Slumming

Um die Schrecken der Globalisierung für seinen Dokumentarfilm „Workingman’s Death“ zu erforschen, reiste Michael Glawogger in ferne Länder. Jetzt wendet sich der österreichische Regisseur in einem Spielfilm den Verhältnissen hierzulande zu. Erfreulich ist das auch nicht. Auf der einen Seite stehen zynische Reiche, auf der anderen heruntergekommene Habenichtse. Und zwischen den Parteien herrscht Krieg. Glawoggers Blick auf den sozialen Zerfall ist schonungslos. Umso merkwürdiger wirkt die Erlösung, die er seinen beiden Hauptfiguren gewährt. Denn so einfach ist die Welt nicht zu retten.

Webseite: www.slumming.at

Österreich / Schweiz 2006
Regie: Michael Glawogger
Buch: Michael Glawogger, Barbara Albert
Darsteller: Paulus Manker, August Diehl, Michael Ostrowski,  Pia Hierzegger
Länge: 96 Minuten
Verleih: Alpha Medienkontor
Kinostart: 19. April 2007

PRESSESTIMMEN:

In seiner sardonischen Komödie erzählt der Österreicher Michael Glawogger ("Workingman’s Death") mit dreckigem Realismus und zärtlicher Hingabe an seine verlorenen Helden von Aufbrüchen in neue, fremde Welten.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Sebastian (August Diehl), ein junger Schnösel aus reichem Haus, hat sich einen Zeitvertreib zugelegt, den er Slumming nennt. Mit seinem Kumpel Alex (Michael Ostrowski) zieht er durch die abgewracktesten Kneipen Wiens und delektiert sich am Elend der Unterschicht. Je dreckiger es den Leuten geht, denen er begegnet, umso zufriedener ist Sebastian. Ein ähnliches Vergnügen zieht er aus seinem zweiten Hobby. Er trifft sich mit Frauen, die er im Internet kennen lernt, und erzählt ihnen irgendwelche Lügengeschichten, um sie ins Bett zu bekommen. Wenn er sein Ziel erreicht hat, macht er sich über seine Opfer lustig und verschwindet. Während Sebastian seine Menschen-Spiele spielt, taumelt Franz Kallmann (Paulus Manker) durch die Straßen und versucht, seine Gedichte an Passanten zu verkaufen. Aber das ist sinnlos. Der Dichter pöbelt, flucht und säuft. Wer will so jemandem etwas abkaufen? Sebastians und Kallmanns Wege kreuzen sich eines Nachts. Der aufmerksame Streuner, immer auf der Suche nach einem neuen Kick, verfrachtet den vollkommen Betrunkenen in seinen Wagen und fährt mit ihm über die Grenze nach Tschechien. In einer Kleinstadt legt er ihn auf einer Parkbank ab und fährt fröhlich zurück. Tolle Sache, „Slumming-Faktor Fünf“.    

 

Wie in den Filmen seiner Landsleute Ulrich Seidl und Barbara Albert tritt in Glawoggers „Slumming“ eine Verkommenheit zu Tage, gegen die deutsche Sozialdramen wie Kindergeburtstag wirken. Die Orte sind so hässlich wie die Seelen der Menschen, und jede dieser irrlichternden Figuren scheint darauf aus zu sein, andere zu verletzen. So weit voneinander entfernt ihr Platz in der sozialen Hierarchie auch sein mag, gemeinsam ist dem Dichter und dem Dandy eine mit Hoffnungslosigkeit gepaarte Wut. August Diehl spielt das mit einer lauernden Aggressivität, die jederzeit zum Ausbruch kommen kann. Paulus Manker tobt und treibt seine Figur ins Verderben. Die hingebungsvoll-verzweifelte Art, wie er eine Flasche Schnaps trinkt, ist einer der Höhepunkte des Films.

