Siri Hustvedt – Dance Around the Self

Bio-Pics sind immer so eine Sache. Nicht selten wird daraus PR-polierte Denkmalpflege oder ein gähnend braver Wikipedia-Eintrag mit Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie. Dass dieses Genre durchaus mehr kann, beweist Sabine Lidl. Nach gelungenen Dokus über Hannelore Elsner, Doris Dörrie oder Paul Auster porträtiert sie nun dessen Ehefrau Siri Hustvedt, die als eine der wichtigsten Stimmen der US-amerikanischen Literatur gilt. Regisseurin Lidl ist stets nahe dran an ihrem Objekt der dokumentarischen Begierde und erweist sich als teilnehmende Beobachterin der empathischen Art. Zugleich bewahrt sie die notwendige Distanz zu der Schriftstellerin, die sehr offen über ihre Glücksmomente, ihre Ängste und die Arbeit erzählt. Wenn Hustvedt mit Wim Wenders an der Bar über Hexenverfolgung philosophiert, ist man mittendrin statt nur dabei. So entsteht ein ziemlich starkes Porträt über eine sehr beeindruckende Künstlerin.

 

Über den Film

Originaltitel

Siri Hustvedt – Dance Around the Self

Deutscher Titel

Siri Hustvedt – Dance Around the Self

Produktionsland

DEU,CHE

Filmdauer

115 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Lidl, Sabine

Verleih

X Verleih AG

Starttermin

02.04.2026

 

„In der Bibliothek bekam ich Flügel!“, lautet einer der ersten Sätze von Siri Hustvedt beim persönlichen Rückblick auf ihre Leidenschaft für Literatur. Sie wird noch reichlich solche Einblicke in ihr Leben liefern, stets mit gut geschliffenen Formulierungen, wie es sich für eine Schriftstellerin ihres Kalibers schließlich gehört. Ihr späterer Ehemann Paul Auster lässt sich gleichfalls nicht lumpen, wenn es um die Wortwahl geht. Auf einem Notizzettel kritzelte er einst nach der ersten Begegnung eine kleine, feine Liebeserklärung. Daraus entsteht eine jahrzehntelange Künstler-Ehe, die 2024 mit dem Tod von Auster, ihrem „Lebensmenschen“, endet. Dessen Krebskrankheit macht das Paar bewusst öffentlich. Der Umgang mit Trauer und Verzweiflung soll Trost für andere in ähnlichen Situationen bieten.

 

Sieben Romane, einen Gedichtband sowie zahlreiche Essays hat die 1955 geborene US-Schriftstellerin seit den 1980er Jahren veröffentlicht. Werke wie „Die unsichtbare Frau“, „Die Verzauberung der Lily Dahl“ oder „Was ich liebte“ ließen sie zu einer der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur, zu einer feministischen Ikone werden. Während andere Kreative gerne kokettieren, wenn es um ihre Arbeit geht, plaudert Siri Hustvedt spürbar gerne und offen über ihre Arbeit. Etwa wie sehr sie die immer wiederkehrende Frage störe, ob sie ihre Geschichten denn alle selbst erlebt habe – als würde man einer Frau keine fiktionalen Fähigkeiten zutrauen, macht sie ihrem Ärger Luft. Zu ihrer Schreibmethode gibt die Autorin zu Protokoll, wie häufig die Struktur der Erzählungen verändert werden muss. Ganze Stapel an Material fallen bisweilen solchem kreativen Kompasswechsel zum Opfer. Durch Schwarz-Weiß-Animationen werden jene Frauen zum Leben erweckt, die das Schaffen von Hustvedt beeinflusst haben, wie etwa die Naturphilosophin Margaret Cavendish oder die Dada-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven.

 

Beim Privaten zeigt sich die Autorin gleichfalls auskunftsfreudig. Sie erzählt emotional von Kindheit, Geschwistern und den Eltern. Oder vom Umgang mit jenen Zitteranfällen, wie sie einst auch Angela Merkel erlebte und damit für Schlagzeilen sorgte. Auch zum angesagten „Best-Self“-Optimierungswahn zeigt sie klare Haltung: Schwierige Erlebnisse gehörten zum Leben eben einfach dazu, schließlich sei alles ständig in Bewegung.

 

Beim Einsatz von Talking Heads, einem notorischen Bremser bei Bio-Pics, hält sich diese Doku angenehm zurück. Statt Erinnerungen und Lobpreisungen von Mitschülern oder Weggefährten stehen hier längere Interviews mit Paul Auster im Mittelpunkt. Dessen kurzweilige Einordnungen und Einschätzungen haben Unterhaltungs- und Informationswert gleichermaßen. Schlauen Leuten, die etwas zu sagen haben, hört man einfach gerne zu. Das gilt auch für Wim Wenders, mit dem sich die Autorin an der Bar über Hexenverfolgung unterhält. Ort der Handlung ist das Steilneset Memorial im norwegischen Vardø. In dem kleinen Ort am Polarkreis wurde ein imposantes Denkmal zum Gedenken an 91 Opfer errichtet, die im Jahr 1691 der Hexerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. „Weil sie getrunken und mit dem Teufel getanzt hat“, liest Siri Hustvedt auf einer der Urteilsbegründungen, die an den Wänden der 100 Meter langen Gedenkhalle ausgestellt sind. Dieser ergreifende Schauplatz allein macht den Kinobesuch zum lohnenden Ereignis.

 

Nach dem Film ist vor der Neu- oder Wiederentdeckung der Werke einer beeindruckenden Schriftstellerin, die nicht umsonst zu den wichtigsten Vertreterinnen ihrer Generation gezählt wird.

 

Dieter Oßwald

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.