Small Town Girl

Ein mutiges, stellenweise bitterkomisches, schwarzhumoriges und trotz einiger expliziter Szenen und einer ebensolchen Sprache kein voyeuristisches oder reißerisches Drama über weibliche Selbstbehauptung und Sex als Verdrängung: Als die exzentrische Nore bei der schüchternen Medizinstudentin Jonna einzieht, wird aus der anfänglichen gemeinsam erlebten Freiheit schnell eine Reise durch verdrängte Erinnerungen. Hille Norden inszeniert ihren ersten Spielfilm als autobiografisch geprägtes Drama: eine erschütternde und gleichzeitig lebensbejahende Nahaufnahme einer Frau, die eine schreckliche Wahrheit verarbeitet.

 

Über den Film

Originaltitel

Small Town Girl

Deutscher Titel

Small Town Girl

Produktionsland

DEU

Filmdauer

90 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Norden, Hille

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Starttermin

15.01.2026

 

Die Ausgangslage klingt zunächst beinahe nach einem hedonistischen Kammerspiel: zwei flotte junge Frauen, die sich von früher kennen und zusammenziehen, Nächte wie im Rausch und ein Alltag mit zahllosen One-Night-Stands, viel Alkohol, Zigaretten und Disco Dancing. Die zurückhaltende Jonna (Luna Jordan) lernt einiges von Nore (Dana Herfurth), sie wird immer mutiger und selbstbewusster, doch irgendwann merkt sie, dass die vorzugsweise in fantasievoll wallende Gewänder gehüllte Freundin sich nicht als Vorbild eignet und dass Sex nicht immer Befreiung bedeuten muss. Hille Nordens Debüt als Spielfilmregisseurin verfolgt ganz andere Absichten als das Flirten mit dem „wilde Mädchen“-Klischee. Sie interessiert sich mehr für die Mechanik der Traumaverarbeitung – es geht auch darum, wie eine exzessiv ausgelebte Sexualität als vermeintliche Selbstbestimmung (miss)verstanden wird und die ganz große Freiheit zugleich Schutzschild und ständige Selbstverletzung ist.

Als Jonna sich in Michel (Jakob Geßner) verliebt, den einzigen von vielen Männern in dieser merkwürdigen Frauen-Mini-WG, der nicht sofort mit kessen Sprüchen wieder vor die Tür gesetzt wird, beginnt die nur scheinbare Harmonie zwischen den beiden Frauen zu kippen. Nicht ganz unerwartet, aber mit größtmöglicher Sensibilität und zusätzlich mit Effekten, die teilweise plakativ wirken und sich der Mittel des fantastischen Realismus bedienen, wird der Blick auf Nores Vergangenheit gelenkt, auf die Gewalt, die sie erleben musste und die hinter ihrer vermeintlich selbstbewussten Pose steckt. Nores Konstruktion ihrer jetzigen Welt fällt buchstäblich in sich zusammen. Und „Smalltown Girl“ ist damit bei seiner eigentlichen Message angekommen: Nicht „Warum ist sie so?“ und „Wer oder was hat sie zerbrochen?“, sondern „Wie kommt Nore heraus aus diesem Strudel der Exzessivität?“

Es wird klar, dass eine jugendliche Missbrauchserfahrung aus Nore die Frau gemacht hat, die sie heute ist. Aber wie kommt sie davon wieder weg? In Gesprächen mit Jonna, die eine durchaus therapeutische Wirkung haben, ohne dass dies irgendwie hervorgehoben würde, begegnet Nore ihrem jüngeren Ich – einer 14-Jährigen, die so verliebt war und so bitter enttäuscht und verletzt wurde, dass sie ihr Trauma nicht mehr loswird. Dass Hille Norden dabei Täter‑Opfer‑Schablonen vermeidet, ist ein großer Verdienst, ebenso die Art, wie sie Männer beschreibt, auch die, mit denen die erwachsene Nore an allen möglichen und unmöglichen Orten Sex hat. Eigentlich haben sie alle ihre Defekte, keiner von diesen Kerlen scheint auch nur ansatzweise so etwas wie Normalität zu kennen, auch wenn sie vielleicht nicht ganz so gestört sind wie Nore.

Dana Herfurth, bekannt aus der Serie „Call My Agent Berlin“, wo sie eine Hauptrolle hatte, spielt Nore furchtlos und mit großem Mut zur körperlichen und seelischen Entblößung, immer aber mit einem diskreten melancholischen Unterton, den sie mit coolen Sprüchen zu brechen weiß. Zu ihrer beinahe elfenhaften Grazie passen die farbenfrohen Tüllkleider, die sie noch ein bisschen verletzlicher und unschuldiger wirken lassen – zusammen mit ihrer lasziven Art ist das ein Rezept, das bei Männern hundertprozentig zu wirken scheint. Luna Jordan ist als Jonna in erster Linie eine Freundin, die immer mütterlicher wird, auch wenn es durchaus Ansätze für eine lesbische Liebesbeziehung gibt. Sie zeigt nicht nur ihr Interesse, das keineswegs durch ihren Beruf begründet ist, sondern auf einer rein menschlichen Basis stattfindet, und zusätzlich erweist sie der Freundin Respekt durch ihre Neugier und ihr Mitgefühl. Vera Fay als jüngere Nore ist schlicht sensationell in ihrer noch beinahe kindlichen und doch schon reifen Darstellung eines schwer traumatisierten Mädchens, das sich irgendwie behauptet und danach strebt, sich selbst zu heilen. Sie schildert ihre Erfahrungen sachlich, scheinbar ohne emotionale Bewegung. „Ich glaube, ich sollte mehr hassen“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber ich kriege es einfach nicht hin.“ Ihre ständige Anspannung ist in kleinen Gesten, vor allem aber in ihren Blicken spürbar. Alles, was sie sagt und tut, gibt die Hilflosigkeit, die Qualen und die – ja, tatsächlich – auch die Schuldgefühle wieder, die sie bis heute peinigen.

Dennoch schwingt bei allem Schmerz der verletzten Seele bei Nore immer auch der Wunsch nach Veränderung, nach Hoffnung und Lebensfreude mit. Es ist der Wunsch nach Versöhnung mit sich selbst, nicht der Wunsch nach Rache, von dem Nore geleitet wird, und diese Entwicklung macht den Film letztendlich zu einem Statement, das die aktuelle weibliche Lebensrealität nicht nur zeigt, sondern auch kommentiert und interpretiert.

 

Gaby Sikorski

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