Nach dem Wendepunkt in Tschechien driftet Glawoggers Porträt gesellschaftlicher Gewinner und Verlierer ins Märchenhafte ab. Im verschneiten Tschechien leiten ein Bambi und Zwerge Kallmanns Rückkehr zur Nüchternheit ein. Der Zyniker Sebastian reist derweil nach Indonesien, wo ihm singende Frauen zum ersten Mal ein Gefühl von Schönheit vermitteln. Man kann das für bare Münze nehmen und die beiden verlorenen Seelen zu ihrer Rettung beglückwünschen oder diese Wendung als ironischen Abgesang auf die Hoffnung auffassen, dass sich irgendwas zum Besseren ändert. Aber als Auflösung dieser fulminanten Geschichte sind beide Varianten nicht so recht überzeugend. 

Volker Mazassek        

 
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Es gibt seit langem eine abgefahrene, witzige, völlig verrückte, auch durch mehrere Filme belegte österreichische Satire-Ecke, und in diese gehört Michael Glawoggers neuestes Projekt. Er fügt, manchmal ein wenig wahllos und willkürlich, Ideen, Geschichten und Geschehnisse zusammen, aber unmittelbar, frisch, anrührend sind sie immer. So auch dieses  Mal.

Wien im Winter. Sebastian und Alex sind befreundet. Sebastian ist der Sohn  reicher deutscher Eltern, der mit dem Geld nur so herumschmeißt. Alex ist Langzeitstudent. Die Hauptbeschäftigung der beiden: Sie stromern durch Wien, die Kneipen und Bars der Stadt, machen Mädchen an, reden wildes und auch wirres Zeug. Vor allem Sebastian ist ein Tunichtgut, der nichts anderes tut als herumzulungern, wahre und unwahre Geschichten zu erzählen und unanständige Fotos zu machen.

Die Mariahilfer-Strasse. Hier treibt Kallmann sein Unwesen. Er ist ein leicht verwahrloster, ein bisschen schmuddeliger Dichter, aber in noch viel stärkerem Maße ein Säufer. Er will auf der Straße seine Gedichte verkaufen. Doch niemand will sie haben. Die Menschen nehmen seine Aufdringlichkeit eher als Belästigung. Kallmanns Reaktion: Er schreit, gestikuliert, flucht – alles halb im Delirium.

Sebastians und Alex’ neueste grausame Idee: den gefundenen betrunkenen Kallmann nachts im Kofferraum ihres Autos nach Tschechien zu fahren und dort auszusetzen. Am nächsten Morgen wacht Kallmann auf: der Sprache nicht mächtig, ohne Geld und Papiere, in Schnee und Eis halb erfroren, sich dann in eine verlassene Jagdhütte rettend.

Pia, die Volksschullehrerin, auf die Sebastian seit neuestem ein Auge geworfen hat, erfährt davon und will zusammen mit ihrer Freundin Kallmann heimholen. Doch sie findet ihn nicht. Erst viel später begegnen sich die beiden zufällig: bei der Rotschaltung an einer Verkehrsampel.

Es ist nicht das Wien des Stephansdomes, der Ringstrasse, der Museen, der Touristen. Es ist das Wien der Gewöhnlichen, der Unsicheren und Unschlüssigen, der Einsamen, der Herumtreiber auch. Sie suchen ein wenig Glück zu erhaschen, oder sie ergeben sich dem Suff, oder sie machen aus Langeweile dummes Zeug. Glawogger hat ein paar von ihnen begleitet, verfolgt, liebevoll beäugt und beleuchtet. (Natürlich gibt es auch die große Mehrzahl der „normalen“ Wiener, doch von ihnen ist jetzt nicht die Rede.) Das alles ergibt den meist originellen Gehalt von „Slumming“. Man lässt ihn sich gerne präsentieren. Denn er ist sowohl sozial von Belang als auch unterhaltsam.

Paulus Manker als Kallmann ist schauspielerisch eine Wucht. Wie er geht, wie er schaut, wie er säuft, wie er bramarbasiert ist anschauenswert. August Diehl als Strizzi wirkt ebenso überzeugend. Insgesamt eine eher originelle, sogar sozial relevante Angelegenheit.

Thomas Engel