet Scorsese auch heute noch wieder. Da rast ein Mick Jagger wie ein alter Derwisch über die Bühne und versucht seine Mitspieler anzuheizen, während Keith Richards eine kindische Freude daran hat, seine Gitarren-Riffs regelrecht ins Publikum zu feuern und sich an dessen Reaktion zu erfreuen. Das die eigentlich Arbeit wohl eher sein Kollege Ron Wod übernimmt, führte in der Vergangenheit wohl öfter zu der Diskussion, wer der bessere Gitarrist sei, was Keith Richard beinahe salomonisch beantwortet. „Alleine sind wir beide ziemlich lausig, aber zusammen sind wir besser als alle anderen!“ 

Und so beschließt Scorsese seinen Film mit einem entsprechend schönen Schluss, in dem er die Kameras Jaggers Abgang von der Bühne verfolgen lässt. Kaum können sie seinen schnellen Schritten durch den Backstagebereich folgen, bis er die letzte Tür aufreißt und auf der Straße steht, wo Scorsese mit einer weiteren Kamera wartet und im Gegenschuss Jagger noch einmal von vorne zeigt, um dann in den Himmel über New York zu schwenken. „One Night and then up to sky“.

 

Kalle Somnitz