Beim Stichwort Meerjungfrauen dürften die meisten an Märchen denken oder an den Disneyfilm über Arielle. In Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann hybridem Film „Sirens Call“ scheinen die Fabelwesen jedoch zu existieren, zumindest halten sich manche Menschen für sogenannte Merfolks, was für die deutschen Regisseurinnen in ihrem Debütfilm Anlass für eine mal fiktive, mal dokumentarische Allegorie über moderne Gesellschaften und den Umgang mit Ungewöhnlichem ist.
Über den Film
Originaltitel
Sirens Call
Deutscher Titel
Sirens Call
Produktionsland
DEU, NDL
Filmdauer
121 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Reichel, Claus / Büyükatalay, Mehmet Akif
Regisseur
Gosling, Miriam
Verleih
missingFILMs – Acrivulis & Severin GbR
Starttermin
30.04.2026
In einer Art Labor beginnt Sirens Call, in dem Una (Gina Rønning) von ihrem Leben erzählt. Einst sei die Frau in den 40ern eine Meerjungfrau gewesen, die nun schon seit längerem auf der Erde lebt, sich auf menschlichen Füßen etwas staksend durch eine für sie seltsame Welt bewegt.
Durch die Glitzerwelt Las Vegas führt ihre Reise, wo Pyramiden stehen und in riesigen Aquarien Vorführungen stattfinden, in denen auch Meerjungfrauen auftauchen und die Herrlichkeit der USA gepriesen wird. Ganz wohl fühlt sich Una in dieser Welt augenscheinlich nicht, zumal sich Menschen bzw. Wesen wie sie, die irgendwie anders sind als die breite Masse, zunehmender Aversion und immer öfter auch Aggression gegenübersehen.
Erst in der nonbinären Moth (Moth Rønning-Bötel) findet Una eine Gleichgesinnte, die ihr mit Hilfe ihrer Tarot-Karten die Zukunft weissagt und sich mit ihr auf die Reise begibt. Im Nordosten der USA, in der besonders liberalen, für ihre Subkulturen bekannten Stadt Portland, scheint Una eine Heimat zu finden.
Wirkte „Sirens Call“ bis hierhin meist wie ein Spielfilm, scheint das folgende dokumentarisch zu sein: Unterschiedliche Menschen sprechen direkt in die Kamera und erzählen davon, wie sie langsam entdeckten, dass sie sich als Meerjungfrauen bzw. -männer fühlen, dass sie mit dieser neuen Identität zu neuem Selbstbewusstsein gefunden, sich stärker gefühlt haben.
Diese Menschen sind Vertreter der sogenannten merfolk Community, die gerade in Portland einigen Zulauf hat, aber auch in anderen westlichen Ländern Anhänger findet. Man könnte sie als besonders exzentrische Cosplayer betrachten, die sich in bunten Kostümen kleiden, die an Darstellung aus Fantasy-Filmen erinnern und sich mit großer Ernsthaftigkeit als Wesen mit vielfacher Identität bezeichnen.
Tatsächlich vernetzt sich diese Mermaid Community Online mit Hilfe einer MerMapp genannten App, die nicht nur für mermaids oder mermen zugänglich ist, sondern ganz allgemein auch für Ozean-Liebhaber und Menschen, die sich um den Erhalt dieser essentiellen Natur sorgen. Ein ernstes Anliegen also, das der auf den ersten Blick zumindest etwas seltsam wirkenden Gemeinschaft eine besondere Bedeutung verleiht.
In einem konventionellen Dokumentarfilm hätten die Merfolk vielleicht noch seltsamer gewirkt, wären von den Filmemacher mit einer gewissen Distanz beobachtet worden, die Gefahr, sie der Lächerlichkeit Preis zu geben wäre groß gewesen. Durch ihren hybriden Ansatz versuchen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann dies zu vermeiden. Jahrelang haben die beiden Filmemacherinnen an ihrem Film gearbeitet, haben Kontakt zu der Szene aufgebaut und dadurch Vertrauen gesammelt.
Dadurch, dass sie „Sirens Call“ anfangs fast wie einen Spielfilm inszenieren, in dem ein fremdes Wesen die menschliche Welt entdeckt, drehen sie den Blick auf die Gegenwart um: Was uns Menschen allzu oft als normal erscheint, wirkt so, mit den Augen einer Fremden betrachtet, viel irritierender, um nicht zu sagen seltsam. Nicht zuletzt die Art und Weise, wie fremde Wesen ausgestellt werden, verniedlicht, zum Teil des Vergnügungsprogramms in einer künstlichen Welt wie der von Las Vegas gemacht.
Die vielfältigen Fragen, die sich dadurch auftun, werden in „Sirens Call“ nur unter der Oberfläche angerissen, sie schwingen mit und lassen dieses hybride Werk zu einem ungewöhnlichen Blick auf eine Szene werden, der irritiert und mit seiner Empathie beeindruckt.
Michael Meyns







