Sicario

Wie sehr der Krieg gegen die Drogen inzwischen Thema in der amerikanischen Öffentlichkeit ist, merkt man an der zunehmenden Anzahl von Filmen, die sich mit ihm beschäftigen. Einen besonders finsteren Blick auf Gewalt, Korruption und die fragwürdigen Machenschaften der Geheimdienste wirft Denis Villeneuve mit seinem stilistisch brillanten, vielschichtigen Thriller „Sicario“.

Webseite: www.sicario-derfilm.de

USA 2015
Regie: Denis Villeneuve
Buch: Taylor Sheridan
Darsteller: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Jon Bernthal, Victor Garber, Raoul Trujillo
Länge: 121 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 1. Oktober 2015

Pressestimmen:

"Atemlos spannend, schonungslos, mit einem überraschenden Twist am Ende."
Brigitte

FILMKRITIK:

Etwas außerhalb von Phoenix, der Hauptstadt des direkt an Mexiko grenzenden Staates Arizona heben die FBI-Agentin Kate (Emily Blunt) und ihre Kollegen ein wahres Horrorhaus aus: Dutzende Leichen sind in den Mauern versteckt und im Keller wartet eine unangenehme Überraschung: Eine versteckte Bombe tötet zahlreiche von Kates Kollegin, die fortan auf Rache sinnt. Der scheint sie durch eine Beförderung näher zu kommen: Sie wird Teil einer Kooperation zwischen den Geheimdiensten FBI, CIA und der Anti-Drogen-Behörde DEA, die im grenzüberschreitenden Krieg gegen die Drogen operiert. Angeführt wird die Einheit von Matt (Josh Brolin), ein klasssicher texanischer Macho, der Kate eher als notwendiges Übel sieht, denn als wirkliche Hilfe.
 
Viel wichtiger als Matt scheint aber Alejandro (Benicio Del Toro) zu sein, eine undurchsichtige Figur, dessen wahre Intentionen lange unklar bleiben. Gemeinsam mit einer schwer bewaffneten Leibgarde beginnt das Trio seine Arbeit. Im mexikanischen Grenzort Juárez sollen sie einen inhaftierten Boss des Diaz Clan nach Amerika überführen doch mitten auf der Autobahn eskaliert die Situation auf blutige, brutale Weise. Besonders Alejandro erweist sich dabei als wenig zimperlich und hinterlässt auch im folgenden eine Spur der Verwüstung, die Kate langsam daran zweifeln lässt, wer in diesem Krieg eigentlich die gefährlichere Seite ist: Die Drogengangs oder die Geheimdienste, die sie zu bekämpfen vorgeben.
 
Als das Ende des Kalten Krieges die USA als uneingeschränkte Supermacht zurückließ und enorme Mengen militärisches Potenzial nach Verwendung verlangten, begann der so genannte „War on Drugs“, der Krieg gegen die Drogen, die nicht nur die amerikanischen Märkte überschwemmte. Die scheinbare Lösung war simpel: Die kolumbianischen Kartelle in Cali, Bogota und besonders Medellin zu zerstören. Doch so einfach war es dann doch nicht. Zwar gelang es Drogenbosse wie etwa Pablo Escobar zu eliminieren, doch der Drogenhandel ging – wenig überraschend – weiter. Und ist inzwischen bis an die amerikanische Haustür vorgerückt: Die Grenzstadt Juárez ist für ihre unfassbare Brutalität, hohe Mordraten und zahllosen Entführungen bekannt, die Grenze zwischen den USA und Mexiko eine einzige Festung, durch die dennoch täglich kiloweise Drogen gelangen.
 
Der Kampf gegen die Drogen scheint also verloren, zumal die alles entscheidende Nachfrage nicht sinkt. Was also tun? Diese Frage stellt sich Kate, die gesetzestreue FBI-Agentin, die daran glaubt, dass korrekte Polizeiarbeit zur Lösung führen kann. Eine etwas naive, leichtgläubige Figur ist diese Agentin, die lange braucht bis sie merkt, dass sie nur Spielball in einem System ist, dass sie nicht durchschaut. So wie sie wollen auch Matt und Alejandro Stabilität wiederherstellen, doch Stabilität bedeutet nicht unbedingt ein Ende des Drogenhandels, sondern kann auch dadurch wieder erzeugt werden, dass die blutigen Konkurrenzkämpfe beendet werden und ein oder zwei Drogenbosse den Markt beherrschen und aus eigenem Interesse für ruhige Verhältnisse sorgen.
 
Natürlich würde kein echter Agent zugeben, dass solch eine „Lösung“ tatsächlich angedacht wird. Angesichts der schier ausweglosen Situation des Kriegs gegen die Drogen scheint eine solche Form der Stabilität allerdings auch nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Ob solch eine unterschwellige Akzeptanz von Drogenhandel der Preis von Sicherheit ist, ist eine der spannenden Fragen, die in „Sicario“ mitschwingen. Von dieser moralischen Ambivalenz wird der Film getragen, der mit seiner brillanten Oberfläche kaum Luft zum Atmen lässt. Perfekt inszenierte Actionszenen zeigt Villeneuve und lässt dabei ein komplexes Geflecht an Figuren und Interessen entstehen, dass alle Aufmerksamkeit fordert. Am Ende mag zwar für einen Moment die Gerechtigkeit gesiegt haben, doch wie „Sicario“ zeigt, ist im Krieg gegen die Drogen Gerechtigkeit nur eine relative Größe.
 
Michael Meyns