Snowpiercer

Ein Zug mit den letzten Überlebenden der Menschheit rast auf einer ewigen Fahrt über die Erde. Dass ist das vollkommen überkandidelte, aber auch höchst faszinierende Konzept von Bong Joon-hos dystopischem Abenteuerfilm „Snowpiercer“. Zum ersten Mal drehte der Koreaner mit internationalen Stars und auf Englisch, was seinen Qualitäten keinen Abbruch tut: bildgewaltiges, originelles Kino zu inszenieren.

Webseite: www.mfa-film.de

Korea/ Frankreich 2013
Regie: Bong Joon-ho
Buch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Darsteller: Chris Evans, Tilda Swinton, John Hurt, Jamie Bell, Song Kang-ho, Ko Asung, Ed Harris
Länge: 126 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 3. April 2014

FILMKRITIK:

Irgendwann in der Zukunft versuchte die Menschheit mit einer radikalen Lösung die Erwärmung der Atmosphäre zu stoppen: Ein Kältemittel wurde versprüht, jedoch mit unvorhergesehenen Folgen. Die gesamte Oberfläche der Erde ist von Schnee und Eis bedeckt, die Städte zerstört, die Menschheit fast ausgestorben. Nur einige Hundert haben überlebt und fahren im Zug des Großindustriellen Wilford auf einer endlosen Rundfahrt um den Globus. Der visionäre Wilford hatte die Katastrophe kommen sehen und einen endlos langen Zug gebaut, der sich selbst versorgen kann: Es gibt Gewächshäuser, ein Aquarium, eine Schule und viele Annehmlichkeiten für die Reichen: Sauna, Whirlpool, Bars und Disco. Doch in den hinteren Abteilen lebt der Pöbel, die verdreckte Masse, die mit chemisch hergestellten Proteinblöcken am Leben erhalten und von den Schutztruppen der Reichen unter Kontrolle gehalten wird.

Seit 17 Jahren ist der Zug unterwegs, auf seiner endlosen Fahrt, etliche Aufstände wurden schon brutal niedergeschlagen, doch nun brodelt es wieder: Curtis (Chris Evans), der als Teenager einen Platz im Zug ergatterte, zögert zwar noch, aber ein Plan reift, sein junger Adjutant Edgar (Jamie Bell), ein so genanntes Zug-Baby, ist voller Eifer und will lieber heute als morgen einen Angriff starten, und auch der alte, greise Gilliam (John Hurt), der spirituelle Anführer, drängt auf Aktion. Und so geht es schließlich los: Zunächst wird der Ingenieur Namsoong (Song Kang-ho) aus dem Gefängnis befreit und mit seiner Hilfe gelingt es Tür um Tür zu öffnen, Abteil für Abteil nach vorne zu kommen. Doch was die Rebellen an der Spitze des Zuges erwartet, können sie nicht ahnen.

Ein Zug als Mikrokosmos der Menschheit, Machtverhältnisse, Unterdrückungsmechanismen, totalitäre Strukturen, Rebellion auf engstem Raum. Dass ist die Metapher, der sich Bong Joon-ho in seinem neuen Film „Snowpiercer“ bedient. Dass ist nicht unbedingt subtil und wird vom Film auch etliche Male explizit auf den Punkt gebracht: „Dieser Zug ist die Menschheit“ heißt es da einmal, als hätte man das nicht schon längst durchschaut. Doch Subtilität war noch nie die Stärke von Bong, der in seinem größten Erfolg, dem Monster-Film „The Host“, ein riesiges mutiertes Monster auf die koreanische Hauptstadt Seoul losließ, dass das schwierige koreanisch-amerikanische Verhältnis symbolisierte.

Doch das ganze Konzept, das ganze Setting von „Snowpiercer“ ist so überkandidelt, so absurd, dass unsubtile Metaphern praktisch dazugehören und der Kraft der Erzählung nichts anhaben können. Hauptdarsteller Chris Evans spielt zwar mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit, doch ansonsten scheinen die meisten Darsteller gemerkt zu haben, worum es hier geht. Gerade Tilda Swinton als Mason, Wilsons rechte Hand, wirkt mit altmodischer Brille, riesigem Gebiss und merkwürdig ondulierten Haaren vollkommen fehl am Platz und hat sichtlichen Spaß an der Groteske.

Vor allem aber ist es das Design des Zuges, die überraschenden Abteile, die hinter jeder Tür auftauchen, die „Snowpiercer“ so originell machen, und dazu etliche spannende, packende Actionszenen, in denen Bong auf engstem Raum und teilweise in fast völliger Dunkelheit seine stilistische Klasse beweist. Als ernstzunehmende Metapher über totalitäre Strukturen funktioniert „Snowpiercer“ nur bedingt, doch als mitreißender Kinntop ist er geradezu unverschämt unterhaltsam.
 
Michael Meyns