Sieben Minuten nach Mitternacht

Krankheit und Kino, diese Mischung gerät häufig zum Rührstück der sentimentalen Art. Wie die heikle Gratwanderung mit emotionaler Glaubwürdigkeit gelingt, zeigt dieses Drama um einen Teenager, der mit der unheilbaren Krebskrankheit seiner alleinerziehenden Mutter zurecht kommen muss. Basierend auf dem Jugendroman von Patrick Ness, entwickelt der Spanier Juan Antonio Bayona ein ebenso stimmiges wie bildgewaltiges Fantasy-Märchen über die Angst vor dem Tod – und den Mut, damit umzugehen. Leinwand-Ikone Sigourney Weaver gibt die nach außen sehr strenge, tatsächlich jedoch höchst verzweifelte Großmutter, die auch Aliens zur Tränen rühren dürfte. Bewegendes Arthaus-Kino der gefühlsechten Art!

Webseite: www.studiocanal.de

USA, Spanien 2016
Regie: Juan Antonio Bayona
Darsteller: Lewis MacDougall, Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebbell, Ben Moor
Filmlänge: 108 Minuten
Verleih: Studiocanal GmbH Filmverleih
Kinostart: 12.1.2017
 

FILMKRITIK:

„Man mag nicht, was man nicht kennt!“, erklärt die Mutter ihrem 13-jährigen Sohn Conor, als der wissen will, warum „King Kong“ so brutal von Flugzeugen angegriffen wird. Die an Krebs im Endstadium leidende Frau hat den alten 16-mm Film-Projektor des Opas ausgepackt und den Grusel-Klassiker eingelegt. „Damals war deine Oma noch freundlich“, seufzt sie in einem Nebensatz und gibt damit die Problematik vor. Seit sie schwer an Krebs erkrankt ist, führt die Großmutter ein strenges Regime. Die Sorge um ihre Tochter lässt die Fürsorge für den Enkel schwinden. Sie meint es nur gut, für den introvertierten Conor fehlt ihr freilich die erforderliche Empathie.
 
Als wären die Belastungen für den Teenager nicht schon groß genug, wird er in der Schule obendrein zum Mobbing-Opfer von Harry und seiner Bande, die ihn regelmäßig verprügeln. Kein Wunder, dass Conor immer häufiger von Albträumen heimgesucht. In einem dieser Träume erscheint ihm ein riesiger Baum, der zum Monster mit glühend roten Augen mutiert. Drei Geschichten will er dem Jungen erzählen, so kündigt er an. Danach soll Conor dann selbst eine vierte Story vortragen. Widerwillig lauscht der kleine Held der ersten Geschichte des nächtlichen Besuchers, die als Animationsfilm präsentiert wird. In dem Märchen geht es um einen jungen Prinzen, der von einer bösen Hexe – doch nichts ist, wie es erscheint. Die Realität sieht derweil weniger märchenhaft aus. Weil die Mutter zur Behandlung ins Krankenhaus muss, soll der Sohn bei der ungeliebten Oma einziehen. Der aus Amerika angereiste Vater erweist sich kaum als großer Trost.
 
Pünktlich um sieben Minuten nach Mitternacht erscheint erneut der Monster-Baum. Sein zweites Märchen, abermals eine Animations-Einlage, handelt von einem Alchemisten, der Wunder vollbringen kann und deshalb vom örtlichen Pfarrer bekämpft wird – bis dessen Tochter erkrankt und der Heiler die Hilfe verweigert. Abermals ist nichts so, wie erscheint. Zudem bekommt der schüchterne Held eine Lektion in Selbstbewusstsein. Voller Wut zerlegt er nicht nur das Wohnzimmer der Großmutter. Nach der dritten Geschichte schließlich, wächst der gebeutelte Teenager über sich hinaus und der der fiese Mitschüler bekommt eine Abreibung, die er nie vergessen wird.
 
Unterdessen verschlechtert sich der Zustand der Mutter dramatisch. Conor will nicht wahrhaben, dass sie sterben wird. Doch mit Hilfe des Monsters erkennt er die einzige Lösung seiner verzweifelten Situation: Er muss lernen, loszulassen – so unsäglich schmerzhaft das auch ist.  
 
Nach dem Fantasy-Film „Das Waisenhaus“ sowie dem Tsunami-Drama „The Impossible“ stellt der Spanier Juan Antonio Bayona bei seinem dritten Streich abermals sein enormes Erzähltalent und gutes Händchen für emotionale Stoffe überzeugend unter Beweis. Die wie Aquarelle wirkenden Animationseinlagen erweisen sich als dramaturgisch geschicktes Stilmittel. Die spezialeffektvoll gelungene Kreatur, die geradewegs dem „Herr der Ringe“ entsprungen sein könnte, mutiert schnell vom knorrigen Monster zu einer weisen ‚Mein Freund der Baum’-Variante. Die Entwicklung der menschlichen Charaktere dauert naturgemäß etwas länger. Während Sigourney Weaver sich mit präzisen, kleinen Gesten von der strengen Oma zur gütigen Großmutter wandelt, durchlebt der sensible Teeanger seine Ängste, Trauer, Schuld und Hoffnung wie auf einer emotionalen Achterbahn. Um am Ende seine Lektion für das Leben gelernt zu haben.
 
Mit dem jungen Briten Lewis MacDougall ist dem spanischen Filmemacher ein echter Glücksgriff gelungen. In fast jeder Szene präsent, muss der Teenager eine enorme Last schultern, was ihm mit erstaunlicher Mühelosigkeit gelingt. Er besteht neben dem CGI-Monster ebenso souverän wie neben der Leinwand-Ikone Weaver. Für sie dürfte dieses intime Drama für längere Zeit ein letzter entspannter Auftritt gewesen sein: Demnächst blüht der 66-Jährigen mit den Fortsetzungen von „Alien“ und „Avatar“ eine wahrer Marathon.
 
Dieter Oßwald