Shut In

Eine Kinderpsychologin (Naomi Watts) plagen unerklärliche Visionen und Albträume. Welcher Zusammenhang besteht zu dem Verschwinden eines Waisenjungen und ihrem gelähmten, pflegebedürftigen Sohn („Stranger Things“-Star Charlie Heaton)? Der prominent besetzte Thriller „Shut In“ konstruiert aus vertrauten Genreelementen und Motiven ein anfangs spannendes, psychologisches Puzzle. Nachdem der Plot-Twist etwas zu früh enthüllt wurde, machen sich jedoch (Konditions-)Schwächen bemerkbar.

Webseite: www.shut-in-film.de

USA 2016
Regie: Farren Blackburn
Drehbuch: Christina Hodson
Darsteller: Naomi Watts, Charlie Heaton, Jacob Tremblay, Oliver Platt, David Cubitt
Laufzeit: 90 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 15.12.2016

FILMKRITIK:

Von einem Moment auf den nächsten verändert sich für die engagierte Kinderpsychologin Mary (Naomi Watts) ihre ganze Welt. Ein tragischer Autounfall, bei dem ihr Mann stirbt und ihr Sohn Stephen („Stranger Things“-Star Charlie Heaton) schwer verletzt und dadurch zum Pflegefall wird, zerstört das bis dahin sorgsam beschützte Familienglück. Mary versucht dennoch stark zu sein. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihren komplett gelähmten Sohn. Daneben führt sie weiter ihre Praxis. Doch allmählich kostet beides einfach zu viel Kraft. Erst als Tom (Jacob Tremblay), ein Waisenjunge, dessen Behandlung sie übernimmt, in Marys Leben tritt, kehren Hoffnung und Zuversicht zurück. Sie beschließt, den Jungen bei sich aufzunehmen. Umso mehr beunruhigt es sie, dass Tom bereits kurz danach spurlos verschwindet und sich plötzlich seltsame Dinge im Haus zutragen, die sie sich rational nicht erklären kann.
 
Das Grundgerüst von „Shut In“ ist nicht neu. Der psychologische Thriller baut auf das Spiel mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, pathologischen Zweifeln und dem schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit. In einem solchen Szenario, das ahnt jeder nur entfernt mit dem Genre vertraute Zuschauer, darf man dem einzelnen Bild niemals gänzlich sein Vertrauen schenken. Jederzeit könnte der nächste Plot-Twist die Geschichte in eine mehr oder weniger unerwartete Richtung lenken und so die vorausgegangen Ereignisse umdeuten. M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“, der von seinen Figuren und Stimmungen durchaus mit „Shut In“ vergleichbar ist, gilt als der moderne Prototyp dieses Genres. Man verrät sicherlich nicht zu viel, wenn man dem Drehbuch von Christina Hodson die Ambition unterstellt, falsche Fährten legen und mit psychologischen Verhaltensmustern spielen zu wollen.
 
Die Stärke des Films liegt dabei eindeutig auf der ersten Hälfte. Mit wenigen Einstellungen etabliert der britische TV-Regisseur Farren Blackburn („Luther“, “Daredevil“) Marys Zuhause im verschneiten Neuengland als geheimnisvollen Ort. Die kühlen Aufnahmen des mehrstöckigen Hauses, für das die Location Manager drei unterschiedliche Sets fanden, lösen fast schon instinktiv ein gewisses Unbehagen aus. Der Schrecken ist dabei noch subtil und die Bedrohung schwer greifbar. Beides ändert sich erst, als „Shut In“ seine Karten auf den Tisch legt. Leider geschieht dies viel zu früh und weniger elegant als erhofft. Ab diesem Moment lässt sich der Spannungsabfall kaum mehr aufhalten. Trotz der obligatorischen Jump Scares, auf die Blackburn nicht verzichten mag, schleppt sich „Shut In“ seinem Finale entgegen.
 
Selbst die zweifache Oscar-Preisträgerin Naomi Watts und die Nachwuchstalente Charlie Heaton und Jacob Tremblay ändern hieran wenig. Immerhin leidet der Thriller nicht unter schauspielerischen Defiziten sondern an seinem wackligen, substanzarmen Fundament. Vergleicht man ihn mit ähnlich gelagerten Produktionen wie dem australischen Indie-Festivalhit „The Babadook“, so fehlt es Blackburns Film an psychologischer Tiefe, Suspense und einem bis zum Ende intakten Spannungsbogen.
 
Marcus Wessel