Small World

Auch mit inzwischen 62 Jahren ist Gerard Depardieu immer noch ein Erlebnis. Er steht im Mittelpunkt von Bruno Chiches Verfilmung des Debütromans von Martin Suter, und rettet den Film mit seiner Präsenz über manche Schwäche hinweg. Denn das Familiendrama um Alzheimer und die Schatten der Vergangenheit, die auf dramatische Weise ans Licht kommen, ist zwar ansehnlich gefilmt, wirkt aber doch wie Chabrol-Light.

Webseite: www.smallworld-film.de

Frankreich, Deutschland 2010, 93 Minuten
Regie: Bruno Chiche
Drehbuch: Bruno Chiche, Fabrice Roger-Lacan, Juliette Sales, Jennifer Devoldere, nach dem Roman von Martin Suter
Darsteller: Gerard Depardieu, Alexandra Maria Lara, Francoise Fabian, Niels Arestrup, Nathalie Baye, Yannick Renier
Verleih: Majestic Filmverleih
Kinostart: 16. Dezember 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nach „Giulias Verschwinden“ und „Lila Lila“ ist „Small World“ schon die dritte Verfilmung eines Romans von Martin Suter, die binnen kurzer Zeit in die deutschen Kinos kommt. Für seine Adaption des Krimi-Dramas verlegte Regisseur Bruno Chiche die Geschichte in die französische Provinz. Dort hat die wohlhabende Industriellenfamilie Senn ihren Hauptwohnsitz.

Familienoberhaupt ist Elvira Senn (Francoise Fabian), ihr Sohn Thomas (Niels Arestrup) verbringt mehr Zeit mit Golfspielen und Alkohol als dem Führen des Konzerns. Sein Sohn Philippe (Yannick Renier) hat gerade die hinreißende Simone (Alexandra Maria Lara) geheiratet, mit deren naivem, Unschuld verströmendem Blick auch der Zuschauer die Welt der Senns entdeckt. Gleich auf der Hochzeitsfeier erlebt Simone einige der Abgründe, die sie im Laufe der Geschichte erleben wird: Zum einen taucht überraschend Philippes Mutter auf, die elegante Elisabeth (Nathalie Baye), die der Familie entkommen ist und nun in Amerika lebt. Vor allem aber bringt bald Konrad (Gerard Depardieu) in offensichtlich verstörtem Zustand die Gesellschaft durcheinander.

Verschämt wird das schwarze Schaf der Familie weggebracht, dessen Rolle Simone bald erfährt: Seit seiner Kindheit Jahren lebte Konrad mit der Familie, zunächst als eine Art Adoptivsohn, später dann in eher bescheidenden Funktionen, zuletzt als Hausmeister. Doch Konrad hat Alzheimer, was in seinem Fall einen besonderen Effekt hervorruft: Sein Kurzzeitgedächtnis lässt zwar nach, an Simone, die ihm bald zugetan ist, kann er sich bei jedem neuen Treffen kaum erinnern, doch gleichzeitig wird es Konrad möglich, sich immer besser an Ereignisse in der Vergangenheit zu erinnern. Und die Geheimnisse, die dort verborgen liegen, würde besonders Elvira Senn gerne vergessen.

Das ist in etwa die Grundkonstellation der Geschichte, die im Laufe des Films nicht etwa klarer, sondern durch gewagte Konstruktionen noch unübersichtlicher wird. Die arg vielfältigen Familienstreitigkeiten werden oft nur angerissen und selten vertieft, geschweige denn mit der moralisch-ethischen Komplexität beschrieben, die das große Vorbild auszeichnete. Denn angesichts der Thematik „Abgründe der französischen Bourgeoisie“ drängt sich schon bald der unvermeidliche Vergleich zum Werk von Claude Chabrol auf, den Bruno Chiche einfach nicht gewinnen kann.

So bleibt vor allem Gerard Depardieu, der auch mit 71 noch arbeitet wie ein junger Spund. Und vor allem immer noch eine Präsenz hat, um die ihn viele Kollegen beneiden dürften. Mit welcher Präzision er den langsamen Verfall einer Alzheimer-Erkrankung darstellt, allein das macht „Small World“ sehenswert. Zu schade, dass nicht auch der Rest des Films die Qualität von Depardieus Darstellung hat.

Michael Meyns

Die Verfilmung eines erfolgreichen Romans des Schweizers Martin Suter. Es geht, eng miteinander verschmolzen, vor allem um die Lebenslügen innerhalb einer reichen Familie, in Anlehnung an das Schicksal von Suters Vater um die Schilderung des Verlaufes der Alzheimer-Krankheit und um die Entscheidung einer jungen Frau, die Lügengespinste zu verlassen und sich Menschlichem zuzuwenden.

Als der alte Patriarch Arthur Senn stirbt, lässt er seine zweite Frau Elvira zurück. Sie leitet nun die Familie. Arthurs Haushälterin Anna zieht in die USA, lässt jedoch ihren Sohn Konrad Lang bei den Senns zurück, damit dieser ein besseres Leben habe. Konrad war während der Kindheit der Spielgefährte von Elviras Sohn Thomas – der schnappte sich Elisabeth, die eigentlich von Konrad geliebt wurde -, dessen Sohn Philippe wiederum gerade die schöne Simone geheiratet hat.

Konrad hatte bis jetzt ein Ferienhaus der Senns verwaltet, das jedoch in Flammen aufging. Auf der Hochzeit Philippes und Simones taucht der inzwischen in der Familie Senn unbeliebt gewordene Eindringling uneingeladen auf – und damit löst sich der scheinbare Friede der Familie ein für allemal in Wohlgefallen auf.

Konrad wird ins Gästehaus abgeschoben. Thomas will mit ihm nichts mehr zu tun haben. Philippe betrügt seine Frau. Elvira hütet ein böses Geheimnis, das sie bis zum Selbstmord treibt. Der rührenden Elisabeth bleibt nichts anderes als zu kapitulieren. Simone wenigstens stellt sich als humane Frau heraus, die Konrad zugetan ist.

Dieser ist krank: Alzheimer. Zwischen kindlichem Gemüt, Erinnerungen an die Kindheit, Kurzzeitgedächtnislücken, Humor und Geistesabwesenheit vegetiert er schließlich dahin. Simone betreut ihn und hilft ihm. Sie weiß auch, dass sie die Senns verlassen muss.

Ein kompliziertes Geflecht. Einsichtig, aber von der Regie und der Montage her bei weitem nicht immer leicht zu durchschauen. Thematisch allerdings werden schwere Geschütze aufgefahren, und die Personencharakterisierung ist 1a.

Francoise Fabian ist die böse Elvira, Yannick Renier der unbedeutende Philippe. Thomas (Niels Arestrup) scheint ein Leben ohne Inhalt zu führen. Nathalie Baye gibt in einer kleineren Rolle eine berührende Darstellung als Elisabeth. Mit eine der entscheidenden Hauptrollen Alexandra Maria Lara als gütige, erkennende, sich entscheidende Simone.

Schwer zu spielen sicherlich der Part des kranken Konrad. Gerard Depardieu gibt wieder einmal während des gesamten Dramas eine bewundernswerte Vorstellung.

Thomas Engel