Shut Up And Play The Hits

Am 2. April 2011 spielte die amerikanische Indie-Band LCD Soundsytem ihr letztes Konzert im legendären Madison Square Garden in New York. In den Tagen vor und nach dem letzten Auftritt begleiteten Will Lovelace & Dylan Southern James Murphy, den Kopf der Band, und formten aus dem Material die Dokumentation „Shut Up And Play The Hits“, mitreißender Konzertfilm, Porträt einer Generation und nachdenkliche Frage nach dem Status des Rockstars in der modernen Welt.

Webseite: www.neuevisionen.de

USA 2012
Regie: Will Lovelace & Dylan Southern
Dokumentation
Länge: 108 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 6. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Als Rockstar hat man drei Möglichkeiten abzutreten: Man stirbt jung (unzählige Beispiele), man altert würdelos (bestes Beispiel: Rolling Stones) oder man schreibt ein Spider-Man-Musical (einziges Beispiel: U2).“ So der Moderator einer Fernsehshow, in der James Murphy seinen letzten Auftritt hatte. Denn Murphy – 42 Jahre, Produzent, DJ, Musiker und Kopf der Band LCD Soundsytem – wählte einen anderen, einen neuen Weg: Im Moment, als sein Projekt kurz vor dem Durchbruch in den Mainstream stand, kündigte er die Auflösung der Band an. Ein letztes, gigantisches Konzert vor 18.000 Zuschauern im Madison Square Garden wurde angekündigt, danach war die Ära einer der einflussreichen Independent-Bands beendet.

Und so verblüffend diese Entscheidung auch anmutet, am Ende von „Shut Up And Play The Hits“, der sehenswerten Dokumentation von Will Lovelace und Dylan Southern kann man die Beweggründe Murphys nachvollziehen. Denn auch wenn der unscheinbar wirkende 40jährige vor tausenden Menschen auf der Bühne steht, wenn er mit seiner Musik tausende begeisterte Menschen zum tanzen bringt, wirkt er in keinem Moment wie ein Rockstar. Im Gegenteil: Oft wirkt Murphy, als wäre er gern woanders, als wäre es ihm unangenehm, ekstatische Begeisterung auszulösen, als würde er auch während des Auftritts über seinen Status als Frontman einer erfolgreichen Band reflektieren. Genau dieses introvertierte Element war fraglos einer der Gründe, warum LCD Soundsystem (das bei Plattenaufnahmen ausschließlich aus Murphy bestand, der alle Instrumente selbst einspielte und nur für Konzerte eine Band um sich scharte) zu einer der erfolgreichsten Band der so genannten Hipster Generation wurde.

Gleichzeitig cool und introvertiert, extrovertiert und melancholisch zu sein – diesen kaum möglichen Spagat verkörperte Murphy ideal. Und auch im Film wirkt er oft etwas fern von dieser Welt: Ob er zusammen mit seiner kleinen Dogge aufwacht oder sich penibel mit seinen Espresso-Maschinen beschäftigt, als Rockstar geht Murphy in keinem Moment durch. Und das will er auch gar nicht sein, wie ein immer wieder zwischen die Konzertaufnahmen geschnittenes Interview mit einem Musik-Journalisten zeigt. In diesen Moment wird aus dem Konzertfilm eine Reflektion über den Status des Musikers in der modernen Welt. Wie weit will man den Anforderungen der Medien und der Öffentlichkeit entsprechen, wie sehr sich verbiegen, um Erfolg zu haben. Was macht Erfolg überhaupt aus und was kommt danach? All diese Fragen stellt sich Murphy und ist am Ende nicht wirklich davon überzeugt mit dem Ende seiner Band, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Doch bei aller Reflektion, bei allen Szenen des melancholischen Tags danach, ist und bleibt die Musik der Mittelpunkt von „Shut Up And Play The Hits.“ Sicherlich schadet es nicht, wenn der Zuschauer die Musik des LCD Soundsystems oder zumindest ihren Stil mag oder gar ein Fan ist. Doch selbst wenn man sie noch nie gehört hat, kann man sich ihrer Energie kaum entziehen. In einigen der besten Konzertaufnahmen jüngerer Vergangenheit sieht man die Bands ihre bekanntesten Songs aufführen, sieht tausende begeisterte Fans, ein Dutzend glückliche Musiker und versteht endgültig, warum es James Murphy bei allen abstrakten Gründen emotional so schwer fiel, diese Band aufzulösen.

Michael Meyns

James Murphy war der Frontmann von LCD Soundsystem, einer Gruppe von Rockmusikern, die während der Jahre ihres Bestehens keine feste Band bildeten, jedoch immer zu Live-Konzerten und Studioaufnahmen zusammenkamen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, Tausende liebten die Songs, die Konzerte und die Alben.

Dann mit 41 Jahren, quasi auf dem Höhepunkt des Erfolges, plötzlich Murphys Entscheidung, LCD Soundsystem aufzulösen, nur noch ein letztes Konzert zu geben. Von diesem Konzert und den Schilderungen, die Murphy in einem langen Interview am Kinozuschauer vorüberziehen lässt, handelt dieser Dokumentarfilm.

Warum aufhören? Es ist eine Frage, die in dem Gespräch mit dem Interviewer immer wieder anklingt. Vieldeutig hört sich die Antwort an. Murphy scheint nie ein „Image“ angestrebt zu haben. Möglicherweise spielt auch die Angst vor dem Scheitern eine Rolle. Außerdem will er sich privaten Dingen widmen, normaler, zurückgezogener leben, wahrscheinlich sich der Familie widmen, mit dem Hund spazieren gehen. Du kannst eigentlich nicht nach deiner Fasson leben, meint er, es ist die Gesellschaft, die dich formt.

Präziseres ist ihm nicht zu entlocken. Aber durchaus Fundiertes ist von ihm ebenfalls zu vernehmen. Wo, fragt er beispielsweise, fängt bei seiner Musik die Kunst an, wo der Mythos?

Das Schlusskonzert im New Yorker Madison Square Garden wird zum Ereignis: die viel beachteten und geliebten Songs, Murphy als Sänger, der Backgroundchor, die Instrumentalisten, die Drummer, die ganze Begleitmusik, die technische Perfektion, die Lichteffekte, auch die nie endende Ekstase der vielen Zuhörer.

Beim schönen Schlusssong über New York wird heimlich geweint.

Etwas für Liebhaber.

Thomas Engel